Die junge Pianistin Alice Sara Ott bringt eine überflüssige CD mit Chopin-Walzern heraus
Fräuleinwunder gibt es immer wieder. Es gibt sie im Film, auf dem Laufsteg und in der Musik. Da bevölkern sie seit einigen Jahren die Plattencovers in reicher Zahl. Soviele Wunder waren noch nie wie heute, möchte man meinen, und darf sich ob soviel Glück der Zeitgenossenschaft glücklich schätzen. Doch wahre Wunder sind selbst in unserer schönen neuen Welt selten, und so helfen die Marketingabteilungen der Plattenfirmen eben entsprechend nach.
Die japanisch-deutsche Pianistin Alice Sara Ott ist ein solches Fräuleinwunder. Mit leicht geöffneten Kußmund und direktem Blick sieht die 20-Jährige den Betrachter auf dem Cover (Booklet) ihrer neuen Scheibe an und zupft sich pseudoverlegen am Ärmel.
Nach ihrer virtuosen Liszt-CD mußte es jetzt im Chopin-Jubeljahr natürlich eine CD mit dem großen Polen sein. Wer sich die Scheibe mit Chopin Walzern anhört, merkt schnell, dass er dieses Produkt nicht unbedingt in seiner Plattensammlung braucht.
Alice Sara Ott erzählt zwar im Begleittext allerhand Schönes, Wahres und Interessantes über die Walzer und über Chopin im Allgemeinen, doch man hört davon so gut wie nichts, wenn sie spielt. Sicher bietet Ott dynamisch viel Abwechslung und demonstriert auch ihre Fähigkeit im leisen Leggiero-Spiel. Aber der Musik fehlt gewissermaßen die dritte Dimension, das Tiefgründige, das beiläufig Virtuose, das wohlig Melancholische. Vieles klingt bei Ott einfach zu brav und harmlos. Manchmal wirken die Rubati weniger künstlerisch motiviert als vielmehr abwartend, so als müsste die Pianistin noch mal eben überprüfen, ob die Linke auch wirklich auf der richtigen Taste landet (besonders deutlich im As-Dur-Walzer op. 34). Die Töne sprudeln und klingeln, aber sie bleiben immer an der Oberfläche. Kaum einmal wagt die Pianistin den Blick hinter die glänzende Fassade des Salons. Zwar gibt es auch bei ihr Kontraste, aber die sind viel zu schwach ausgeprägt, um wirklich etwas auszusagen.
Das pianistische Fräuleinwunder Alice Sara Ott hat sich hier selbst entzaubert.
Robert Jungwirth