Andrey Boreyko beeindruckt mit Schostakowitsch und Strauss bei den Düsseldorfer Symphonikern
(Köln, 15. Januar 2012) In einem bei Youtube nachprüfbaren Statement zum Programm eines seiner Düsseldorfer Sinfoniekonzerte ("Sternzeichen 3"), welches Werke von Gustav Mahler und Dmitrij Schostakowitsch enthielt, erzählt der Dirigent Andrey Boreyko, wie Letzterer als Knabe im einstigen Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, mit der Begleitung von Stummfilmen mühsam Geld verdiente, u.a. um sich ärztliche Behandlungen leisten zu können. Boreyko, 1957 in eben dieser Stadt geboren, gesteht in dem Interview seine besondere Liebe und Affinität zu Schostakowitsch. So kam es kaum von ungefähr, dass er mit den Düsseldorfer Symphonikern (Hausorchester in der Deutschen Oper am Rhein sowie der Tonhalle) bei einem Gastspiel in der Kölner Philharmonie Schostakowitsch als Filmkomponisten präsentierte. Ein erster wichtiger Beitrag für das Genre der Kinomusik war bereits 1939 entstanden ("Das neue Babylon"), besonders bekannt wurde die Musik zu "Die Bremse" (1955) sowie die zu dem von Grigori Kosinzew inszenierten "Hamlet" (1964).
Andrey Boreyko griff mit Blick auf eine angemessene Konzertlänge zu der als Suite opus 116a veröffentlichten Nummernauswahl von Levon Atovm?jan. Die macht ungefähr die Hälfte der Originalpartitur aus. Solche Komprimierungen sind legitim, denkt man alleine daran, wie ein Serge Prokofjew sein Ballett "Romeo und Julia" mehrfach "zurechtstutzte". An dieses Werk fühlt man sich bei "Hamlet" ohnehin desöfteren erinnert, zumal in der Duellszene.
Filmmusik ist Bildmusik und muss über das Ohr das Auge erreichen. Dieses Verfahren beherrschte Schostakowitsch wie kaum ein Zweiter. Das Gespenst von Hamlets Vater spürt man zu düsteren Streicherklängen und ostinatem Rhythmus förmlich durch den Raum schleichen, Ophelias Lieblichkeit findet Ausdruck in einem lyrischen Violinsolo mit Pizzicatobegleitung, zuletzt verkünden Glocken ihren Tod, trockene Orchesterschläge (sie rahmen zudem Anfang und Ende der Suite ein) setzen aggressive Kontrastakzente. Unter Andrey Boreykos ebenso impulsiver wie kontrollsicherer Leitung spielten die Düsseldorfer Symphoniker bravourös, mit angemessener Kantigkeit und Härte.
Das Orchester kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken. Im 18. Jahrhundert arbeitete es als "Hofkapelle" mit Größen wie Händel und Corelli zusammen. Nach kurzer Existenzgefährdung erfolgte eine neue Blüte mit der Gründung des Musikvereins (1818), bei dem u.a. Felix Mendelssohn wirkte wie auch Robert Schumann (seine einzige Festanstellung). Im Dritten Reich gehörte der Klangkörper neben den Berliner Philharmonikern und dem Bruckner-Orchester Linz zu den sogenannten "Reichsorchestern". Nach 1945 leistete Heinrich Hollreiser erste Wiederaufarbeit, im Graben der Düsseldorfer Oper sollte später u.a. der aufstrebende Carlos Kleiber stehen. Seit 2009 hat Andrey Boreyko als Nachfolger von John Fiore (jetzt in Oslo) die Leitung der Symphoniker inne. Ab September 2012 wird er für 5 Jahre auch dem Orchestre National de Belgique vorstehen; internationale Gastspiele runden Boreykos Tätigkeit ab.
Am Pult der Düsseldorfer Symphoniker stand in der Vergangenheit neben anderen Prominenten auch Richard Strauss. Dessen sinfonische Dichtung "Also sprach Zarathustra" bildete einen wahrhaft krönenden Abschluss des Kölner Konzertes. Von 2001 gibt es eine CD-Einspielung des Werkes mit dem Orchester unter Fiore (ergänzt durch die von Gerhard Oppitz gespielte Burleske von Strauss). In jenem Jahr waren die Düsseldorfer auch zuletzt in der Philharmonie der Domstadt zu Gast. Andrey Boreyko, welcher nach eigener Aussage von Musik erwartet, dass sie etwas zu "erzählen" habe (ob mit oder ohne "offizielles" Programm), liegt der "Zarathustra" fraglos besonders. Dessen Musik gleitet so furios dahin wie Stanley Kubricks Raumschiff im Finale von "2001 A Space Odyssey", ein Film, welcher der Strauss-Introduktion zu unglaublicher Popularität verhalf. Über Nietzsche-Nähe oder -Ferne wäre in Einzelnen zu diskutieren. Dass "Zarathustra" aber mit seinen wechselvollen, rauschhaften Stimmungen unter den Tondichtungen von Strauss eine der narkotischsten ist, dürfte keinem Zweifel unterliegen. Man muss diese großorchestrierte Musik freilich unbedingt im Konzertsaal hören, um ihre volle Wirkung zu spüren. Tonvolumen und Klangausdehnung lassen sich auf Tonträger nur bedingt einfangen. Die Widergabe durch die Düsseldorfer Symphoniker war nichts weniger als grandios, ebenso homogen wie betörend schön. Andrey Boreyko eroberte sich und dem begeisterten Publikum das Werk mit Energie und wachem Sinn für seine spezifischen Klangreize. Auch bei den anspruchsvollen Instrumentalsoli (Trompete, Violine, Violoncello) konnte er sich auf seine Musiker verlassen. Dass die finalen Pianissimo-Akkorde der Posaunen wider Erwarten etwas wackelten, konnte dem gewaltigen Musikerlebnis nichts mehr anhaben.
Christoph Zimmermann