Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium, BWV 248
Christine Schäfer, Bernarda Fink, Werner Güra, Gerald Finley (Kantaten I-III), Christian Gerharer (IV-VI)
Arnold Schönberg-Chor, Wien (Einstudierung: Erwin Ortner)
Concentus Musicus Wien
Nikolaus Harnoncourt
deutsche harmonia mundi/Sony,
2 SACDs
Wie viele Aufnahmen von Bachs Weihnachtsoratorium gibt es schon? Man müsste wohl den Vergleich mit den Sandkörnern am Meer und den Sternen am Himmel bemühen. Trotzdem: Diese ist es, auf die man gewartet hat. Die Neuaufnahme unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt. Seine zweite für Platte/CD erst, nach der legendären mit den Wiener Sängerknaben von vor über dreißig Jahren. Es war offenkundiges Prinzip von Harnoncourt, eine zweite Aufnahme einer seiner Interpretationen erst dann zu veröffentlichen, wenn er selbst der Meinung war, weiter gereift, an diesem Werk weitergekommen zu sein. Wie für alle Harnoncourt-Aufnahmen trifft das auch für das Weihnachtsoratorium zu. Und wie!
Wem das Gold der Verpackung etwas zu plakativ, geradezu kitschig sein mag, der möge Bedenken, dass diese Aufnahme bei zwei Konzerten im Großen Saal des Wiener Musikvereins entstand - dem berühmten "Goldenen Saal". Dieser Saal steht vor allem für eine einzigartige Akustik, die, wie in kaum einem anderen Konzertsaal dieser Welt, einen präzis analytischen Klang mit einer samtenen Wärme und "rundum-Akustik" verbindet. Die Musik hüllt den Hörer dort regelrecht ein und ent-hüllt zugleich all ihre Details und Feinheiten.
Zunächst einmal davon profitiert diese Aufnahme ungemein. Obwohl der Arnold Schönberg-Chor in vergleichsweise großer Besetzung singt und generös seinen pastosen Wohlklang verströmt, sind quasi alle Stimmen einzeln zu orten, ist jede Verzierung der Musik genau zu verfolgen, teilt sich jede harmonische Spannung trennscharf mit. Gleiches gilt für das Spiel des Concentus Musicus: Harnoncourt kann in diesem Saal ein Konzept verwirklichen, das auf eine Mischung, gleichsam Vermählung der Klänge zielt, ohne das sie ihre Individualität aufgeben müssten. Das gibt einer Interpretation Raum, die wirklich das ganze Werk im Auge hat und alle Details als im Dienst dieses Ganzen zu erkennen gibt. So konsequent, schlüssig, fühlbar ist das bisher keinem der vielen Interpreten des "Weihnachtsoratoriums" gelungen. Lässt man seiner Fantasie beim Hören dieser Aufnahme freien Lauf, dann meint man, Bach beim Schreiben der Stimmen zusehen zu können.
Harnoncourt fusioniert alles Bemühen, das durch andere Musiker dem Weihnachtsoratorium, der klassischen Weihnachtsmusik des deutschen Sprachraumes schlechthin, bisher zuteil wurde. Er hebt, rundum im Hegelschen Sinn, das Sentimentale, das Romantische, das als tröstlich Empfundene genauso auf wie das Analytische, aufs Erkennen der Struktur Gerichtete und das schier Musikantische. Dazu gehören: moderate bis langsame Tempi, exakt erarbeitete Artikulation und genaue Abstufungen der Dynamik.
Er gibt zum Beispiel zu fühlen, wie Bach aus Tänzen in voller Überzeugung formulierte Glaubensbekenntnisse macht, so im Chor "Herrscher des Himmels": Der Grundrhythmus wird nicht zu straff gespannt, die Artikulation der Instrumente ist mehr geschmeidig als schwungvoll. Der Chor singt nicht mit unverhohlenem Jubel sondern mit einer Innigkeit, die der Konzentration auf eine im Detail erarbeitete Artikulation entspringt. Musikalische Mittel werden auf solche Weise ganz in fühlbaren Ausdruck transformiert. An jedem, aber auch jedem Stück dieser Interpretation des Weihnachtsoratoriums ließe sich das nachverfolgen. Das macht die ebenso grandiose Wirkung wie die berührende Nähe dieser Aufnahme aus: Sie behauptet nichts, sie erzwingt nichts. Sie legt dar und offenbart, in welch unvergleichlichem Ausmaß Bach der Herr über die musikalischen Mittel seiner Zeit war.
Dazu brilliert sie mit einer Starbesetzung unter den Solisten, wie sie heute im Barockfach kaum mehr für möglich zu halten ist. Schäfer, Fink, Güra, Finley und Gerharer: allein stimmlich schon eine Idealbesetzung. Aber auch hier belässt es Harnoncourt nicht beim schönen Äußeren: Diese rundum opernerfahrenen Sänger wurden engagiert, weil sie die Kunst besitzen, mit ihrer Gesangstechnik dem Hörer das Tor zum tiefen Verständnis zu öffnen. Finley zum Beispiel trompetet das "Großer Herr und starker König" nicht heraus. Er legt eine Ruhe in seine Stimme, die diese Worte als Anrede voller Respekt zu verstehen geben. Werner Güra erinnert mehr als einmal an das Timbre und die brennende Intensität von Fritz Wunderlich - in den Rezitativen gibt er die Handlung der Weihnachtsgeschichte nicht lediglich wieder. Er löst vielmehr das Engagement des bewegten Christen daraus heraus, das Bach dieser Partie eingeschrieben hat. Christine Schäfer: Sie ist ein weiteres Wunder dieser Aufnahme, gleichsam ihre Seele, so klar führt sie ihre Stimme, so stark gehen ihre Klänge zu Herzen. Wie sinnlich, wie leidenschaftlich geraten ihr und Christian Gerhaher die Duett-Ariosi "Komm ich will Dich mit Lust umfassen" und "Wohlan, dein Name soll allein" der vierten Kantate. Gerharer und Harnoncourt zeigen: Solch emotionsgeladene rezitativische Basspartien wie diese Ariosi wurden erst viel später wieder geschrieben - von Richard Wagner.
Nein, diese Interpretation ist derart prall gefüllt von Entdeckungen und Offenbarungen, dass sie nicht beschrieben sondern gehört werden wollen. Sie wirft jedenfalls alle Klischees über diese "Weihnachtsmusik" derart über Bord, dass der Hörer eigentlich eine geistlich motivierte Oper mit all ihren Anforderungen an das Hinhören, an emotionale Wechselbäder, erwarten muss. Über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte waren Nikolaus Harnoncourts Aufnahmen der großen Bach-Oratorien die Referenzpunkte, an denen sich alle - ob in Zustimmung oder Ablehnung - orientiert haben. Diese Deutung des Weihnachtsoratoriums ist nun in sich versöhnlicher, weniger polarisierend. Sie hat auch namhafte Konkurrenten: etwa die kammermusikalisch temperamentvolle Lesart Ton Koopmans oder die zupackende Version unter René Jacobs mit tollen Solisten und dem hinreißend virtuosen Rias-Kammerchor. Aber sie schlägt alle mit ihrer radikalen emotionalen Qualität. Sie enthüllt ein völlig neues, so bislang unbekanntes Werk. Sie ist die Referenz für die Zukunft.
Laszlo Molnar