Zu Bachs 325. Geburtstag wird in Leipzig das renovierte und vergrößerte Bachmuseum wieder eröffnet, eine Ausstellung in Eisenach widmet sich seinen Passionen
Von Sven Scherz-Schade
Dieses Jahr am 21. März jährt sich der Geburtstag von Johann Sebastian Bach zum 325. Mal. Das wird in Eisenach und in Leipzig entsprechend gewürdigt. In Bachs Geburtsstadt Eisenach in Thüringen wird die Ausstellung "Bachs Passionen" gezeigt. Die Schau veranschaulicht anhand zahlreicher Dokumente und Hörbeispiele, wie Bach seine Passionsmusiken entwickelte. Er ging einen geradezu genialen Mittelweg zwischen lutherischer Verkündigungstradition und italienischer Oper. In Leipzig wiederum, wo Bach ab 1723 als Thomas-Kantor wirkte, feiert das Bachmuseum ab Sonntag seine Wiedereröffnung. Das Haus war zwei Jahre lang geschlossen und hat nun nach einem Umbau seine Ausstellungsfläche verdoppelt.
Johann Sebastian Bach war auf der Suche nach der perfekten Passionsmusik. Wahrscheinlich kam die Matthäus-Passion seiner Vorstellung dabei am nächsten. Vielleicht entsprach sie seinem Ideal auch komplett. Wie die Sonderausstellung "Bachs Passionen" zeigt, weiß die Musikwissenschaft nur wenig Konkretes. Denn die Quellenlage über das Jahr 1729 ist eher bescheiden. "Gesichert ist, dass Bach als Thomaskantor in Leipzig den Auftrag hatte, eine Passion für den Karfreitagsvespergottesdienst zu komponieren", erklärt Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses Eisenach vor der Vitrine, in der das Eisenachische Gesangbuch von 1673 liegt. Es ist das Gesangbuch, das Bach in seiner Schulzeit verwendete. Es enthält die Lieder, die Bach später in seinen Passionen als Choräle umarbeitete. Von klein auf war Bach das "Liedgut" vertraut. Die Eisenacher Ausstellung demonstriert anhand von Originaldokumenten, wie Bach seine Variante der Passionsmusik entwickelte - eine Art Gegenreaktion.
Denn ab 1712 waren mit deutschsprachigen Oratorien unter anderem von Telemann oder Händel sehr dramatische Passionsvertonungen populär geworden. Jörg Hansen: "Diese Werke wurden in privaten Kreisen aufgeführt und Bach musste in Leipzig jetzt eine Passionsmusik schaffen, die die Leute wieder zurück in die Kirche holen sollte." Er durfte dabei aber keine opernhafte Kirchenmusik aufführen und hatte sich an die lutherische Passionstradition zu halten. "Also hat er die Evangeliumstexte beibehalten und die alten lutherischen Choräle eingesetzt, aber gleichzeitig in den Arien und freien Rezitativen absolut moderne Vertonungen verwendet."
Das bedeutendste Objekt in der Eisenacher Ausstellung ist das Autograph der umstrittenen Lukas-Passion. Nur die ersten 23 Seiten stammen von Johann Sebastian Bach, darin ist sich die Wissenschaft einig. Die restlichen 34 Seiten hat vermutlich der damals 16-jährige Carl Philipp Emanuel Bach geschrieben. Die Lukas-Passion habe kompositorische Mängel und klinge ?tölpelhaft? und "eintönig", klagte schon Bachs Wiederentdecker Felix Mendelssohn-Bartholdy.
Es ist immer eine Herausforderung, Musik in einer Ausstellung zu präsentieren. In Eisenach ist das sehr gut gelungen. Auch in Leipzig. Dort hat man zum 325. Geburtstag am 21. März umgebaut und die Dauerausstellung neu konzipiert. Das dortige Wohnhaus der Bachs, die Thomanerschule, steht schon lange nicht mehr. Deshalb zog das Bach-Museum 1985 - zur Museumsgründung am 300. Geburtstag - in die Villa Bose am Thomaskirchhof. Die Boses waren eine befreundete Nachbarsfamilie der Bachs. Nach dem jetzigen Umbau und der Sanierung wird nun auch der hintere Gebäudeteil genutzt.
"Wir haben uns früher aufgrund unserer kleinen Ausstellungsfläche nur auf die Leipziger Zeit Bachs konzentriert", sagt Museumsleiterin Kerstin Wiese. "Jetzt behandeln wir das gesamte Leben und Wirken von Bach in thematischen Räumen. Wir haben viele Hörstationen und Klanginstallationen." Wie lange Orgelpfeifen hängen etwa Klangrohre von der Decke. Wer sie mit der Hand umfasst, bekommt Tondokumente zu hören.
In einem Raum kann man die barocken Musik-Instrumente der Bach-Zeit in ihren Klangunterschieden kennen lernen. In anderen Räumen herrscht die Aura der Bach'schen Autographen. So in der Schatzkammer "Wir zeigen hier unsere wichtigsten Exponate, nämlich originale Bach-Handschriften. Darunter ist auch ein Beschwerdebrief, den Bach 1730 an die Stadt Leipzig gerichtet hat. Damals war er recht wütend auf die Stadt." Für eine "wohlgestalte Kirchenmusik", so klagte Bach, stünden nicht ausreichend Musiker und Instrumente zur Verfügung. Auch über den Thomaner-Chor war er unzufrieden. Er teilt die Thomaner in drei Gruppen ein. In diejenigen, die singen können. Diejenigen, die es noch nicht können und diejenigen, die es niemals lernen werden. Alle Sänger sind dabei namentlich aufgeführt. Das war für die Jungs damals wahrscheinlich nicht so angenehm...
Heute gilt der Thomanerchor Leipzig als einer der besten Knabenchöre weltweit. 7 Millionen Euro haben Stadt, Land, Bund und das Leipziger Bach-Archiv für die Neugestaltung des Museums beigesteuert. Wenn das der wütende Bach damals geahnt hätte...