Mysterium der Verwandlung

Claus Guth und Christoph von Dohnanyi mit einer exzellenten "Ariadne auf Naxos" aus Zürich auf DVD

Von den fünf auf DVD verfügbaren Inszenierungen der "Ariadne auf Naxos" von Strauss/Hofmannsthal ist diejenige aus Zürich (2006) die modernste, theatralisch schlüssigste, aber auch hintergründig komischste (TDK). Denn Claus Guth kann nicht nur eine Partitur genau lesen, sondern schlägt aus dieser Lektüre Funken; statt die Regie-Pranke zu heben, verführt er.

Wenn Guth das Vorspiel der "Ariadne", dieses irre Tohuwabohu, als stilisierte Commedia dell'arte vor einer kreisrunden weißen Gardine choreographisch auflöst und konzentriert, dann spiegelt das in fantasievoller Lichtregie und strenger Schwarz-Weiß-Ästhetik präzise den ständig wechselnden Tonfall der Musik wider.

Nach dem Blackout, bei dem sich der Komponist (Michelle Breedt) erschiesst - weil seine Oper über Ariadne durch die vom Hausherrn geforderte gleichzeitige Aufführung mit dem heiteren Stegreifspiel Zerbinettas entweiht wird; nach diesem Blackout offenbart sich die "wüste Insel" der Ariadne als ebenso schöner wie konkreter Raum: als minutiöser Nachbau des noch heute existierenden berühmten Zürcher Jugendstil-Restaurants "Kronenhalle", so wie es zur Zeit der Entstehung von "Ariadne" 1912 wohl aussah, nicht zuletzt mit allerlei bedeutenden zeitgenössischen Bildern an den Wänden.

Wunderbares "Theater auf dem Theater" hat hier Guth zwischen Service-Personal - Najade, Dryade und Echo falten Menükarten, decken den Tisch und polieren Gläser - und den Gästen unterschiedlichster Couleur inszeniert. Teils sind sie Staffage, teils ironisches Aperçu, so wenn der Sänger des Musiklehrers (Michael Volle) mit Alexander Pereira, dem Intendanten (er spielt den die Befehle seines Geldgebers durchsetzenden Haushofmeister im "Vorspiel" sinnigerweise selbst) als Gäste die Kronenhalle betreten.

Flugs werden hier aus den vier Verehrern Zerbinettas ein ganzes Dutzend. Denn sie treten erst als Kellner, dann als seriöse Gäste im weißen Anzug und schließlich als Künstler mit Langhaarmähne in Schwarz auf, das Motto Zerbinettas (ein wunderbarer Koloratur-Zwischervogel: Elena Mosuc) leibhaftig illustrierend: "Kam der neue Gott gegangen, hingegeben war ich stumm."

Wie Guth das "Mysterium der Verwandlung" (Hofmannstahl), das Ariadne in Gestalt von Bacchus neuen Lebenswillen beschert, mit kleinen, feinen Ideen andeutet, spricht für die Leichtigkeit, aber auch den Hintersinn der Inszenierung. So wenn der Gott des Weins (Roberto Saccà) am Ende mit blauen Trauben spielt, die als Rotwein den ganzen Abend getrunken wurden! Oder der Komponist mit getrocknetem Blut an der Schläfe als Wiedergänger aus dem Totenreich zum Spiegelbild des Bacchus wird.

Am Ende schiebt sich der Vorhang des Beginns wie unwirklich in den Raum. Da erscheint, flankiert vom blinden Musiklehrer und dem Tanzmeister, die in slow motion applaudieren, Intendant Pereira und überreicht einen riesigen Strauß roter Rosen an Emily Magee (die mit großer Intensität spielende und singende Darstellerin der Ariadne). Einmal mehr vermischen sich hier Sein und Schein der Oper.

Das Orchester der Oper Zürich unter Christoph von Dohnányi offenbart sich als exzellentes Strauss-Orchester, das trotz der vom Komponisten vorgesehenen kleinen Besetzung opulent sich verströmen, aber auch sehr pointiert und schlank spielen kann.

Klaus Kalchschmid