J.S. Bach
Tombeau de Sa Majesté la Reine de la Pologne
Ricercar Consort, Leitung: Philippe Pierlot
Mirare MIR 030, 1CD
Vieles, was bei Johann Sebastian Bach unter dem Titel "Kantate" bekannt ist, war bei seiner Entstehung eine Musik für einen ganz bestimmten Anlass. Eine ganz besondere Festmusik, die dieses Ereignis einzigartig, denkwürdig machen sollte. Aus solch einem Anlass entstand 1727 jenes Werk, das heute als "Trauerode" bekannt ist und von Schmieder als Kantate BWV 198 gelistet wurde. Dabei ist diese Trauerode wesentlich mehr: sie ist musikgewordener Ausdruck einer wirklich überwältigenden Trauer, als am 5. September 1727 Prinzessin Christiane Eberhardine von Brandenburg Bayreuth starb. Ein Grabmal, wie der original französische Titel sagt.
Christiane Eberhardine, eine Prinzessin Diana des Barock? Möglich: sie war die Frau von August dem Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, dem sie in seinem Bekenntnis zum katholischen Glauben nicht folgte und ihn wegen seiner notorischen Frauengeschichten verließ. Beim Volk Sachsens war sie deshalb beliebt und ihr Tod war ein harter Schlag. Vier Monate Staatstrauer wurden angeordnet. In der Leipziger Universitätskirche fand am 17. Oktober ein Trauergottesdienst statt, für den Bach die Musik zu schreiben den Auftrag erhielt.
Es entstand eine seiner sensiblesten, intimsten und dabei festlichsten Kompositionen. Alles originale Musik, keine Wiederverwendung, mit Raffinesse instrumentiert für Streicher, Flöten, Oboen, Gamben und Basso Continuo, dazu Chor und vier Solisten. Ein Werk, das man nicht oft hört, dafür aber mit um so größerer Einkehr.
Diesen Aspekten wird die Neuaufnahme durch das belgische Ricercar-Consort in jeder Hinsicht gerecht. Wenn man das phänomenale Ensemble nicht live gehört hätte, dann glaubte man, hier wurde so lange geregelt und geschnitten, bis diese fein ausgewogenen Balance aller Stimmen hergestellt wurde. Aber was die Musiker hier vorführen, das funktioniert auch im Konzertsaal oder in der Kirche. Die Solisten singen auch die Chorpartien. Dadurch rückt dem Hörer das Wort ganz nahe, bekommt man den Eindruck, als werde man ganz speziell angeprochen. Diese Praxis, den Chor solistisch zu besetzen ist immer noch umstritten und auch durch Angaben Bachs nicht belegt. Aber der Ricercar Consor verfolgt seine Entscheidung mit aller künstlerischer Konsequenz, was heißt: die Solisten kennen ihre Aufgaben ganz genau und verstehen sich nicht als "Solisten" sondern als für die ganze Musik verantwortliche Kammermusiker.
Mit Bachs Lutherischer Messe BWV 234 in gleicher Besetzung und zwei Orgelwerken wird das "Grabmal" zum Hör-Gottesdienst ergänzt und abgerundet. 80 Minuten Versenkung in eine vergangene, in ihrem Erklingen aber rundum lebendige Welt.
Laszlo Molnar