Neuer Geist in ewigen Werken

Anima Eterna Foto: Ensemble

Das belgische Originalklang-Ensemble Anima Eterna feiert seinen 25. Geburtstag und spielt Debussy in Brügge

(Brügge, 9. Februar 2012) Mit Anima Eterna gründet Jos van Immerseel 1987 nicht sein erstes aber sein bisher erfolgreichstes Ensemble. Anima Eterna ist die Übersetzung seines Nachnamens ins Italienische. Ein kleines Wortspiel während einer Probe, lange vor der Gründung, an das man sich aber erinnert, als ein Name gesucht wird. Ewiger Geist - oder unsterbliche Seele, das klingt doch gut! Das ist jetzt 25 Jahre her - eine kleine Ewigkeit. Wobei die Leistung dieses belgischen, auf Originalinstrumenten musizierenden Ensembles genau genommen darin liegt, neuen Geist in ewige Werke hinein zu bringen. Die Rehabilitierung vergessener Werke steht weniger im Mittelpunkt. Man denke an das zurückliegende Ravel-Projekt oder an die Aufnahme von Rimski-Korsakows Schéhérazade. Jos van Immerseel greift lieber nach den Sternen. Nach den zentralen Werken im gängigen Konzertrepertoire, um ihnen Originalklang beizubringen!

Zum Ensemble-Jubiläum dieses Jahr hat er sich einen lang gehegten Traum erfüllt, zentrale Stücke aus dem Werkkatalog von Claude Debussy aufzuführen: Zusammen mit 85 Musiker ist er in das Abenteuer aufgebrochen. Vom 3. bis zum 9. Februar hat Anima Eterna in Antwerpen, Brüssel, Dijon und in Brügge Station gemacht. Mit dem Prélude à l'après midi d'un faune, Rondes de printemps, Gigue und Ibéria aus den Images und La mer im Gepäck. Und so aufregend hat man die Partituren kaum je klingen hören.

Eigentlich müsste man die Partituren mitlesen. Dann wie Debussy die Instrumente zusammenführt, wer da auf wen trifft, in welcher Rolle ein Instrument sich plötzlich wiederfindet, das ist so überraschend und so genial, dass man es sich schriftlich geben lassen sollte. Die gestopfte Trompete geht mit dem Englischhorn, die Oboe d'amore trifft sich mit der Solobratsche oder zwei B-Klarinetten juchzen unisono mit jazzigen Schleifern in hoher Lage. Das in ständigem Fluss und fliegendem Wechsel. Und auf den obertonreichen, französischen Originalinstrumenten der Zeit geblasen, klingt das noch einmal verrückter. Die hellen, nasalen Obertonspektren bewahren die Mischung davor, sich in völliger Verschmelzung zu ergeben. Jedes Instrument behält ein Quäntchen Individualität. Und das Sandkörnchen im Klanggetriebe ist es, was alles so prickelnd macht.

Noch bevor im Prélude à l'après-midi d'un faune die Böhmflöte ihre melancholisch-träumende Stimme dem Faun leiht, ist auf der Konzertbühne bereits erkennbar, dass das hier anders klingen muss: Je drei Kontrabässe stehen rechts und links an der Seite. Die beiden Érard-Doppelharfen stehen ganz vorne, vor den Violinen links, beziehungsweise vor den Bratschen rechts vom Publikum aus gesehen. Ihre Glissandoantwort auf die herrlich schläfrige Faunallüre - endlich mal ohne Meister Proper Effekt - sind eine kecke Geste, unterstützt von glucksenden Hörnern im Hintergrund. Es ist am Anfang fast ein Schock, mit wie viel Kontur, mit wie viel Tiefenschärfe hier gehört werden kann. Das irritiert, denn man hört Details, die in herkömmlichen Interpretationen meist in Klangmassen untergehen. Das schlägt schnell um in Faszination!

Nachdem Debussy den Faun auch mit Wagnerischen Streicherkantilenen befriedigt hat, die übrigens nie auch nur eine einzelne Bläserstimme zudecken, wird mit spanischen Noten gespielt. Ibéria sei die spanischste Musik, die je geschrieben worden ist, hat einmal ein spanischer Dirigent gesagt. Die Bolero-Melodie in Par les rues et les chemins erinnert klanglich sofort an Ravels Bolero. Schon Debussy hat die oft wiederkehrende Melodie immer anders orchestrier. Sie taucht einmal auch im zweiten Satz Les parfums de la nuit kurz auf, in den Nebelschwaden der Bläser nach einer schnarrenden orientalischen Melodie. Der heikle Übergang zu Le matin d'un jour de fête mit den rasselnden Tamburinakzenten und der Soloviolinstelle gelingt perfekt. Das Orchester ist nicht mehr zu bremsen. Es verwandelt sich sogar einmal in eine zupfende Riesengitarre. Jos van Immerseel hat die Reihenfolge der Images umgestellt. Auch wenn Rondes de printemps zuletzt komponiert worden ist. Debussy hat sich über die Reihenfolge nie geäußert. André Caplet, Debussys Freund und rechte Hand bei der Orchestrierung, hat das Werk posthum in der Reihenfolge Rondes de Printemps, Gigue und zum Schluss die dreisätzige Ibéria aufgeführt. Nicht nur die Capletgeschichte spricht für diese Folge. Ibéria endet so furios, dass das zurückhaltende Rondes de printemps zum Einstieg dramaturgisch besser passt. "La mer" nach der Pause ist das gewaltigste und ein perfekt ausgewogenes Stück - fast eine dreisätzige Sinfonie. Die Welle vom japanischen Holzstichmeister Hosukai auf dem Erstdruck bei Debussys Verleger Durand ist mehr als nur eine Spielerei.

Debussy hat japanische Zeichnungen gesammelt. Er hat auf der Weltausstellung 1898 javanesische und balinesischer Musik kennengelernt, unter anderem ein Gamelan-Orchester gehört. Er war fasziniert und hat seine exotischen Vorstellungen auf europäischen Instrumenten ausgelebt. Sein Fernweh hat er in befremdliche Klänge übersetzt. Mit Pentatonik oder Ganztonleitern experimentiert, eine ganz eigene Harmonik entwickelt, und vor allem Klänge zusammengeschichtet, die erst mit originalen Instrumenten ihre ganze Magie entfalten. Selbst wenn Debussy die Streicher aufteilt, die Violinen zwölffach oder Violoncelli achtfach, der Klang bleibt transparent und durchhörbar. Wenn Debussy Rhythmen schichtet, ist auch noch der Rhythmus der zupfenden Harfe deutlich zu hören. Wenn man bedenkt, dass dieses Orchester nur ein Projektorchester ist, dass sich für diese eine Tournee die Werke erarbeitet hat und jetzt nicht mehr spielen wird, dann ist das ein Jammer. Aber nicht ganz umsonst. Die Konzerte sind mitgeschnitten worden. Es wird eine CD im September herauskommen. Dass Debussy besser auf modernen Instrumenten klingt, kann dann keiner mehr behaupten.

Sabine Weber


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