Aida als Motto-Party

Aida (Kristin Lewis) allein Zuhause Foto: W. Hösl

Christof Nel und Daniele Gatti bringen Verdis "Aida" an der Bayerischen Staatsoper neu heraus

(München, 8. Juni 2009) Ägyptenkolorit, also Wüste, Pyramiden, Palmen oder gar Elefanten, braucht es für eine gute "Aida" wahrlich nicht, aber Christof Nel hatte in München erst am Ende wirklich Mut zum Weglassen, ja zur leeren Bühne: Statt eines Kerkers, in dem das Liebespaar eingemauert wird, leuchtet ein großes, weißes Viereck von unten, Aida halluziniert ihre Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits nicht aus Mangel an Sauerstoff, sondern dank rapiden Blutverlusts durch aufgeschnittene Pulsadern. Am Ende werden der ägyptische Feldherr und die äthiopische Sklavin buchstäblich lebendig eingemauert - von der versammelten weiblichen wie männlichen Priesterschar, die das Paar mit ihren Leibern bedrängt.

Bis zu diesem großartigen, ergreifenden Moment galt es einige Durststrecken, nichtssagende, fade, peinliche, Szenen und Einfälle zu erleiden. Denn der Wille zur Reduktion trieb im ersten und zweiten Akt seltsame Blüten: Strenges Weiß mit Silber für die Krieger, schwarz für die Priesterschaft und ein bisschen Herrschergold dazwischen, das waren die Kostüme von Ilse Welter-Fuchs wie aus dem Billig-Fundus für eine Motto-Party. Bauhaus und Sprungtürme aus Schwimmbädern grüßten in den verschiebbaren, portalhohen Segmenten, oben mit Geländern versehen. Erst nach der Pause reduzierte sich der Raum allmählich auf eine einzige Mauer, die die Monumentalarchitektur Ägyptens anklingen ließ (Bühne: Jens Kilian).

Statt permanent rotierender Drehbühne und allerlei Firlefanz bei den Tanzszenen - Säbelballett, symbolische Abschlachtung des Feindes, Hin- und Hergeschubse und Gerenne - nun wohltuende Konzentration auf die Hauptfiguren und die allgegenwärtige Phalanx der Priester. Leider torpedierte der Regisseur seinen Willen zur Abstraktion immer wieder, ließ König und Prinzessin auf goldenen Plateauschuhen stelzen und die Arme ausbreiten, als sähe man ein ägytisches Relief dreidimensional. Ausgerechnet weiße(!)Flaggen schwenkte man dekorativ zum Kriegsgeschrei, während zuvor Blutopferrituale zelebriert wurden.

Dennoch bleibt unverständlich, warum sich Barbara Frittoli nicht mit dem keineswegs besonders avancierten Regiekonzept anfreunden wollte und gar nicht erst zu den Proben antrat. Oder war sie einfach unlustig, den mutmaßlich vom Regisseur gewünschten Aktionismus, den nun Kristin Lewis an den Tag legte, zu bedienen? Die junge Amerikanerin warf sich jedenfalls mit Verve in die Rolle, reckte hier die Arme, zuckte da dramatisch zusammen, rannte zwischen den Chören hin und her oder hielt sich die Ohren zu bei den Trompeten-Stößen des Triumphmarschs. Ihr großer, zur Differenzierung fähiger Sopran geriet nur bei der Nil-Arie etwas an seine Grenzen, hier schien die Sängerin besonders nervös wegen einer gerade überstandenen Stimmbandentzündung. Salvatore Licitra war von derlei kaum angekränkelt, orgelte sich, meist bewegungsresistent, mehr oder minder kultiviert durch die Partie des Radamès, während Ekaterina Gubanova eher Mühe hatte, die Intensität durchzuhalten, die eine Amneris eben auch braucht, neben einer schönen, sicheren Höhe, die der Russin leider ebenfalls abging. Dass Marco Vratogna dem Amonasro ausschließlich Töne der rauhbeinigen Art gönnte, wurde der Partie nur rudimentär gerecht. Mehr Stimmgewalt demonstrierte der Ramfis des Giacomo Prestia. Solide bis sehr gut: der Chor der Bayerischen Staatsoper.

Daniele Gatti, der designierte Chedirigent der Zürcher Oper, hat zwar bereits oft und erfolgreich in München dirigiert, bislang aber vor allem Philharmoniker und das Symphonieorchester des BR. Am Pult des Staatsorchesters im Nationaltheater stand er zum ersten Mal. Der schwierigen Partitur widmete er sich mit größtmöglichem Gestaltungswillen, flexiblen Tempi und der Absicht, stets die Feinheiten der musikdramatischen Struktur hörbar zu machen. Das Orchester folgte ihm dabei diszipliniert, aber nicht immer inspiriert. Warum den Dirigenten dafür fast so massives Buh wie das Regie-Team traf, war nicht verständlich, selbst wenn man sich den Lärm der Kriegstreiber in den ersten beiden Akten durchaus so schneidend scharf und schmerzhaft gewünscht hätte, wie Verdi es komponiert hat.

Klaus Kalchschmid

Weitere Aufführungen am 11., 14., 17., 21. und 30. Juni.
www.staatsoper.de

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Anzeige: 1 - 2 von 2.
 

Samstag, 11-07-09 18:33

Doro zweipfennig aus München

Warum bloß alle Schreiberlinge darauf beharren, Frittoli sei wegen des ihr nicht genehmen Regiekonzeptes ausgestiegen - Fittoli hat vor der Partie einen Rückzieher gemacht, was möglicherweise gar nicht unvernünftig war. Allerdings hätte sie sich das vielleicht schon ein bisschen früher überlegen können...

 

Montag, 15-06-09 16:06

Bernd Degner aus München

Dieser Verriss ist noch viel zu milde ... Ganz grosses Operndebakel!!! Schade!