Meldungen

Kündigung von Serge Dorny war nicht rechtens

Die Kündigung des designierten Intendanten der Dresdner Semperoper, Serge Dorny im Jahr 2014, ist ungültig. Das hat das Oberlandesgericht Dresden jetzt in zweiter Instanz entschieden. 2013 war der Dorny, der die Oper Lyon leitet, zum Intendanten der Semperoper bestimmt worden. Doch noch vor seinen...

Bayerische Staatsoper verschiebt "Oper für alle" wegen Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs

Die Bayerische Staatsoper sagt die Veranstaltung "Oper für alle" am kommenden Sonntag, 31. Juli 2016, aufgrund des parallel stattfindenden Gedenkgottesdienstes und des Trauerakts für die Opfer des Münchner Amoklaufs vorläufig ab. "Die Staatsoper und alle ihre Mitarbeiter, Sänger und...

Gewinner des Internationalen Mut-Autorenwettbewerbs 2016 stehen fest

Am Samstag, den 23. Juni, präsentierte das Münchner Gärtnerplatztheater im Akademietheater das Finale »Frei zur Uraufführung!« des Internationalen Mut-Autorenwettbewerbs für musikalisches Unterhaltungstheater. Mit insgesamt 40 eingereichten Stückkonzepten hatten sich Komponisten, Liedtexter und...

65. Internationaler Musikwettbewerb der ARD in den Fächern Kontrabass, Horn, Harfe und Streichquartett

Vom 29. August bis zum 16. September 2016 treffen sich Nachwuchsmusiker aus allen Teilen der Welt in München zum 65. Internationalen Musikwettbewerb der ARD. In diesem Jahr wird der Wettbewerb in den Fächern Kontrabass, Horn, Harfe und Streichquartett ausgetragen. Insgesamt gab es 345 Bewerbungen...

Polizei äußert bei einigen Beschäftigten der Bayreuther Festspiele Sicherheitsbedenken

Bei der Überprüfung des Personals der Bayreuther Festspiele hat die Polizei bei einigen Mitarbeitern Sicherheitsbedenken angemeldet. Die etwa 35 Personen sollen nicht mehr in sicherheitsrelevanten Bereichen, also im Festspielhaus eingesetzt werden, heißt es. Die polizeilichen Bedenken beziehen sich...

Der Preis ist nicht heiß: fragwürdiger Echo-Klassik 2016 vergeben

Anna Netrebko, Philippe Jaroussky, Sol Gabetta, Pinchas Zukerman, Holger Falk, Asya Fateyeva, Grigory Sokolov, Christiane Karg und Andrea Bocelli – sie alle und noch viele viele Musikerinnen und Musiker mehr, 48 um genau zu sein, gehören zu den Preisträgern des Echo-Klassik 2016; frei nach dem...

BR-Klassik-Festspielzeit bietet Festival-Highlights des Jahres 2016

An rund 70 Abenden vom 26. Juni bis 10. September bietet BR-Klassik die großen musikalischen Ereignisse dieses Sommers in Mitschnitten und Liveübertragungen. Den Auftakt machte die Eröffnung der Münchner Opernfestspiele am 26.6. mit der Neuinszenierung von Jacques Fromental Halévys Oper „La Juive“....

Münchner Philharmoniker starten eigenes Label

Am 30. September 2016 veröffentlichen die Münchner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Valery Gergiev die ersten beiden Live-Konzertaufzeichnugen des orchestereigenen Labels MPHIL: Mahlers Symphonie Nr. 2 (Antrittskonzert) und Bruckners Symphonie Nr. 4. Die Aufnahmen erscheinen ein Jahr nach...

Bayreuther Parsifal-Premiere live auf BR-Klassik und am 30. Juli in 3sat

Die Richard-Wagner-Festspiele auf dem Grünen Hügel von Bayreuth werden in diesem Jahr mit der Premiere der „Parsifal"-Neuproduktion eröffnet. BR-Klassik überträgt am Montag, 25. Juli, ab 15.57 Uhr live aus dem Bayreuther Festspielhaus im Hörfunk und im Videostream auf br-klassik.de/concert. Am...

Facebook erhält Verschlossene Auster

Das amerikanische soziale Netzwerk Facebook erhält in diesem Jahr die "Verschlossene Auster", den traditionellen Preis für den Informationsblockierer des Jahres, den die Journalistenorganisation Netzwerk Recherche vergibt. Sie kritisiert damit den intransparenten Umgang von Facebook mit...

