Biennale goes Amazonas

Das Dorf Watoriki im Amazonas wird zum Schauplatz eines Musiktheaters Foto: Biennale

Die Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater (27. April - 12. Mai) steht in diesem Jahr unter dem Motto "Der Blick des Anderen". Unter anderem wendet sie ihren Blick zum Amazonas, auf einen bedrohten Lebensraum.

"Amazonas - Musiktheater in drei Teilen"
Ein außergewöhnliches multimediales Musiktheater-Projekt macht den amazonischen Regenwald zum Protagonisten: In Zusammenarbeit mit den Yanomami, eines der letzten großen Naturvölker Brasiliens, entsteht derzeit "Amazonas - Musiktheater in drei Teilen". In der Verbindung von Musiktheater, Medienkunst, Technologie und Wissenschaft wird ein neuer Blick auf unterschiedliche Aspekte Amazoniens gewagt: Klimawandel, indigene Kultur und Kosmologie sowie die Zerstörung eines Lebensraums. Das Amazonas-Musiktheater ist eine Koproduktion des Goethe-Instituts, der Münchener Biennale, des ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und weiterer internationaler Partner. Uraufführung ist am 8. Mai 2010 bei der Münchener Biennale ? Internationales Festival für neues Musiktheater.

Der brasilianische Regenwald schrumpft: Jeden Tag wird durch Rodung, Viehzucht, Monokulturen, Energie- und Rohstoffgewinnung eine gigantische Fläche der "grünen Lunge" zerstört, die der Größe von rund 8.000 Fußballfeldern entspricht. Geht die Entwicklung so weiter wie bisher, ist damit zu rechnen, dass der amazonische Wald bis 2080 größtenteils zerstört ist - mit dramatischen Folgen für das Klima weltweit. "Amazonas - Musiktheater in drei Teilen" soll in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Region dazu beitragen, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für diesen bedrohlichen Prozess zu schärfen.

Das multimediale Musiktheater-Projekt ist eine Koproduktion des Goethe-Instituts, der Münchener Biennale, des ZKM Karlsruhe, des SESC São Paulo, der Hutukara Associação Yanomami und des Teatro Nacional São Carlos in Lissabon und wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, das Programm "Kultur" der Europäischen Kommission und die Deutsche Bank. In drei künstlerisch selbstständigen Teilen macht das Musiktheaterwerk den Regenwald zum Protagonisten: Eine Stimme verleihen ihm nicht nur die multimedialen Kunstwerke der deutschen und brasilianischen Künstler und Wissenschaftler sondern mit den Yanomami auch die Angehörigen eines der letzten Naturvölker, die den Norden Amazoniens bewohnen. Die 33.000 Yanomami bilden eine Sprach- und Kulturgemeinschaft, die im Grenzgebiet von Brasilien und Venezuela lebt. Gemeinsam mit ihnen entwickeln europäische und brasilianische Medienkünstler, Komponisten, Soziologen und Anthropologen seit 2006 ein Konzept für "Amazonas - Musiktheater in drei Teilen", das aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und die indianische Kosmologie und Spiritualität gleichermaßen einbeziehen soll. Bemerkenswerte, bislang unerforschte Parallelen zwischen der westlichen und der indigenen Welt treten dabei zu Tage.
Die Komponisten Klaus Schedl, Tato Taborda und Ludger Brümmer sowie die beteiligten Medienkünstler aus Brasilien und vom ZKM entwickeln den Begriff eines multimedialen Musiktheaters konzeptionell neu: Zeitgenössisches Musiktheater und  Medienkunst fließen ineinander, Musik wird sichtbar, Bilder und Daten hörbar. Die Komponisten laden das Publikum ein, durch ihre Musik unbekannten Tönen, Geräuschen und Klängen zu begegnen.

Nach der Uraufführung am 8. Mai 2010 auf der Münchener Biennale wird "Amazonas - Musiktheater in drei Teilen" noch bis 12. Mai in München und vom 21. bis 25. Juli in São Paulo gezeigt. Weitere Aufführungen sind im Oktober in Lissabon geplant. Begleitend wird es ein breit angelegtes Vermittlungs-Programm mit einer eigenen Internet-Community auf der Projektwebsite www.amazonas-musiktheater.org, Publikationen und Unterrichtsmaterialien für Erwachsene und Lehrer sowie speziellen Angeboten für Schüler zu den Themen Musiktheater und Multimedia und zur Frage der Erhaltung der indigenen Kulturen und des Regenwalds geben. Eine ausführliche Dokumentation des Amazonas-Musiktheaters mit Artikeln zu Medienkunst, Neuer Musik und Klimawandel, Bildstrecken aus dem Amazonas, Videos über die Entstehung des Projekts sowie Interviews mit den beteiligten Künstlern bietet die Website www.amazonas-musiktheater.org .

