Das Bayerische Staatsballett brilliert mit William Forsythes frühem Ballett "Artifact" zum Auftakt der Ballettfestwochen
(München, 25. April 2010) William Forsythes "Artifact" - ja! Im Bereich zeitgenössisches Ballett ist es das Beste, was Ivan Liska seit seinem Amtsantritt 1998 für sein Bayerisches Staatsballett erworben hat. Ein frühes Stück von 1984, also aus dem ersten Jahr von Forsythes Frankfurter Ballett-Intendanz, in dem sich schon alle Ansätze zu einer Erneuerung des neoklassischen Balletts finden - aber noch gemäßigt genug, um das Münchner (Opern-)Publikum nicht zu verschrecken (eine der jüngeren radikal experimentellen Arbeiten des nie rastenden Form-Erforschers Forsythe wäre auf der Nationaltheater-Bühne fehl am Platze). Am Ende denn auch einhelliger Jubel u n d ein strahlender Forsythe. Dieses abendfüllende Werk, das er mit seiner kleinen 2005 gegründeten Forsythe Dance Company nicht mehr aufführen kann, weiß er jetzt in guten Händen.
Liskas Tänzer sind seit 1998 durch den 2. Akt von "Artifact", durch "The Second detail" und "Limb's Theorem" schon auf Forsythes viril sportliche Neoklassik der 80er Jahre eingestimmt. Aber jetzt in dem kompletten vierteiligen "Artifact" waren sie so gut wie nie, und das trotz der forsytheschen Dreifachbelastung: zweihundertprozentige persönliche Präsenz, Hyperkrafteinsatz und Hyperpräzison. Bei all dieser geballten Körperlichkeit - und das überrascht auch den, der das Stück kennt - behält es sein Geheimnis. Dieses surreale Tanzgebilde, für das Forsythe übrigens auch Text, Kostüme und Licht entworfen hat, wird man nie ganz enträtseln. Aber gerade das macht auch seine Faszination aus.
Zu Beginn absolute Stille, kaum Licht. Und da schreitet eine grauweiße Gestalt diagonal über die Bühne, traumwandlerisch langsam. Es ist die absolute Schönheit des Schreitens, die nur Tänzer erreichen können. Und zumindest daran kann man sich gleich festhalten, dass Forsythe, der Intellektuelle, immer noch der ästhetischen Sinnlichkeit des ballett-trainierten Körpers huldigt. Auch wenn er die Formen des Balletts verändert, dekonstruiert, neu zusammensetzt ? also neu erfindet. Aus den klassisch-romantischen Ports de bras sind bei dieser schreitenden Figur große klar konturierte, auch verwinkelte Armführungen geworden, mit denen sie als Spielmacherin im weiteren Verlauf das Ensemble immer wieder dirigiert. Verkörpert sie das zukünftige Ballett? Könnte so sein, aber vielleicht auch nicht.
Alles hier deutet auf etwas - und lässt es dann in der Schwebe. Wer, was ist diese Frau im barocken Kostüm? Ein Zitat aus einem höfischen Ballett? Eine zänkische Ehefrau, die sich mit ihrem über Megaphon sprechenden Partner in die Haare gerät? Aber gleichzeitig ist sie auch eine dadaistische Sprachmaschine, die aus den Verben "denken", "sehen", "hören", "erinnern", "vergessen" immer neue, meist sich inhaltlich widersprechende Sätze formt. In ihrer semantischen Absurdität lassen diese Wort-Kombinationen letztlich erahnen, dass wir nicht sehen, was wir zu sehen meinen. Was also will uns William Forsythe mit dieser sprechenden Figur hier erzählen?
Sicherlich keine Geschichte, aber etwas über Ballett an sich - vor allem darüber, wie es sich bei ihm verändert hat. Es gibt, wie im klassischen "Schwanensee", in "Artifact" noch vier Akte - die allerdings kein süffiges Konsumieren erlauben. In Forsythes schattigem Tanz-Kosmos verschwimmt, verwischt auch mal das tänzerische Geschehen. Und das Auge muss sich anstrengen, diese oder jene im Dunkel kreisende Bewegung auszumachen - und lernt zugleich, welche Magie diese optische Verweigerung auslöst, ähnlich dem "clair obscur" in der Malerei. Und ja, es stört (zunächst), wenn diese exaltierte Barock-Lady und ihr Megaphon-Partner laut disputierend durch die Tanzformationen hindurchwandern. Bis man schließlich diese Dialoge als selbstverständlich dazugehörige Klangtextur in das eigene Sinnenerlebnis integriert hat.