Harte Zeiten für Bayreuth-Besucher

Das Bayreuther Festspielhaus verfügt über die vermutlich unbequemsten Opernsitze der Welt. Fünf Stunden Wagner werden hier schnell zu einer Herausforderung für Rücken und Beine, selbst für ausgesprochene Fans des Meisters. Und jetzt dürfen die Besucher nicht mal mehr Sitzkissen mit ins Auditorium...

Musikpreis des VDKD geht an Alexej Gerassimez

Der mit 10.000 Euro dotierte Musikpreis des Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen e.V. (VDKD) geht in diesem Jahr an den Percussionisten Alexej Gerassimez. Die Auszeichnung wird jährlich wechselnd an förderungswürdige junge Musiker oder Ensembles, beziehungsweise Bands, aus den Bereichen der...

Hartmut Haenchen springt für Andris Nelsons in Bayreuth ein

Hartmut Haenchen wird den Bayreuther "Parsifal" in diesem Jahr dirigieren. Nelsons hatte die Proben kurzfristig verlassen, weil es zu "atmosphärischen Störungen" gekommen war - was immer das im Detail bedeutet. Die Festspielleitung freue sich, dass es nun gelungen sei, mit...

Revolution im Münchner Nationaltheater: Dallmayr übernimmt Catering von Käfer

Es ist eine gastronomische Revolution, die sich in Münchens Musentempel, dem Nationaltheater, ereignet hat: Nach über 50 Jahren ununterbrochener Tätigkeit als Caterer für die Opernbesucher wird die Firma Käfer diesen Service nun an den Konkurrenten Dallmayr abtreten müssen. Bei einer Ausschreibung...

Nelsons steigt aus Bayreuther Parsifal aus

Der Dirigent Andris Nelsons hat seinen Rückzug von der Bayreuther Neuproduktion des "Parsifal" in diesem Sommer angekündigt. Die Festspielleitung hat bestätigt, dass Nelsons um die Auflösung seines Vertrags gebeten habe. Die Umstände bei den diesjährigen Festspielen hätten nicht die...

Opernpartituren von Spontini in Belgien gefunden

Handschriftliche Partituren von vier verloren geglaubten Opern Gaspare Spontinis sind in der Bibliothek des Schlosses Ursel in Hingene in Belgien sind entdeckt worden. Es handelt sich um die frühen Opern «Il quadro parlante» (1800), «Il geloso e l’audace» (1801), «Le metamorfosi di Pasquale ossia...

427.000 Euro durch Benefizkonzert mit Lang Lang für Bamberger Klosterkirche St. Michael

Das Benefizkonzert zugunsten der Stiftung Weltkulturerbe Stadt Bamberg für die Renovierung der Klosterkirche St. Michael mit Lang Lang, Jonathan Nott und den Bamberger Symphonikern Ende März in der ausverkauften Brose Arena in Bamberg war ein voller Erfolg. Durch den Ticketverkauf und die großzügig...

Siemens Musikstiftung ließ Partituren von Luigi Nono digitalisieren

Über 1,5 Terabyte mit digitalisierten Originalpartituren, Notizen und Skizzen aus der Hand Luigi Nonos hat ein Projekt der Ernst von Siemens Musikstiftung erstellt, das jetzt kurz vor dem erfolgreichen Abschluss steht. Die Daten werden an die Paul Sacher Stiftung übergeben, das digitale Archiv soll...

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ARD-Wettbewerbsnotizen

Bekam den 1. Preis im Fach Streichquartett: das Armida Quartett Foto: Dorothee Falke

Drittes Preisträgerkonzert und Abschluss des Wettbewerbs

Armida Quartett, 1. Preis; Dashon Burton, Gesang Männer, 1. Preis; Stojan Krkuleski, 2. Preis, Klarinette; Olena Tokar, 1. Preis, Gesang Frauen, und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

(München, 21.9.2012) Das G-Dur-Quartett, das Joseph Haydns opus 76 eröffnet, stand auch am Beginn des letzten Preisträgerkonzerts im Herkulessaal. Einmal mehr bewies das Armida Quartett aus Berlin, dass es zu Recht den ersten Preis und darüber hinaus sieben (!) Sonderpreise erringen konnte. Vor allem der langsame Satz atmete bei Martin Funda und Johanna Staemmler (Violinen), Teresa Schwamm (Viola) und Peter-Philipp Staemmler (Cello) eine wundervolle Ruhe, bei der die Zeit still zu stehen schien, während die vier Deutschen das Menuett frech im Presto hinfetzten und das Trio herrlich schubertisch mit vielen Rubati ins Tänzerische hineindrehten. Auch das Finale lässt sich wohl kaum schöner und pointierter musizieren.

