Der Cellist Nicolas Altstaedt und der Pianist Francesco Piemontesi beeindruckten im Münchner Herkulessaal
(München, 26. April 2010) Es war nicht sein Debüt im Herkulessaal, das fand bereits am 3. März 2008 statt - im als Zugabe mit dem Quatuor Ébène grandios gespielten langsamen Satz aus Franz Schuberts spätem Streichquintett! Doch das zurecht umjubelte, gut einstündige Programm, das Nicolas Altstaedt jetzt bei "Klassik vor acht" spielte, zeigte in ganzer Breite, was dieser junge Cellist an der Seite des nicht minder hochkarätigen Pianisten Francesco Piemontesi kann: Ludwig van Beethovens Variationen über Mozarts "Bei Männern, welche Liebe fühlen" aus der "Zauberflöte" etwa besaßen in jeder der denkbar unterschiedlichen Variationen eine schillernde, höchst beredte Dringlichkeit und kunstvolle Natürlichkeit, stets gespielt mit einem herrlich feinherben Ton, der nie spröde oder allzu süß, nie zu schlank oder zu üppig geriet. Wie auch Piemontesi einen denkbar klaren, plastischen Klavierton pflegte, der perfekt mit dem Cellisten harmonierte.
Das Hauptwerk des Abends bestand in Sergej Prokofjews großer C-Dur-Sonate op. 119 mit ihrem unglaublichen Kaleidoskop an Klängen, Farben und Formen, das die Viersätzigkeit immer wieder sprengt. Nicht selten wurden aus Cellospieler und Pianist ein geradezu verrückt tanzendes Duo von Kobolden oder Trollen. Fantastisch mitzuerleben, wie gut der 28-jährige Cellist und der ein Jahr jüngere Pianist aufeinander reagieren, wie sie in jedem Moment ein Körper zu sein scheinen: mit vier Armen - wie eine indische Gottheit!
Das war weniger in den "Trois Pièces" aus dem Jahr 1913 der damals erst 26-jährigen, später berühmt gewordenen Kompositionslehrerin, Dirigentin und Musikschriftstellerin Nadia Boulanger zu spüren - von Debussy und Faurè beeinflusste kurze Stücke, sondern vollends in "Le Grand Tango" von Astor Piazzolla, bei dem es die Hörer kaum mehr auf ihren Sitzen hielt.
Henri Dutilleuxs "Trois Strophes sur le nom de Paul Sacher" für Cello solo spielte Altstaedt als das staunenswerte Kleinod, das sie sind. Die drei Stücke wurden zusammen mit Werken elf anderer berühmter Komponisten zu Ehren des 70. Geburtstags des gleichnamigen Basler Musikmäzens 1976 uraufgeführt. Und schon der Tritonus es - a, mit dem die ersten Buchstaben des Nomens chiffriert werden, erzielt eine Spannung, die sich in diesem neun Minuten langen Konzentrat zwischen atemloser Stille und höchster Virtuosität immer wieder aufbaut.
Am Ende überaus herzlicher, ja begeisterter Applaus und - dem 83-jährigen Wilhelm Killmayer zu Ehren, der im Publikum saß - die letzte, sehr ironisch aufgepeppte, ja quirlige seiner "Fünf Romanzen" aus dem Jahr 1989.
Klaus Kalchschmid