Eröffnet wird die Biennale am 27. April mit der Uraufführung der Oper "Maldoror" von Philipp Maintz (*1977). In Isidore Ducasses Gesängen des Maldoror treiben Baudelaires Blumen des Bösen, Poes abgründige Prosa und Byrons tabulose Fantasien neue, starke Blüten.
"Schwarze Romantik" ist ein mildes Wort für die genialische Dichtung eines 23-Jährigen, der sich "Comte de Lautréamont" nannte. Der Verleger weigerte sich 1869, die gedruckte Erstauflage auszuliefern, er fürchtete die erbarmungslose Härte der Zensur. Bestimmte Motive, literarische, allegorische, Tatmotive und -spuren tauchen in den sechs Kapiteln des Buches an mehreren Stellen wie Leitlichter durch den Abgrund des Menschlichen auf. Sie zeichnen eine mögliche Textauswahl für das Musiktheater vor.
Um drei Hauptpersonen konzentrieren Philipp Maintz und Thomas Fiedler die sieben Szenen ihrer Oper: auf Lautréamont, den Dichter, auf seine Kopfgeburt und alter ego, Maldoror, und auf eine "Voix de soprano". Sie schafft formal die Klammer um das Werk, ist Silberstreif der Hoffnung, "Kassandra und Königin der Nacht" (Philipp Maintz), entrückte Schönheit und Orakel in einem Prozess, in dem Lautréamont sein anderes Ich erst schafft, dann loswerden will und schließlich selbst von ihm getötet, verschlungen wird.

Am 28. April folgt die UA der Oper "Die weiße Fürstin" von Marton Illés. Als Stoff und Text wählte Illés ein dramatisches Gedicht von Rainer Maria Rilke in dessen erster, rauerer, weniger geglätteten, direkteren Version: Die weiße Fürstin, Szenen einer Erwartung, die sich vom Hintergrund einer schrecklichen Realität abhebt. Die weiße Fürstin (sie trägt keinen Namen) lebt der Erfüllung ihrer Sehnsucht entgegen: der Ankunft des Geliebten. Erzählungen vom Elend der seuchen- und hungergeplagten Bevölkerung, vom Treiben ominöser schwarzer Priester geraten zu Marginalien dieses Sehnens. Handlung und Ziel sind durch einen Schwebezustand, gleichsam durch Klangbewegungen der Seele abgelöst. Illés greift diesen nach innen gewandten dramatischen Vorgang auf, indem er den Sängern und Schauspielern keine festen Rollen zuordnet. Personen und ihre Äußerungen komponiert er als Erscheinungen und Ereignisse im musikalischen Raum, der sich in den szenischen Raum weitet. Der Text, der aus dem Eingangsbereich zur Moderne stammt, ist eingefügt in die Polydimensionalität der Musik nach der Moderne. Von hier aus öffnen sich die Perspektiven für die Gestaltung des Bühnenraums durch Architektur, Licht und Bewegung.

Am 9. Mai gibt es die UA der Oper "Die Quelle" der chinesischen Komponisten Lin Wang (*1976). Das Libretto beruht auf einer Erzählung der Dichterin Can Xue, die zurückgezogen in China lebt. Außer mit den eigenenTraditionen beschäftigt sie sich lesend, bedenkend und übersetzend mit Literatur des Expressionismus und Surrealismus, mit Dichten und Denken aus Europa, Nord- und Südamerika. In ihren Texten durchkreuzen sich aktuelles Erleben, Erinnerung, Zeugnisse der Vergangenheit, Zeichen, Symbole, Visionen und Naturbilder. Wie Pflanzen seien ihre Werke: Ideen wachsen im Westen heran, "ich grabe sie aus und versetze sie in den tiefen Grund der langen chinesischen Geschichte. Meine Werke sind weder wie die aus dem Westen noch wie chinesische Werke. Lin Wang, 1976 in Dalian geboren, studierte 1996?2001 am Zentralen Konservatorium in Peking. 1998 war sie Preisträgerin in Maki Ishiis japanisch-chinesischem Wettbewerb, 2000 beim NLCC Twentieth Anniversary Choral Composition Prize in Großbritannien. 2002 setzte Lin Wang ihr Studium bei Theo Brandmüller, Chaya Czernowin und Detlev Müller-Siemens in Saarbrücken und Wien fort. Sie hat mit zahlreichen renommierten Ensembles und Orchestern zusammengearbeitet. Für ihre Kompositionen wurde sie u.a. mit dem Gaudeamus, dem DAAD und dem Isang Yun Preis ausgezeichnet.
Neben dem Komponieren arbeitet sie derzeit mit anderen Autoren an einem Buch über die Kultur in China seit 2000.

Am 6. Mai gibt es einen Opernuraufführungsmarathon mit fünf neuen Musiktheaterwerken unter dem gemeinsamen Titel " Warum weiß ich nicht" von Jelena Dabic, Gregor A. Mayrhofer, Samy Moussa, Arash Safaian, Johannes X. Schachtner.

Flankierend zu den Opern stehen wie immer auch Konzerte mit den Münchner Philharmonikern, dem Radio-Sinfonieorchester Wien, dem DSO Berlin und dem Münchner Rundfunkorchester auf dem Programm.

weitere Informationen unter: www.muenchnerbiennale.de