Stojan Krkuleski offenbarte bei Carl Nielsens Klarinettenkonzert einen ähnlichen Facettenreichtum in Klang, Tongebung und Ausdruck. Dem 26-jährigen Serben gelang der vielfältige Wechsel zwischen zarter Lieblichkeit und buchstäblicher Verrücktheit, zwischen Langsam und Schnell, Laut und Leise grandios. Da war es ohne Belang, ob das Konzert nun ein Porträt des Widmungsträgers und Interpreten der Uraufführung darstellt, der unter Wahnvorstellungen litt, ein Selbstporträt des dänischen Komponisten ist oder einfach - typisch skandinavisch - das musikalische Bild eines Trolles malt, der von einem Moment auf den nächsten seine Gestalt wechseln kann - gerade noch betörend schön und gleich darauf häßlich verzerrt. Was vermeintlich humoristisch zugespitzt ist, trägt auf ganz eigentümliche Weise immer ernste Züge - und ernsthaft spielte es Krkuleski auch, mit viel Anteilnahme, feinem Ausdruck und dem immer wieder aufscheinenden Mut, die Schizophrenie des Stücks Klang werden zu lassen - nicht zuletzt in den irren Dialogen mit einer kleinen Trommel. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ließ unter Leitung von Graeme Jenkins die konzertanten Qualitäten des Werks plastisch zur Geltung kommen und folgte dem Solisten bei jeder Volte sekundenschnell.

Die beiden Preisträger im Fach Gesang, die mit je zwei Arien die beiden Konzerthälften beendeten, waren wie Tag und Nacht, und das in jeder Hinsicht: Hier der US-amerikanische Bassbariton mit den bis zu den Hüften reichenden Rastalocken, der seine Töne immer ein bisschen so singt, als wolle er Lockerungsübungen auf dem Sportplatz machen, dort die zarte, ungemein berührend singende lyrische Sopranistin aus der Ukraine. Zum dritten Mal im Wettbewerb sang Dashton Burton nun Händels "The trumpet shall sound" aus dem "Messiah" und jedes Mal steigerte er sich in Intonation und musikalischer Gestaltung. Dass seine mächtige Stimme mal sehr laut sein kann, oft aber seltsam ohne Kern und leicht diffus in der Artikulation bleibt, das war vor allem bei Bachs Arie "Großer Herr und starker König" aus dem "Weihnachtsoratorium" zu hören, das man nun wahrlich schon dutzendfach auch an diesem Ort konturierter und prägnanter gehört hat. Warum Burton bei den Männern einen zweiten Preis gewinnen konnte, wird wohl auf ewig ein Geheimnis der Jury bleiben.

Da waren sich Publikum, Kritik und Jury bei Olena Tokar schon einiger. Rusalkas Lied an den Mond kann man jedenfalls kaum schöner, ausdrucks- und seelenvoller singen und auch das "O Dieu! Que de bijoux - Ah, je ris de me voir" der Marguerite aus Gounods "Faust" war weniger Bravourarie als zauberhaftes Charakterporträt eines (selbst-)verliebten, verführbaren Mädchens und der rechte glanzvolle Abschluss des diesjährigen ARD-Musikwettbewerbs.

Klaus Kalchschmid

TV Tipps:
Am Sonntag, 23. September (23.05 Uhr), gibt es ein ttt-extra zum diesjährigen Wettbewerb in der ARD. Die Aufzeichnung des dritten Preisträgerkonzerts wird am 30. September (22.45 Uhr) im Bayerischen Fernsehen, am 7. Oktober (9.00 Uhr) beim SWR sowie am 4. November (8.15 Uhr) vom HR gesendet.

