Pierre Laurent Aimard spielt im Herkulessaal die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach
(München, 11. Februar 2008) Gilt das Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach als die Bibel des Klaviers, so ist die Kunst der Fuge Bachs Vermächtnis. Nirgendwo sonst hat der Meister aus Eisenach die Komplexität der Fugenkomposition mit all ihren kontrapunktischen Möglichkeiten inclusive Spiegel-, Doppel- und Quadrupelfuge (eine Fuge mit vier Themen) derart intensiv erforscht wie in diesem späten Werk, das unvollendet blieb.
In der mit Bachs Tod einsetzenden Epoche der Frühklassik war das Werk nicht viel mehr als ein Studienobjekt für angehende Tonsetzer, eine breite Rezeption blieb ihm lange Zeit verwehrt, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass die Besetzungsfrage für die Contrapuncti und Canons von Bach nicht festgelegt wurde. Auch heute noch - scheint es - ist Bachs Kunst der Fuge anders als sein Wohltemperiertes Klavier oder die Goldberg-Variationen mehr ein Expertengenuss als das große Publikumswerk.
Entsprechend selten gelangt es zur Aufführung. Dass für den keine pianistische Herausforderung scheuenden französischen Ausnahme-Pianisten und Neue-Musik-Experten Pierre-Laurent Aimard dieser Fugenmarathon nach all den Ligeti-, Ives und Messiaen-Exzessen auch irgendwann mal auf der Agenda der Herausforderungen stehen würde, konnte man fast vermuten.
Natürlich geht es Aimard auch hier nicht vordergründig um die technisch-manuelle Bewältigung einer Extrem-Aufgabe. Für den Franzosen ist die geistige Druchdringung des Notentextes, und die Umsetzung ins Sinnstiftende stets im Zentrum seines Musizierens. Das will Aimard auch in seinen Liveauftritten mit Bachs Kunst der Fuge vermitteln (die CD mit der Kunst der Fuge ist vor wenigen Wochen erschienen). Dafür nimmt er durchaus Abstriche was klangliche Brillanz und blitzendes Virtuosentum anbelangt in Kauf (ein Glenn Gould spielte Bach fraglos blitzender, strahlender). Die Herausarbeitung der Themen und Themenverläufe, die Anschaulichmachung der musikalischen Konstruktion fernab von allem blutleeren Exerzitium, das gelingt Aimard überragend und beispielhaft - auch wenn der Fugen-Marathon in toto vielleicht immer ein Grenzfall bleiben wird - für Interpeten ebenso wie für Rezipienten.
Robert Jungwirth