Alice Sara Ott spielte in München zusammen mit Daniel Harding und seinem Schwedischen Radio-Sinfonieorchester Tschaikowskys erstes Klavierkonzert
(München, 1. Mai 2010) Hätte sich die für Hélène Grimaud eingesprungene Alice Sara Ott nicht Tschaikowskys 1. Klavierkonzert gewünscht, die Schwedischen Rundfunksinfoniker wären wohl kaum mit diesem b-Moll-Ungetüm, der Mutter aller Virtuosenkonzerte, auf Tournee gegangen: Die musikalische Überwältigungsgeste, der Wille zum Auftrumpfen, der in den Ecksätzen von Tschaikowskys 1. Klavierkonzert gefragt ist, scheint diesem pathosfreien Orchester völlig zu fehlen. Zum ursprünglich angesetzten 4. Beethoven-Konzert hätte der Klangcharakter der Schweden sicherlich besser gepasst; allein, Alice Sara Ott bevorzugt derzeit Virtuoses von Liszt oder Tschaikowsky und wollte sich an Beethovens heikles G-Dur-Konzert vor heimischem Publikum nicht heranwagen.
Der Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon hat die 21-jährige Münchnerin Ott endgültig ins grelle Rampenlicht geschoben, sie bewegt sich inzwischen in Sphären des Musikbusiness, in denen die Luft sehr dünn wird. Das scheint ihr ein wenig die Leichtigkeit zu rauben und den Mut, etwas zu wagen, das auch schief gehen kann. Technisch ging bei Ott nichts schief, souverän bewältigte sie Akkordgeklingel und Oktavengewitter. Der Preis dafür war, dass sich das Virtuosenfutter allzu sehr auf Sicherheit gespielt anhörte: Unerwartetes, gar spontan Überrumpelndes passierte nicht. Große Momente gelangen Ott nur dort, wo der Satz kammermusikalisch aufgelichtet war und das Klavier mit den Holzbläsern dialogisieren durfte: Die Pianistin fand dann zu sich selbst und in der Partitur intime Schönheiten, die man dort gar nicht vermutet hätte. Wer sich im Intimen so wohl fühlt, sollte freilich anderes Repertoire wählen, wenn er rundum überzeugen will. Dieses Tschaikowsky-Konzert blieb so für Solistin und Orchester irgendwie ein Missverständnis.
Weit wohler fühlten sich Schwedens Rundfunksinfoniker in Dvoráks siebter Sinfonie. Dass sie das unheilvoll Dräuende, existenziell Schwere, das man in diese d-Moll-Sinfonie gerne hineingeheimnist, mieden, wirkte wohltuend und erfrischend. Das Orchester pflegt einen unaufgeregten, kompakten Klang, die Bläser sind eng ins Gesamtgefüge integriert und exponieren sich nur selten solistisch, die Streicher klingen erdig, lassen aber Glanz ein wenig vermissen. Mit der Brillanz und dem Klangfarbenzauber ihrer bayerischen Kollegen können sich die schwedischen Rundfunksinfoniker nicht messen. Aber sie fanden mit ihrem naturhaft schlichten Klang doch zu sehr anrührenden Momenten und am Ende auch zu einer von Harding überzeugend disponierten Steigerung, der sie noch Schumanns wilde Manfred-Ouvertüre folgen ließen.
Markus Schäfert