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Zweites Preisträgerkonzert
Novus String Quartet, 2. Preis; Anna Sohn, 2. Preis Gesang Frauen; Hansung Yoo, 2. Preis und Publikumspreis Gesang, Männer; Annelien Van Wauwe 2. Preis Gesang Frauen, und das Münchener Kammerorchester

(München, 20. September 2012) Dem Entstehen von Musik zuhören, aber quasi unter Laborbedingungen, das bot das Novus String Quartet - Nomen est Omen - bei ihrer ersten öffentlichen Aufführung von Mozarts Streichquartett Es-Dur KV 428. Noch mehr als beim Semifinale mit diesem Werk hatte man den Eindruck, etwas noch nicht Fertiges, etwas kaum Geborenes wie unter einem Brutkasten hören zu müssen. Seltsam unlebendig klang das vor allem in den Mittelsätzen, obwohl alle Töne präsent waren, oftmals auch ein schöner Klang produziert wurde. Aber wo sich das Geschehen polyphon verzahnte, da hakte es gleich, geriet die Klangbalance in Schieflage und im Finale kamen vor lauter Tempo die kleinen Noten allzu hastig. Warum nur haben die vier an der Münchner Musikhochschule bei Christoph Poppen studierenden Südkoreaner für das Preisträgerkonzert kein Werk gewählt, mit dem sie erfahren und schon gereift sind?

Dann aber Erleichterung, als Anna Sohn wieder Händel und Mozart sang. Einmal mehr konnte man die neben Olena Tokar (die im dritten Preisträgerkonzert zu hören ist) beste Sängerin des ganzen Wettbewerbs erleben: einen ebenfalls traumhaft schönen, reichen, klangvollen Sopran voller Charisma. Ihr "Rejoice greatly, o daughter of Zion" aus dem "Messiah" war einfach nur beglückend, ungemein präzise die Koloraturen, aber nie als Selbstzweck gesungen. Der Ausdruck von unbändiger Freude übertrug sich mit jedem Ton auf das Publikum, nicht zuletzt dank eines Münchener Kammerorchesters, das mit Verve auch Konstanzes "Ach, ich liebte" aus Mozarts "Entführung" begleitete. Und wieder war das Verzierungswerk, waren die Spitzentöne nicht nur perfekt gesetzt, sondern immer auch von Farbe und Ausdruck erfüllt.

Nach der Pause gab es dann erst einmal drei Lieder, gesungen von Hansung Yoo mit Boris Kusnezow als Partner am Klavier: Henri Duparcs "L'invitation au voyage", Hugo Wolfs dramatische Mörike-Ballade "Der Feuerreiter" und Gustav Mahlers "Ich hab' ein glühend Messer in meiner Brust". Das war intensiv und kultiviert gesungen, zumal der 27-jährige Südkoreaner einen Bariton mit Strahlkraft und einem schönen Kern besitzt, aber eigentlich hätte man auch den Mann am Flügel auszeichnen müssen. Als einer von sechs Pianisten begleitete der junge Russe verschiedene Sänger während der ersten und zweiten Runde, wurde jetzt aber extra noch einmal geholt und konnte einem größeren Kreis an Zuhörern zeigen, was für ein phänomenaler, aktiv und ausdrucksvoll mitgestaltender Liedpianist er ist. Das eigentliche Drama der Lieder spielte sich im Klavier ab und manchmal ertappte man sich dabei, dass man mehr Kusnezow zuhörte als dem Sänger.

Zum Abschluss spielte Annelien Van Wauwe Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenkonzert mit herrlich dunklem, aber ganz natürlich leicht und frei fließendem Ton. Berückend der langsame Satz, aber auch herrlich graziös das Finale. Und wieder war das Münchener Kammerorchester mit seinem Konzertmeister Daniel Giglberger nicht nur Begleiter, sondern ein aufregender Mitstreiter und -gestalter.

Klaus Kalchschmid   

Erstes Preisträger-Konzert

Sergey Eletsky, 2. Preis Klarinette; Kyubong Lee, 3. Preis Gesang Herren; Calidore String Quartet, 3. Preis Streichquartett; Sumi Hwang, 2. Preis und Sophia Christine Brommer, 3. Preis Gesang Damen und das Rundfunkorchester München

(München, 19. September) Nach der Pflicht nun also die Kür: Die drei Preisträger-Konzerte (auch II und III am 20. und 21. September überträgt BR Klassik live und im Internet über www.ard-musikwettbewerb.de) nehmen sich ein wenig wie ein musikalischer Abend des 19. Jahrhunderts aus, als man Kammer-, Orchester- und Vokalmusik bunt mischte. Im Prinzregententheater gab es nach Carl Maria von Webers zweitem Klarinettenkonzert Arien von Verdi und Leonard Bernstein, danach Felix Mendelssohns zweites Streichquartett und am Ende nochmals Oper ("Freischütz" und "Don Pasquale").

