Allein unter Nackten

Foto: David Baltzer/Komische Oper

Calixto Bieito inszeniert Glucks selten gespielte "Amida" an der Komischen Oper

(Berlin, 5. April 2009) Im schlichten, informativen Programmheft beschreibt Regisseur Calixto Bieito seine Sicht auf die Protagonistin als eine "moderne Frau mit vielen Ecken und Kanten", die "in der Gegenwart lebt und existentielle Konflikte austrägt", eine Frau, die wechselnde, unverbindliche Beziehungen eingeht, "weil sie Angst hat, die Kontrolle zu verlieren und sich hinzugeben"; diese Bindungsangst teilt sie mit ihrem Antagonisten Rinaldo. Glucks Vertonung des berühmten Stoffes aus dem "Befreiten Jerusalem" von Torquato Tasso, die Episode der Zauberin Armida, die alle betört außer den Ritter Rinaldo und eben deswegen in Liebe zu ihm entflammt, diese Geschichte also als postmodernes Beziehungs-Psychodrama - das klingt plausibel, entspricht es doch dem, was in der Handlung ohnehin drin steckt. Und doch bleibt der Abend unbefriedigend.

Hatte Calixto Bieito in seiner fulminanten Inszenierung der "Entführung aus dem Serail" an der Komischen Oper im Jahre 2004 nicht nur für einen (Bildzeitungs-)Skandal gesorgt, sondern auch eine stringente eigene Geschichte erzählt, so gelang ihm dieses Mal weder das eine noch das andere. Mit Sexorgien und krassen Gewaltdarstellungen rechnet man in seinen Inszenierungen inzwischen ohnehin, die fast ständige Anwesenheit nackter Männer und eines hingebungsvollen Liebespaares auf der Bühne, die drastische Zurschaustellung eines blutüberströmten Kämpfers empörten bei der Premiere allenfalls noch vereinzelte Zuschauer, die in der Pause das Etablissement verließen. Aber was in der "Entführung" als ausdrucksstarke Bildersprache funktionierte, in Reaktion auf die von Gewalt und Rohheit geprägte Lebenswirklichkeit unserer Zeit, das erscheint in der "Armida" als Selbstzweck, als kalkulierte Provokation. Mit dem Auftritt eines Mannes, der sich zu Beginn des zweiten Teils nur mit Slip und Sonnenbrille bekleidet mit einer meterlangen Schlange räkelt, ist die Inszenierung vollends auf Jahrmarktniveau angekommen. Allzu platt wirkt die Darstellung der "existenziellen Konflikte" in Bieitos Version; und einige kraftvolle Theatereffekte - das Einbrechen jugendlicher Hooligans in den Zuschauerraum, die Armida wüst als Schlampe beschimpften, oder auch das starke Bild der Verführung zwischen Armida und dem personifizierten Hass in Gestalt einer Marlene-Dietrich-haften Blonden mit dunkelrotem Rosenstrauß - verpuffen rasch.

Foto: David Baltzer/Komische Oper

Dem exzellenten musikalischen Niveau tut all das indessen nicht den geringsten Abbruch. Allen voran sorgte die bis zur Selbstentäußerung engagierte Maria Bengtsson in der Titelpartie für einen grandiosen Opern-Abend. Bis in die zahlreichen kleinen Rollen hinein bot die Sängerbesetzung gute bis hervorragende musikalische Leistungen; insbesondere mit den strahlend schönen Stimmen von Olivia Vermeulen und Karolina Andersson als Phénice und Sidonie als den Vertrauten Armidas, Günter Papendell und Thomas Ebenstein als Getreue Rinaldos und - in der Rolle eines "Dämons in der Gestalt der Melissa" - Anna Borchers, die wie Olivia Vermeulen zum Opernstudio der Komischen Oper gehört. Wie so oft in der letzten Zeit liefen aber auch Chor und Orchester der Komischen Oper zu Höchstform auf. Konrad Junghänel, eigentlich Lautenist, aber zunehmend auch als Dirigent historisch inspirierter Aufführungen erfolgreich, erweckt die farbenprächtige Partitur von Christoph Willibald Gluck zu sprudelndem Leben. Dies ist umso erfreulicher, als "Armida" heute zu den Raritäten des Repertoires zählt. Anhaltender Applaus für die Musik, verhaltener für das Regieteam; Buh-Rufe waren so gut wie nicht zu hören - und das kommt in diesem Fall fast einer schallenden Ohrfeige gleich.

Eva Blaskewitz