Benjamin Lazar inszeniert in Nancy "Sant'Alessio" von Stefano Landi
(Nancy im März 2008) William Christie ist der erste und bisher einzige Musiker, der 1995 bei Warner-Erato "Sant'Alessio" von Stefano Landi eingespielt hat. Eine musikalische Perle der besonderen Art. Keine Oper, kein Singspiel, kein Theaterstück mit Musik, nein, sondern eine religiöse Komposition, die am 8. März 1631 im römischen Palazzo ai Giubbonari zum ersten Mal aufgeführt wurde. Grund der Premiere des "dramma sacro", des religiösen Dramas, waren die städtischen Feierlichkeiten für den "Carnevale". Das Libretto schrieb ein musikverliebter Kirchenfürst, Giulio Rospiglioso, der 1667 Papst wurde und sich Clemens IX. nannte.
Der "Sant'Alessio" von Landi ist alles andere als eine langweilige religiöse Komposition. In einer Ko-Produktion des Théâtre de Caen, des Théâtre des Champs-Elysées in Paris, des Théâtre de la Ville in Luxemburg und der Opéra National de Lorraine in Nancy ist dieses vergessene Werk zu neuem Leben auferstanden. Neben den bisherigen Aufführungen wird das Drama in den nächsten Jahren an verschiedenen anderen Orten erneut auf die Bühne kommen. Eine richtige Entscheidung, denn es handelt sich um eines der schönsten und eindrucksvollsten Werke der Musik aus der Zeit Monteverdis.
Die Geschichte ist die von Alessio. Der Sohn eines römischen Patriziers soll heiraten. Kurz vor der Hochzeit flieht er, weil er eine mystische Krise durchlief und sein Leben Gott weihte. Das religiöse Musikdrama beginnt mit der Rückkehr Alessios einige Jahre später. Alessio sucht zwar die Nähe zu seiner Familie, gibt sich aber nicht zu erkennen. Erst nach seinem Tod erkennen ihn seine Angehörigen.
Landis Komposition räumt alltäglichen Szenen im Haus des Vaters von Alessio viel Raum ein: Da wird gefeiert und getanzt, und die einzelnen Frauen des Hauses erzählen sich Tratsch und Klatsch. Landis Werk wurde anläßlich des Karnevals aufgeführt, in einer Zeit also, in der im päpstlichen Rom keine Opern aufgeführt werden durften. So komponierten die Musiker religiöse Dramen, in die weltliche Handlungen einflossen, die allerdings von einem
religiösen Handlunstrang durchzogen waren.
Landi bietet keinen Arien, sondern einen permanenten aber sehr melodischen Sprechgesang. Christie gelang es mit nur 12 Musikern des Ensembles Les Arts Florissants die gesamte Bandbreite des kompositorischen Reichtums von Landi hervorzuzaubern.
Regie führte Benjamin Lazar, eines der interessantesten Nachwuchstalente Europas. Wie bereits bei zwei Lully-Inszenierungen in Paris, die international für Aufsehen sorgten, tauchte Lazar erneut die Bühne in ein mit echten Kerzen und versteckten Lampen erzeugtes weiches Licht, das immer, wie in vergangenen und stromlosen Zeiten, von unten nach oben leuchtet und nicht umgekehrt. Der Effekt war eine warme, leichtgolde Beleuchtung, die die aufwendig gestalteten historisierenden 148 Kostüme in einem Glanz erscheinen lassen, der an Gemälde aus dem frühen Barock erinnert. Der Gesamteindruck war umwerfend. Die einzelnen Szenen wirkten wie tableaux vivants. Adeline Caron entwarf eine hölzerne Bühnegestaltung, die an die Entwürfe des Renaissancebaumeisters Andrea Palladio erinnerte.Die szenischen Effekte entsprachen ganz dem musikalischen Theater jener Zeit: Gauklerszenen, Feuerwerke, fliegende Sänger und andere special effects.
Alle Sänger auf der Bühne waren Männer. Im Rom des 17. Jhdts. durften Frauen weder auf Bühnen noch in Kirchen auftreten. Kastraten ersetzten sie. William Christie gelang es, einige der europaweit besten Countertenöre zu engagieren. Darunter das österreichische Stimmwunder Max Emanuel Cencic in einer Rolle en travesti. Jubelstürme löste der in Frankreich wie ein Star behandelte Philippe Jaroussky in der Rolle des heiligen Alessio aus. Mit seiner schlanken Figur hatte er die richtige physique du rôle für einen Asketen. Der Chor bestand aus Kinderstimmen, wie im Rom zur Zeit von Landi.
Bleibt zu wünschen, dass dieses relativ unbekannte Meisterwerk des frühen 17. Jhdts. bald auf DVD zu haben sein wird.
Thomas Migge