Den schönsten und rundesten Eindruck hinterließ das erst vor zwei Jahren gegründete Calidore String Quartet aus USA/Kanada, das einen dritten Preis errang. Einen Großteil ihres Repertoires mussten die Vier also für den ARD-Musikwettbewerb neu einstudieren. Mendelssohns a-moll-Quartett op. 13 allerdings haben Jeffrey Myers und Ryan Meehan (Violinen), Jeremy Berry (Viola) und Estelle Choi (Cello) schon oft gespielt und das hörte man: Mehr noch als im Semifinale und im Finale wirkte ihr Spiel reif, intensiv und homogen. Nicht zuletzt überall da, wo sich der Einfluss des späten Beethoven in Satz, Formstruktur und Melodik überdeutlich ausprägt und mit Mendelsohns Personalstil auf wundersame Weise verschmilzt. Dass der erste Geiger über allem schwebt und manchmal scheinbar sein eigen Ding verfolgt, störte nie, ja war sogar eine eigene Qualität.

Sergey Eletskiy, einer der drei zweiten Preisträger im Fach Klarinette brachte die Musik im langsamen Satz - der Romanza - von Webers Es-Dur-Konzert op. 74 ebenfalls zum Abheben, traumhaft weich und schön gespielt, oft wie aus dem Nichts kommend und dann wieder in ihm verschwindend. Nicht ganz so überzeugend in Tongebung und Gestaltung spielte der 23-jährige Russe das Alla-Polacca-Finale. Da hätte man sich doch mehr Lockerheit und nicht so viel Druck gewünscht.

Nach der großen Szene des Grafen Luna aus Verdis "Trovatore", die der 29-jährige koreanische Bariton Kyubong Lees mit Intensität und einem vor allem in der Höhe strahlend und satt leuchtenden Bariton sang, vermochte Sophia Christine Brommer mit dem verrückten, virtuosen und ungemein gute Laune erzeugenden "Glitter and be gay" aus Leonard Bernsteins "Candide" einmal mehr zu überzeugen. Und ihre wie Messer im Zirkus auf eine Jungfrau ins Publikum geworfenen Spitzentöne brachten denn auch zu Recht das Prinzregententheater wieder zum Kochen. Die als Ensemblemitglied des Theaters Augsburg zuletzt in den Titelpartien von Bergs "Lulu" und Verdis "Traviata" zu erlebende 30-Jährige bekam neben dem dritten den Publikumspreis, den Sonderpreis der Freunde des Nationaltheaters und den mit einer CD-Einspielung verbundenen Sonderpreis des Labels Oehms Classics. Ab 30. September steht sie als Donna Anna in Mozarts "Don Giovanni" auf der Bühne des Augsburger Theaters.

Zum Abschluss des Konzerts war Sumi Hwang noch einmal als Ännchen aus dem "Freischütz" und mit "Quel gardo il cavaliere" der Norina aus Donizettis "Don Pasquale" zu erleben. Während der leichte Ton Webers bei der 26-jährigen Südkoreanerin manchmal allzu große Schärfen besaß und etwas aufgesetzt wirkte, konnte sie mit den perfekt gesetzten Koloraturen und dem Aplomb Norinas rundweg überzeugen.

Wie schon im Semi-Finale Gesang, war das Münchner Rundfunkorchester unter Rasmus Baumann in vierfältiger Musik, die ganz unterschiedliche Anforderungen stellte, ein stets souverän, plastisch und klangschön begleitender Partner.

Klaus Kalchschmid

 

Finale Gesang und dessen Preisträger

(München, 16. September) Eine illustre Jury unter Vorsitz von Brigitte Fassbaender aus so bekannten Sängern wie Juliane Banse, Konrad Jarnot, Tom Krause, Christoph Prégardien und Edith Wiens sowie Pal Christian Moe, der seit einigen Jahren für das Konzept des Sänger-Castings an der Bayerischen Staatsoper verantwortlich ist, hat alle Finalisten im Fach Gesang für preiswürdig erachtet. Angetreten waren zum ersten Durchgang ursprünglich 100 Sänger aus aller Herren Länder, darunter viele aus Südkorea.

