"Meine Seufzer, meine Tränen"

Cantatas - Vol. 8 
Gerlinde Sämann (sopran), Petra Noskaiová (alt), Christoph Genz (tenor), Jan Van der Crabben (bass), La Petite Bande / Sigiswald Kuijken 
Accent ACC25308 [63:01]
www.accent-records.com

Bei den Ausmaßen der verschiedenen Zyklen von Bach Kantateneinspielungen - dutzende CDs, zum Teil hunderte Kantaten - sind es die Gesamteindrücke, die bleiben, mehr denn Impressionen einzelner Werke. Und die sind, selbst bei wechselnden Sängerbesetzungen, erstaunlich gleichbleibend. Massaki Suzukis auf BIS hat viele, insbesonders sängerische Höhepunkte, aber hinterläßt einen flüchtigen, leichtgewichtigen Eindruck. John Elliot Gardiners Live-Einspielungen auf dem eigens dafür gegründeten Soli Deo Gloria Label überzeugen mit ungeheurer Spontanität (von den superb gestalteten Aufmachung ganz abgesehen), aber die höchsten Erwartungen werden oft milde unterlaufen. Bei Ton Koopman (erst auf Erato, dann auf dem ebenfalls für das Projekt neu geschaffenen Antoine Marchand Label (Challenge Classics) ist es eher anders herum: Selten ragen einzelne Kantaten heraus, aber jedes mal wenn man Gefahr läuft, Koopman's Einspielungen zu unterschätzen, überzeugt die unglaubliche Homogenität und Musikalität aufs Neue.

Philippe Herreweghe (Harmonia Mundi) wollte nie einen ganzen Zyklus einspielen und der zurückhaltende Fokus scheint Früchte zu tragen. Jede Neuerscheinung ist ein weiteres Kantatenjuwel im reichhaltigen CD-Register. Zwei gerade begonnene - ebenfalls nicht unbedingt auf Vollständigkeit zielende Zyklen - bereichern uns mit Darbietungen die der neuesten, sich als Bachforschung maskierenden, Aufführungsideologie, dem "One-Voice-per-Part" Stil, folgen. Sigiswald Kuijken auf audiophilen Accent SACDs plant einen Ein-Jahres Zyklus; das Purcell Quartet (Chandos/Chaconne) arbeitet sich durch die frühen Bach Kantaten.

Musikologen und Musiker wie Joshua Rifkin, Andrew Parrott, John Butt argumentieren - in der Theorie nur bedingt schlüssig, in der Praxis aber oft sehr überzeugend - dass Bach nicht nur mit nur einem Sänger per komponierter Stimme singen ließ, sondern auf keinen Fall mehr Sänger wollte. 'Die Ein-Stimmler' sind sozusagen unter den Historischen Aufführungsspezialisten was Veganer unter Vegetariern sind. Bekannte Bach-Experten wie Christoph Wolff oder Ton Koopman halten von dieser Theorie wenig und Gustav Leonhardt und Rosalyn Tureck haben, teil spöttisch, teils augenzwinkernd gemeint, die Theorie wäre ein gelungener Vorwand, um Geld zu sparen. Wie dem auch sei, wichtig ist, was - in diesem Fall: vorne - rauskommt. Die schönste Theorie hilft nicht, wenn die Ergebnisse nicht gut sind. Und auch fragwürdige Theorien können zu schönen Resultaten führen. Es greift Duke Ellingtons Diktum: Wenn es gut klingt, ist es gut. Und die Resultate bei Kuijken klingen zum verlieben gut.

Für jemanden der (auch) Karl Richter und Helmut Rilling in den Kantaten sehr schätzt, mag es vielleicht überraschend sein, dass in den aufs Minimum heruntergedampften Kuijken-Aufnahmen gar so viel Leben und sogar Fülle steckt. Da helfen einerseits die hervorragenden, unmittelbaren Aufnahmen der Sänger, aber genauso die gleichgewichteten, sich gut ergänzenden Stimmen. (Etwas was bei den Purcell Quartet Aufnahmen nicht immer der Fall ist.) Gerlinde Sämann (Sopran), Petra Noskaiová (Alt), and Jan Van der Crabben (Bass) sind allesamt erstklassig auf der Achten von geplanten 20 Einspielungen mit den Kantaten Meine Seufzer, meine Tränen (BWV 13), Herr, wie du willt, so schick's mit mir (BWV 73), Jesus schläft, was soll ich hoffen (BWV 81) und Nimm, was dein ist, und gehe hin (BWV 144). Der Tenor Christoph Genz aber könnte wohl jede Aufnahme schmücken und verbessern, so unangestrengt-überlegen singt er die Titelarie in Meine Seufzer oder "Ach, unser Wille" in Herr, wie du willt. Die Instrumentalisten von La Petite Bande machen glücklicherweise alle mit, bei diesem Bachfest - welches jeden Kantanteliebhaber verlocken sollte, zumindest einmal mit der Achten oder der Fünften CD dieser Folge ("Geist und Seele wird verwirret") zu prüfen, ob Kuijken Ihnen ebensoviel Freude bringt.

Jens F. Laurson

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