Messiaens Blicke auf den Messias

Pierre-Laurent Aimard Foto: Felix Broede/DG

Pierre-Laurent Aimard mit Olivier Messiaens Klavierzyklus "Vingt Regards sur L'Enfant Jesus" im Herkulessaal in München

(München, 2. März 2009) Pierre-Laurent Aimard läßt viele seiner weltreisenden Klavierkünstlerkollegen einigermaßen alt aussehen. Wer hat schon wie Aimard neben angestammten Klassikern wie den Konzerten von Beethoven und Mozart auch Ligetis Etüden, Bachs Kunst der Fuge oder den zweistündigen Zyklus der "20 Betrachtungen über das Jesuskind" von Messiaen im Repertoire - von zeitgenössischen Werken ganz abgesehen.

Der französische Pianist ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmemusiker. Nicht nur, was seinen entschiedenen Einsatz für die Musik des 20. Und 21. Jahrhunderts angeht. Aimards Ernsthaftigkeit und unbedingte Hingabe an die Werke verbinden sich auf der Bühne mit hochkonzentrierter Energie, womit er selbst nach zwei Stunden Hochleistungsprogramm noch aberwitzigste Läufe, Sprünge oder rhythmische Figuren mit intensivster Spannung erfüllt. Oder ihnen auf der anderen Seite - wenn nötig - eine geradezu humoristische Leichtigkeit verleiht.

Messiaens gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entstandener Mammut-Zyklus "Vingt Regards sur L?Enfant Jesus" ist ein Grenzen sprengendes Gattungs-Unikum, komponiert für die Pianistin und spätere Ehefrau Messiaens Yvonne Loriod. Sie war übrigens später eine der Lehrerinnen Aimards.
Angeregt wurde der Komponist dazu durch eine theologische Schrift des belgischen Geistlichen Dom Marmion, der darin von den verschiedenen Blicken erzählt, die auf das Jesuskind in seiner Krippe trafen, von den Blicken des Vaters, des heiligen Geistes, der Hirten, der Engel usw.
In dem tiefgläubigen Messiaen setzte dieser imaginäre Text musikalische Imaginationen frei, die um den zentralen Aspekt der Vereinigung menschlicher und göttlicher Natur in der Gestalt von Jesus kreisen. Alle dieser 20 Stücke enthalten eine eigene griffige thematische Grundgestalt, die sich in Variationen und Entwicklungen fort spinnt oder in Ostinati zum Mantra gerinnt, wie in dem einleitenden "Blick des Vaters".

Geheimnisvoll und prismatisch blinkend der nachfolgende "Blick des Sterns". Beim "Blick der Höhen" sind es naturgemäß Vogelstimmen, die die von-oben-Perspektive markieren mit vielstimmigem, für Messiaen so typischem Tirilieren. Der passionierte Ornithologe entwickelte eine ganz eigene Musiksprache, basierend auf genau verzeichneten Vogelstimmen.
Meditative Passagen wechseln ab mit ungemein kraftvollen, ja mitunter sogar brachialen Eruptionen wie in "Durch ihn ist alles geschaffen worden", das in rauschhafter Exstase endet: Ein Jubelgesang allen kreatürlichen Lebens auf Erden.

Aimard spielte all dies mit geradezu überirdischer und übermenschlicher Hingabe, Konzentration, Kraft und Ausdauer - und versetzte sein Publikum und sich selbst in eine Art kontemplative Trancezustand. Am Ende fiel es ihm sichtlich schwer geradeaus vom Flügel Richtung Ausgang zu gehen - kein Wunder. Die Zuhörer fanden nach begeistertem Jubel - soweit zu sehen war - ohne Probleme den Ausgang.

Robert Jungwirth