Das Gold für die erst 25 Jahre junge Olena Tokar aus der Ukraine war mehr als verdient. Denn wohl niemand hat im Wettbewerb so ausdrucksvoll und berührend gesungen und gestaltet. Und kaum jemand besaß ein so schönes, farbiges, seelenvolle Timbre. Schon im Semi-Finale rührte ihr "Piangerò" der Cleopatra aus Händels "Giulio Cesare" zu Tränen, im Finale war es dann zweimal Mozart: eine traumhaft schön und mit vielen schmerzvollen Facetten und in Pastell-Farben getauchte Pamina-Arie, aber auch ein sehr differenziertes "Come Scoglio" der Fiordiligi aus "Così fan tutte". Die Juwelenarie aus Gounods "Faust" war im Semi-Finale wie im Finale das großartige Charakterporträt eines (selbst-)verliebten, verführbaren Mädchens. Nicht zu vergessen Rusalkas "Lied an den Mond". Da beherrschte die Ukrainerin, die neben ihrem Studium schon seit drei Jahren im Ensemble der Leipziger Oper singt, das Tschechische idiomatisch perfekt und besaß mit einer entsprechend "slawischen" Stimme natürlich Heimvorteil.

In beiden Arien blieb die zweitplazierte Sumi Hwang eher unterkühlt, trotz brillanter Technik, Tongebung und Phrasierung. Ihr Ännchen ("Freischütz") besaß gleichwohl Anmut und Witz wie ihre Norina ("Don Pasquale") Frechheit und stimmliche Verve. Anna Sohn - ebenfalls aus Südkorea und gleichfalls mit Silber belohnt - hat das feinere, klangvollere, ja ein wirklich kostbares Timbre. Damit adelte sie auch Manfred Trojahns "Ich will ein Reiter werden. Vier Gesänge des Kaspar Hauser" im Semi-Finale. Von ihnen sang sie - wie vorgesehen - zwei Lieder, in ihrem Fall die ersten beiden Vertonungen nach Rilke und Klabund, und errang damit auch den Preis für die beste Interpretation des Auftragswerks - auswendig gesungen! Ob Belcanto oder Mozart, Verdi (Gildas "Caro Nome") oder Alban Berg ("Lulu"): Alles sang sie ebenso prägnant, sicher wie ausdrucksvoll. Und als selbstbewusst eine Intrige anzettelnde Frau Fluth aus Nicolais "Lustigen Weibern" trat dann auch noch ein ausgeprägt komisches Talent zu Tage.

Die leider nur drittplazierte Sophia Christine Brommer legte selbiges auch an den Tag, war stimmlich, obwohl ebenfalls Sopranistin, allerdings aus dunklerem und härterem Holz geschnitzt. Denn einer kräftigen Mittellage und schönen Tiefe standen intensiv, aber keineswegs hell leuchtende Spitzentöne entgegen. Wie die in Augsburg seit Jahren fest engagierte und dort bereits als Lulu und Traviata zu erlebende 30-Jährige Leonard Bernsteins köstliches "Glitter and be gay" aus "Candide" mit viel Mut zu Häßlichkeit, schrägen, aber auch wild in der Höhe herausgeschleuderten Tönen sang und gestaltete, sicherte ihr zu Recht den Publikumspreis. Aber auch als Puccinis Liù, Bizets Michaëla und Donizettis Lucia di Lammermoor bot sie eindringliche, musikalisch und stimmlich ausgereifte Studien todbereiter, angsterfüllter Frauen.

Bei den Männern ganz oben platzierte die Jury, da kein erster Preis vergeben wurde, den amerikanischen Bass-Bariton Dashon Burton. Neben dem ebenfalls mit einem zweiten Preis ausgezeichneten Bariton Hansung Yoo aus Südkorea, der äußerst kultiviert, idiomatisch und wortverständlich Wolf ("Der Genesene an die Hoffnung"), Schumann ("Schöne Wiege meiner Leiden") und Mahler ("Ich hab ein glühend‘ Messer in meiner Brust") sang, nahm sich Burton aber aus wie ein Elefant im Porzellanladen der Vokalmusik. Zwar geriet ihm sein "Sibillar gli angui d’Aletto" aus Händels "Rinaldo" im Finale weitaus sauberer und sicherer als noch im Semifinale, auch "The trumpet shall sound" aus dem "Messiah" klang ansprechend, aber bei Gabriel Fauré ("Cygne sur l'eau"), Schubert ("Gruppe aus dem Tartarus") und selbst bei Samuel Barbers "I hear my army" verstand man nicht nur kein Wort, sondern auch Sinn und Gehalt der Lieder blieben im Ungefähren. Wurde da lediglich ein beeindruckendes Material ausgezeichnet oder war der US-Amerikaner in den ersten beiden Runden ein derart fulminanter Sänger und Gestalter?
 
