Alexander Pereira stellt sein Programm für Salzburg 2012 vor

Alexander Pereira Foto: Luigi Caputo

Salzburg geht in eine neue Intendantenrunde. Und was kommt, klingt trotz aller Unkenrufe durchaus interesssant

(Salzburg, 11. November 2011) Salzburgs kleine Politik hat sich im Sommer den wenig produktiven Scherz erlaubt, seinen neuen Sommer-Intendanten, den vom Zürcher Opernhaus zu den Festspielen wechselnden Alexander Pereira, klein- und schlechtzureden. Erstens tut man so was nicht und zweitens könnte sich herausstellen, daß die Klatschbüchse nach hinten losgeht. Gedeutelt und gerüchtelt wurde viel, nun aber sind die Tatsachen auf dem Tisch. Und die lesen sich doch ein bisschen anders.
Die neuen Opernproduktionen: Erstens die "Zauberflöte", dirigiert von Nikolaus Harnoncourt. Aber mit wem? Mit dem Concentus Musicus auf Originalinstru­menten und an dem Ort, wo sie gut aufgehoben sein sollte: in der Felsenreit­schule, inszeniert von Jens-Daniel Herzog (Premiere 27. Juli). Dazu passend Emanuel Schikaneders  Fortsetzung - der "zweyte Theil" - der Mozartoper, "Das Labyrinth oder Der Kampf mit den Elementen", mit der Musik von Peter von Winter. (Premiere - im für diesen Zweck neu adaptierten Residenzhof - 3. August.)

Die Wiener Philharmoniker bespielen - wie bereits vor-angekündigt - vier Opern. Zuallererst, beginnend mit 29. Juli, die Urfassung von Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" mit Schauspiel und Ballett (Regie: Sven-Erich Bech­tolf, Dirigent: Riccardo Chailly) und in nicht uninteressanter Besetzung (u.a. Jonas Kaufmann als Bacchus und Elena Mosuç, die die um einen Ganzton höher­geschraubten Zerbinetta-Koloraturen zu singen sich hat). Giacomo Puccinis "La bohème" folgt ? wie bekannt als Koproduktion mit dem Shanghai Grand Theatre - am 1. August. (Eine Festspielpremiere auch inso­fern, als die Oper noch nie bei den Sommerfestspielen angesetzt war.) Anna Netreb­ko und Piotr Beczala singen die Hauptrollen; Dirigent ist Daniele Gatti, Regisseur Damiano Michieletto.

Mit dabei sind die Philharmoniker auch bei der von den Osterfestspielen über­nommenen "Carmen" (Titelrolle: Magdalena Ko?ená, Don José: Jonas Kauf­mann, Dirigent: Sir Simon Rattle, Premiere: 14.8.) und bei Bernd Alois Zimmer­manns "Soldaten" (Premiere 20.8. in der Felsenreitschule), einer Koproduktion mit der Mailänder Scala. Die Oper, eine der wenigen erfolgreichen der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, wird von Ingo Metzmacher dirigiert, der sich damit wohl endgültig für einen vorderen Platz in der trägen allgemeinen Wahrneh­mung qualifizieren dürfte; Regie führt Alvis Hermanis.
Von 2013 bis 2016 wird es an Stelle dieser zeitnotbedingten dankenswerten "Notlösung" jeweils Uraufführungen von Opern geben, unter anderem eine Vertonung von Becketts "Endspiel" durch György Kurtág.

Kleinere Opernformate sind Händels "Giulio Cesare" (die erste in der Reihe der Übernahmen von den Pfingstfestpielen), mit Cecilia Bartoli und Andreas Scholl (Premiere 23. August), Mozarts "Il re pastore" (konzertant, mit William Christie am Pult des Orchestra La Scintilla aus Zürich und Rolando Villazón auf dem Podium, am 30. und 31. August). Ebenfalls ohne Inszenierung gibt es Händels "Tamerlano" am 9. und 12. August unter Marc Minkowski zu hören (mit Bejun Mehta und Placido Domingo als Stargast).
Da wir gerade beim Geldeinnahme-Fragen sind: Die Preise für die teuren Kar­ten wer­den selektiv angehoben; und neue Sponsorenverträge sowie Geldflüsse von Mäzenen sollen die szeni­schen Produktionen absichern.

Das Schauspiel scheint durch eine phantasievolle Programmation an Profil zu gewinnen, was zugleich den von manchen vorausgeschmähten neuen Schau­spielchef Sven-Erich Bechtolf rehabilitieren und aufwerten dürfte. Als Leitstück für diesen Bereich wird 2012 Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" in der Regie von Andrea Breth gezeigt werden (Premiere 28. Juli); Irina Brook (die Tochter von Peter Brook) inszeniert Ibsens "Peer Gynt" und Shakespeares "La Tempête" (in englischer bzw. französischer Sprache). Die restlichen Stücke - u.a. jene des Young Directos Project - können dem Festspiel-Programm entnommen werden.

Dies gilt auch für das Konzertprogramm, das wohl um einiges weniger traditio­nell ausfallen wird, als herbeigefürchtet. Unter Absehung von Details fällt als Neuerung ein Block auf, der sich "Ouverture spirituelle" nennt und in den vor­gezogenen Beginn (ab 20. Juli) der Festspiele 2012 fällt. Dabei kommen geist­liche Werke zurAufführung, was dem Salzburger Publikum unter anderem die Wiederbegegnung mit Claudio Abbado und die Kenntnisnahme des Orchestra Mozart aus Bologna beschert (Konzert mit Messen von Mozart und Schubert am 28. Juli). Die "Ouverture spirituelle" soll auch den Kontakt mit der geist­lichen Musik anderer Kulturkreise vermitteln, 2012 mit der jüdischen Musik.
Neu sind zwei dem Andenken Sándor Véghs gewidmete Marathon-Konzerte im Mozarteum. Wie immer soll es Liederabende - Thomas Hampson wird zurück­kehren - und Konzerte mit Gastorchestern geben, und an die Stelle der von Markus Hinterhäuser eingeführten "Kontinente" wird - etwas beliebiger in der Programmischung - die Serie "Salzburg Contemporary" treten. Unter den Kla­vierabenden werden der Auftritt Pollinis (mit den letzten drei Beethoven-Sonaten), die Wiederkehr Murray Perahias und Daniel Barenboims Interpre­tation der letzten Schubert-Sonaten interessieren.

Trotz eines Festes mit Diner und Ball am Ende der Festspiele: Die von vielen befürchtete konservative Wende ist also abgesagt. Wie jeder Intendant hat auch Alexander Pereira seine Vorlieben in der Wahl der Künstler und muß seine Programmation auf dem schmalen Pfad zwischen dem, was er selbst die künstlerische "Signalfunktion" der Festspiele nennt, und der Einnah­menseite positionieren. Die Antwort darauf wird letzten Endes das Publikum geben. Denn zum Unterschied von der euro­päischen Finanzpolitik, wo die, die das Sagen haben, Volksentscheide und Regierungen zu Fall bringen können, entscheidet in der Kunst noch immer das "Volk".

Derek Weber  
   

[siehe auch Meldung in der Nachrichtenrubrik]