Die beiden letzten Uraufführungen der diesjährigen Münchner Biennale widmeten sich dem Amazonas und einer surrealen chinesischen Geschichte
(München, 8. und 9. Mai 2010) 40.000 Pflanzenarten wurden bislang im Amazonasgebiet gezählt, und laufend kommen neue hinzu. Die Regenwälder haben weltweit die dichteste Artenvielfalt. Auf seinem Weg durch den Urwald von Peru und Brasilien durchmisst der Amazonas eine Strecke von rund 6500 Kilometern. Schier unendlich ist dieser Urwald, und doch gräbt sich der Mensch Jahr für Jahr weiter hinein in dieses einzigartige Ökosystem und zerstört Lebensräume für Menschen, Tiere und Pflanzen, und verändert durch Rodungen die Klimabedingungen des gesamten Planeten.
Die Stimmen des Waldes, in die sich nach dem Glauben der Ureinwohner auch die Stimmen von Geistern mischen - guten wie bösen - verbindet der brasilianische Komponist Tato Taborda durch allerhand Samples und livemusikalische Zutaten zu einer Art Symphonie des Urwaldes. Drei Typen des weißen Mannes, der versucht sich den Lebensraum anzueignen, werden ebenfalls einbezogen, der Missionar, der Wissenschaftler, der Goldgräber bzw. Politiker. Sie alle werden hörbar in dieser Urwaldsymphonie, während sich das Publikum durch ein Labyrinth grün angestrahlter Gazevorhänge schlängelt (Inszenierung: Nora und Michael Scheidl). Das Licht von oben dringt nur spärlich bis auf den Boden - wie im richtigen Urwald. Das Wandelkonzert bildet den mittleren Teil des dreiteiligen Amazonas-Musiktheaters, des spektakulärsten Projekts der diesjährigen Münchner Musiktheater-Biennale, an dem eine ganze Reihe von Institutionen und Künstlern aus Brasilien und Deutschland und nicht zuletzt die Einwohner des Urwalddorfes Watoriki beteiligt sind.
Im ersten Teil nimmt der Münchner Komponist Klaus Schedl den Reisebericht des englischen Eroberers Walter Raleigh aus dem 16. Jahrhunderts als Material für eine bruitistische Klang- und Gewaltorgie zwischen Heavy-Metal, Noise und zeitgenössischer E-Musik - gespielt vom Ensemble piano possibile unter Heinz Friedl. Dazu rezitieren drei Personen (Mafalda de Lemos, Moritz Eggert und Christian Kesten), mal über Video, mal in realiter zu sehen, Texte. Leider entsteht über die Darstellung der ekelhaften Fratze des Eroberers hinaus keine theatrale Form, ebenso wenig wie in den anderen Teilen dieses Amazonas-Projekts, das im Lauf des Abends immer deutlicher werden lässt, dass gute und wohlmeinende Ideen und aufwändige technische Spielereien eben doch nicht hinreichend sind, um ein wirkungsvolles Theater zu kreieren.
Daran ändert auch der vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe unter der Führung von Peter Weibel und Ludger Brümmer beigesteuerte dritte Teil mit dem Titel "Amazonas-Konferenz" nichts. Er inszeniert eine fiktive Konferenz zum Schutz des Amazonas auf einer multimedial zugerichteten, allerorten blinkenden und klingenden Bühne mit einer wahren Flimmerorgie an Schautafeln und Videoeinblendungen.
Erst wird wie einst im Telekolleg erklärt, wie der Wasserkreislauf im Amazonas funktioniert, dann liefern sich Ökologen und Ökonomen ein zahnloses Gefecht der vermeintlich besseren Argumente. Das wirkt - bei aller technischen Bastelei - wie ein Oberstufenprojekt zum Thema "Rettet den Regenwald". Vor allem ist hier nichts mehr von einer wie auch immer gearteten eigenständigen Musik zu hören, um die es ja bei Musiktheater doch irgendwie gehen sollte.
Das Beste, was sich über dieses vermeintliche Musiktheater "Amazonas" sagen lässt, ist, dass es über die Aufführung hinaus jede Menge Menschen und Institutionen zusammengebracht hat, die sich der Aufgabe widmen, diesen bedrohten Lebensraums schützen zu wollen. Vielleicht nützt es ja sogar etwas...
Überzeugender geriet da die symbolistische Oper "Die Quelle" der chinesischen Komponistin Lin Wang, in der sich traumhafte, ja alptraumhafte Erinnerungen einer jungen Frau an ihre Kindheit zu einem seltsam surrealen Seelentrip zwischen Selbstfindung, Horror und groteskem Witz entwickeln. Das Münchner Kammerorchester unter seinem Leiter Alexander Liebreich spielte die zwischen chinesischer und westlicher Musik changierende, ungemein vielgestaltige Partitur sehr versiert - Regisseur Andreas Bode und Bühnenbildner David Schnell sorgten für eine das Surreale auf geradezu ideale Weise unterstreichende Inszenierung. Ein eigenwillges, dabei hochoriginelles Stück - von allen Beteiligten überaus engagiert umgesetzt.
Robert Jungwirth