Der nur drittplazierte Kyubong Lee aus Südkorea konnte mit "Largo al factotum della cità" von Rossinis Barbier noch mehr überzeugen als der 27-jährige Hansung Yoo, der wie Dashon Burton den Schwerpunkt Lied/Konzert gewählt hatte. Lee offenbarte als Posa ("Don Carlo") und mit einer Arie aus dem "Trovatore" auch einen veritablen, ausdrucksvollen Verdi-Bariton, überraschte dazu mit in jeder Hinsicht überzeugendem russischem Repertoire, dem Jeletzki aus Tschaikowskys "Pique Dame".

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Graeme Jenkins war - wie schon das Münchner Rundfunkorchester unter Rasmus Baumann im Semi-Finale - ein verlässlicher, stilistisch ungemein versierter und anpassungsfähiger Partner. Ohne eine derart sichere und inspirierende Stütze wäre so manche gesangliche Leistung an diesem Abend sicher schwerer gefallen.

Klaus Kalchschmid 

 

Finale Streichquartett

(München, 15. September 2012) Nicht nur bei Beethoven, auch bei Bartók können Welten zwischen zwei Interpretationen liegen. Beim Finale im Fach Streichquartett erwies sich das schlagend im Duell zwischen dem Quatuor Zaïde und dem Armida Quartett. Die Deutschen spielten farbig, prägnant und in den fünf Satzcharakteren eindeutig und kontrastreich das vierte Bartók-Quartett; die Französinnen rauhten das Klanggeschehen auf, mischten eine Menge Geräuschanteile in die Palette der Klangfarben und machten aus ihren Streichinstrumenten im Finale veritable Schlagwerke. Durchaus mit großem Effekt und überzeugend.

Doch das funktionierte bei Beethoven leider nicht. Als Finale eines sechstündigen Marathons mit vier Ensembles stand das sieben Sätze virtuos und kühn ineinander schiebende op. 131 mit dem Quatuor Zaïde. Doch am Ende hatte man den Eindruck, als ob nur noch am Steg gespielt würde. Trotz aller Detailgenauigkeit in der Phrasierung stellte sich der paradoxe Eindruck flächig monochromen Musizierens ein.
Da war das a-moll-Quartett op. 132 mit dem Armida Quartett schon von ganz anderem Kaliber. Traumhaft schön und ausdrucksvoll gespielt etwa der "Heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit", wie eine imaginäre Jagdmusik aus der Welt der Blasinstrumente in die der Streicher versetzt das Alla Marcia und nicht minder lustvoll scharfgeschnitten, aber auch manchmal von herber Süße das Allegro appassionato. Dafür gab es neben dem ersten Preis auch den Publikumspreis.

Einen überraschenden zweiten Preis errang das Novus String Quartet aus Südkorea. Denn so passabel auch das dritte Bartók-Quartett gespielt war, so weichgespült war Beethovens op. 127: spannungsarm, allzu gediegen, gar unsauber im Scherzo und am Ende ein Sammelsurium an Tönen, kaum mehr Klangentfaltung. Was muss dieses Quartett in den ersten Runden - die bei der Endwertung mitzählen - geleistet haben, dass es einen so hohen Preis erringen konnte?

Drittplaziert wurde das Calidore Quartet aus Kanada und den USA. Sie  spielten ein famoses drittes Bartók-Quartett und verblüfften auch mit zwei Sätzen von Franz Schuberts d-moll-Quartett D 810. Der Kopfsatz war rasant, aber nicht gehetzt musiziert, die Variationen über Schuberts eigenes Lied "Der Tod und das Mädchen" facettenreich abgetönt. Doch mit dem Scherzo begannen die Probleme und die latente Aggression und Todeswut des Finales wirkte wie unter Perfektion verdeckt.

Klaus Kalchschmid 

Gesang, Semi-Finale

(München 14. September 2012) Sänger und Sängerinnen in Timbre, Technik und Ausdruck zu beurteilen, mag ja wirklich Geschmackssache sein, aber warum bitte kommt eine großartige, ungemein charmant, mit Natürlichkeit und feiner Raffinesse singende und mit einem kostbaren Timbre begabte Ungarin wie Polina Angelico-Pasztircsak oder ein spannender, ausdrucksstarker Pole wie der Bass-Bariton Stanislaw Kierner nicht ins Finale, aber oft laut und/oder neutral singende SüdkoreanerInnen bzw. ein US-Amerikaner, der bei einer Händel-Arie kaum einen Ton trifft?

