Kann man Erfolg lernen? Die große Sopranistin Anna Tomowa-Sintow gab einen zweitägigen Opernworkshop in Köln
(Köln, 7.-9. Februar 2012) Musik- und (speziell) Opernfreunde lieben die Erinnerung, teils aus Vergnügen an einem sachlichen Vergleich mit dem Heute, teils aus nostalgischer Empfindung heraus. Nicht immer ist das auseinander zu halten. Die Oper Köln hat mit Beginn der Intendanz von Uwe Eric Laufenberg nicht zuletzt für die ältere Generation (weiterhin das Gros des Publikums) eine Veranstaltungsreihe gestartet, bei welcher Sänger der Vergangenheit geehrt werden. Der erste war Wolfgang Anheisser, der am Neujahrstag 1974 bei einer Aufführung von Millöckers "Bettelstudent" durch einen Bühnenunfall ums Leben kam. Zu denjenigen, die noch als Zeitzeugen geladen werden konnten, gehörte u.a. Carlos Feller. Die später aufgebotene Damenriege war um noch einige Grade "prominenter". Bei Kiri Te Kanawa fehlte zwar der sonst übliche Personality-Abend, aber sie absolvierte als Marschallin ihre definitiv letzten Bühnenauftritte, gestaltete einen Liederabend und führte einen zweiteiligen Meisterkurs mit Nachwuchskräften aus dem Opernstudio durch. Diese Institution ebnete einst der jungen Helen Erwin, spätere Helen Donath, 1960 ihre ersten Bühnenschritte. Die sich bald anbahnende internationale Karriere verhinderte, dass sie ins professionelle Ensemble übernommen wurde. Auch Helen Donath hielt einen Meisterkurs ab, plauderte mit unglaublicher Liebenswürdigkeit und bezwingendem Charme im Rahmen eines Homage-Abends über ihr Künstlerleben und gab mit über Siebzig sogar noch ein Rollendebüt (Mrs. Grose in Brittens "Turn of the Screw"). Der bislang letzte Gast der Porträt-Reihe war (nur mit einem Gesprächsabend) Gwyneth Jones.
Nun kehrte auch Anna Tomowa-Sintow nach Köln zurück, wo sie in den Premieren von "Arabella" (1976) und "Ballo in maschera" (1980) die weiblichen Hauptrollen verkörperte. Dass die Künstlerin noch bis vor einem Jahrzehnt aktiv war (35jähriges Bühnenjubiläums), meinte man ihrer Stimme positiv anzuhören. Mit ihr griff sie in ihrem jetzigen Meisterkurs immer wieder ein, wenn es darum ging, jungen Sängern des Opernstudios hörbare Hinweise zu geben.
Es fällt schwer, die Lehrmethode der bulgarischen Sopranistin in verbindliche Worte zu fassen. Einige Forderungen lassen sich aber vielleicht doch verbindlich formulieren: Freude am Singen, sich dem Publikum öffnen, aufmerksam gegenüber dem vorgegebenen Text und der darzustellenden Bühnensituation sein, sinnprägende Artikulation und eine daraus hervorgehende musikalische Phrasenbildung zeigen, artikulatorischer Feinschliff, Finessen des Tonansatzes und vieles mehr. Wie die Lehrmethode von Anna Tomowa-Sintow bei den jungen Sängern "ankam", wie weit sie sich etwa auch von jener Helen Donaths unterschied (einige Opernstudio-Mitglieder machten beide Kurse mit), würde ein interessantes Nachgespräch ergeben haben. Wie auch immer: über Grundtechniken und vor allem über das Ethos des Singens vermittelte Anna Tomowa-Sintow Entscheidendes und Beglückendes.
Der dritte Abend von Anna Tomowa-Sintows Kölner Aufenthalt galt dann ganz alleine ihrer Person, ihrer beispiellosen Karriere, ihrem künstlerischen Ego. Da die Mutter Chorsängerin war, nahm sie die Kleine häufig mit ins Theater. Das Leben der Tochter war also seit jeher von Bühnenatmosphäre geprägt. Nach einem Gesangsstudium debütierte sie am Theater ihrer Heimatstadt Stara Zagora als Tatjana. Es folgte ein Engagement in Leipzig, danach an der Berliner Staatsoper. Aus den Leipziger Jahren stammt eine deutschsprachige Einspielung von Puccinis "Gianni Schicchi" (exaktes Aufnahmedatum: 1971). Angesichts der mädchenhaft hellen Stimme bei diesem ersten Musikbeispiel des Porträtabends wundert man sich, dass ihre Antrittsrolle Verdis Abigaille war. Herbert von Karajan, Förderer von Anna Tomowa-Sintow, hat sie dann aber offenbar angemessen in ihre große Karriere gelenkt, auf die alleine durch häufige Auftritte mit allen "3 Tenören" ein bezeichnendes Licht geworfen wird. Die Verbindung zu Köln begann in den Siebzigern mit Mozarts "Figaro"-Contessa, eine Art "Vorstudie" für Salzburg (in identischer Ponnelle-Inszenierung). Auch als Donna Anna konnte man Anna Tomowa-Sintow gastweise in Köln hören. Echte Premieren vor Ort waren - jeweils unter John Pritchard - "Arabella" von Strauss (1976) und "Ballo in maschera" von Verdi (1980). Aus den Premierenmitschnitten hörte man jetzt, ergänzt durch einschlägige Fotos, erstmals öffentlich Ausschnitte aus dem hauseigenen Phono-Archiv: zweite Amelia-Arie (kurz dabei: Leo Nucci) sowie das "Aber der Richtige" zusammen mit Lucia Popp. Bei dem einzigartigen Wohlklang dieser Stimmen war man fast den Tränen nahe.
Auf die Fragen des Dramaturgen Georg Kehren antwortete Anna Tomowa-Sintow bereitwillig, liebenswürdig und auch humorvoll, mitunter freilich etwas pauschal. Das "Besondere" an Karajan wurde allenfalls gestreift, auf spätere Partien wie Norma und Turandot wurde vom Gesprächspartner nicht eingegangen, spezifische Einstellungen zu Inszenierungsfragen nicht erörtert. Gleichwohl entstand das Porträt einer außerordentlichen Sängerpersönlichkeit, die sich nie als "Primadonna" empfand, sondern einzig - wie Cileas Adriana - als Dienerin an der Kunst.
Christoph Zimmermann