Spiel zum Abschied leise Schubert

Alfred Brendel Foto: Regina Schmeken / Decca

Es war ein großer, bewegender Abschied: Alfred Brendel spielte zum letzten Mal im Münchner Herkulessaal

(München, 4. Mai 2008) Vor mehr als 50 Jahren begann die Karriere des 1931 in Mähren geborenen, seit langem in London lebenden Alfred Brendel, der nicht nur auf dem Podium, sondern auch beim "Nachdenken über Musik" (so der Titel eines seiner Bücher) ein tiefgründiger Interpret ist.

Brendel, der in den vergangenen Jahrzehnten auf allen großen Konzertbühnen der Welt zu Hause war, gastierte regelmäßig auch in München, wo Georg Hörtnagel ihn als Veranstalter und Freund betreute. Beim ersten Münchner Servus - dem ein zweites als Solist bei den Münchner Philharmonikern am 5. und 6. November folgt - setzte Brendel naturgemäß seinen Schwerpunkt auf die Wiener Klassik und überließ ihrem romantischen Nachfahr Schubert den letzten Ton.

Mit Haydns f-moll-Variationen entführte er zunächst in lichte Regionen, ließ winzige Kaskaden sprudeln und das zweite Thema flirren, bevor er ins Dramatische ausbrach und zeigte, wohin Haydns "Harmlosigkeit" auch führen kann.

In seiner F-Dur-Sonate KV 533 (mit dem Rondo KV 494) befreit Mozart das Akademische förmlich ins Vergnügliche: Die Gelehrsamkeit, die sein kontrapunktisch dichtes Allegro erfüllt, wird spielerisch virtuos transformiert. Das rechte Objekt also für Brendel, dessen Mozart oft allzu hurtig daherschnurrt. Hier gewann die Spieluhren-Mechanik einen eigenen Reiz, der gepaart mit höchster Transparenz auch die fugierten Ansätze lichtete. Das kunstvoll konstruierte, zuweilen gar gravitätisch wirkende Andante wurde nur zuweilen spielerisch-heiter erlöst und hob sich, wie der Kopfsatz vom naiv-schlichten Rondo ab. Brendel tupfte zarte Piani oder ließ das Thema im Bass "herumtappen" - unbeschwert, sich selbst genug.

Der Übergang zu Beethovens Sonate Nr. 13 Es-Dur op. 27/1 war so gravierend nicht, denn gerade das einleitende, schlichte Andante lässt noch die Kollegen erkennen. Doch schon mit dem Wechsel ins Allegro grummelte es verdächtig. Im zweiten Satz dann eröffnete Brendel quasi die Jagd - rhythmisch straff, vorwärtsdrängend, mit hüpfender Linker. So wie der dritte Satz aus dem zweiten erwuchs, so nahtlos führte der Pianist vom lastenden, in seiner Struktur Sinn erhellend beleuchteten Adagio in den von aufbrausender Motorik geprägten Finalsatz.

Nach der Pause versagte Brendel Schubert schon im Kopfsatz der B-Dur-Sonate die gern ausgekostete Kantabilität. Er intonierte fast fahl, ließ sich auf das Herumirren, die Brechungen ein, hörte das Grollen dahinter und wich im Andante den Verschattungen und der Verletzlichkeit nicht aus. Nach einem quirligen Scherzo zeigte er, wie Schubert die Schatten (zuweilen fast gewaltsam) vertreiben will. Und es schafft. Für endlose standing ovations dankte Alfred Brendel mit einem Lächeln und drei Zugaben.

Gabriele Luster