Mensch Chopin

Anna Gourari

Anna Gourari mit einer Chopin-Hommage beim Bayerischen Rundfunk in München

(München, 1. März 2010) Nicht nur die Plattenfirmen haben Chopins 200. Geburtstag zum Anlass genommen, um massiv Chopineskes auf den Markt zu werfen. Auch die Medien lassen sich nicht lumpen. BR-Klassik stellt in seiner Pour le Piano-Reihe ein Jahr lang große Chopin-Interpreten vor. Eine dieser großen Interpretinnen gönnte man sich live: Anna Gourari kam zu einem auf BR-Klassik direkt übertragenen Konzert ins Studio 1 des Münchner Funkhauses und präsentierte dort ein ebenso beziehungs- wie gegensatzreiches Programm, das dem dieser Tage wieder einmal arg idealisierten und mythologisierten Chopin manch Unerhörtes abzutrotzen wusste.

Anstatt es sich leicht zu machen und - wie an diesem Abend, dem (wahrscheinlichen) 200. Geburtstag Chopins wohl vielerorts geschehen - ausschließlich Chopin zu geben, entschied sich Gourari für den unbequemeren, aber weitaus ertragreicheren Weg, Chopin mit zwei anderen Komponisten zu kontrastieren: mit der zwischen 1789 und 1831 lebenden Polin Maria Szymanowska und dem 1932 geborenen Russen Rodion Schtschedrin, beide wie Chopin zugleich Komponisten und Pianisten von Rang. Szymanowska, deren Lebensweg sich mit dem Chopins mehrmals kreuzte, komponierte neben einigen Liedern vorrangig relativ schlicht gehaltene Genrestückchen für Klavier und gilt insbesondere mit ihren Mazurken als wichtige Wegbereiterin Chopins. Indem Gourari Mazurken von Szymanowska und Chopin direkt gegenüberstellte, machte sie hörbar, wodurch Chopin über seine Landsfrau hinauswuchs: Szymanowskas Mazurken sind brillante, der polnischen Volksmusik entwachsene Petitessen, bei Chopin hingegen spielen sich auf engstem Raum kleine Dramen ab, für die Gourari stets die passende musikalische Ausdeutung fand. Ihr Vermögen, die unterschiedlichsten musikalischen Charaktere im unmittelbaren Nebeneinander glaubhaft hörbar zu machen, kam nicht zuletzt den beiden größerformatigen Chopin-Werken - der 3. Sonate und dem 2. Scherzo - zupass. An das springbrunnengleich plätschernde Scherzo der h-Moll-Sonate fügte sich fast übergangslos ein elegisch-schmerzvolles Largo, in dem Gourari durch kleinste Temporückungen den Schmerz subtil dosierte, bevor sie im drängend-leidenschaftlichen Finale manchmal noch lauter hinlangte, als man es erwartete.
Gourari ist nicht nur hochsensibel, sie ist, wo notwendig, auch messerscharf. Dem romantisch idealisierten Chopinbild, das an diesem Abend vom Schriftsteller Dieter Hildebrandt mit den üblichen Schumann- und Heine-Zitaten und manch historischer Halbwahrheit leider wieder einmal untermauert wurde, machte sie damit musikalisch den Garaus. Gouraris Chopin lebt nicht nur aus dem Belcanto, sondern vor allem auch aus dem Rhythmus. Ihr Chopin ist Mensch, er tanzt, er stampft, er hält inne, anstatt nur romantisch zu schweifen.  

Verblüffend, wie selbstverständlich auf diese Weise der  Übergang zur 1997 von Yefim Bronfman uraufgeführten 2. Klaviersonate Rodion Schtschedrins gelang. Das motorisch getriebene Allegro moderato wirkte wie die endgültige Loslösung des Rhythmus' vom Belcanto, das Sostenuto cantabile wie ein von Klangkaskaden unterbrochener Nachklang auf Chopins Nocturnes, das Presto possibile wie der Nachhall des geisterhaften 4. Satzes aus Chopins 2. Sonate, in irrem Tempo ziellos auf der Tastatur herauf- und herabsausend, sein Ende im Nichts findend.
Chopin lebt, auch in der heutigen Klaviermusik, weiter. Es braucht nur Interpretinnen wie Anna Gourari, um uns daran zu erinnern.

Markus Schäfert

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