Immerhin haben es Olena Tokar aus der Ukraine, Sophia Christine Brommer und Anna Sohn, die nun wirklich Südkorea alle Ehre macht, ins Finale geschafft. Das ist ein Trost und ich freue mich, diese drei noch einmal hören zu dürfen. Denn Olena Tokar sang ein so zu Tränen rührendes "Piangerò" der Cleopatra aus Händels "Giulio Cesare", eine traumhaft schöne Rosenarie der Susanna aus Mozarts "Figaro" und die Juwelenarie aus Gounods "Faust" mit derart facettenreich changierendem Ausdruck eines (selbst)verliebten Mädchens, dass man in anderen Sphären schwebte. Zumal ihr Timbre ungemein fein leuchtete und ihr Singen einfach unglaublich viel Seele besaß.

Ungemein spannend auch, wie unterschiedlich und trotzdem beide Male überzeugend das "Lied der Lulu" aus Alban Bergs gleichnamiger Oper von der lyrischen Koloratursopranistin Anna Sohn und der eher dramatischen Koloratursopranistin Sophia Christine Brommer gesungen wurde, die Lulu schon in Augsburg auf der Bühne dargestellt hat. Die Beiden konnten auch mit Bel Canto rundweg überzeugen - mit Bellinis Elvira ("Qui la voce sua soave") aus "I Puritani" die Koreanerin, mit der Lucia di Lammermoor Donizettis ("Regnava nel silenzio") die Deutsche.

Auch Mozart hatten die beiden Sopranistinnen passend ausgesucht: Anna Sohn Zaides "Ruhe sanft" - betörend zurückhaltend, aber fein ziseliert, vielleicht mit etwas zu wenig Mut zur großen Linie; und Sophia Christine Brommer mit dem gespielt aggressiven "Come scoglio" der Fiordiligi aus "Cosí fan tutte" - hier fast als Rachearie angelegt: fulminant!

Bariton Hansung Yoo hatte den Schwerpunkt Lied/Konzert gewählt und konnte daher neben dem Valentin aus Gounods "Faust" mit Schuberts "Ganymed" und Wolfs effektvollem "Feuerreiter" mit einer durchaus ausdrucksstarken Stimme und prägnanter Gestaltung punkten.

Blieben da noch Manfred Trojahns "Vier Gesänge des Kaspar Hauser für hohe Stimme und Klavier" unter dem Titel "Ich will ein Reiter werden", von denen jeder Semi-Finalist zwei singen musste. Das erste, sehr bewegte und dramatische Lied ist eine Vertonung von Rilkes "Der Knabe", wie eine Ballade denn auch von Sophia Christine Brommer gesungen. Das zweite, "Der arme Kaspar" nach Klabund, stellt verstörende Fragen nach der Existenz und ist ganz sparsam gesetzt, von einer sängerischen Persönlichkeit wie Anna Sohn wird die Vertonung wirklich plausibel und geadelt. Das dritte, "Gaspard Hauser chante" nach Paul Verlaine, besitzt nicht nur durch einen insistierend immer wieder angeschlagenen Ton C, um den sich komplexe Akkorde ranken und eine fast rezitativische Stimmführung etwas Klaustrophobisches, das Stanislaw Kierner beklemmend gestalten konnte. Georg Trakls düster expressionistisch verklausuliertes "Kaspar Hauser Lied" ist das längste des Zyklus; und wenn es wirklich spannend gesungen wird, wie von Sophia Christine Brommer oder Stanislaw Kierner, vielleicht auch das beeindruckendste.

Klaus Kalchschmid 

Livestream aller noch folgenden Durchgänge und der Preisrägerkonzerte sowie alle Infos im Internet über www.ard-musikwettbewerb.de

Streichquartett, Semi-Finale

(München, 13. September 2012) Es ist schon ein Schlauch: Mittags betritt und abends um neun verlässt man das Prinzregententheater - erschöpft, aber irgendwie glücklich, denn von den sechs Quartetten, die ins Semi-Finale durften, haben drei, wenn nicht vier auf ganz unterschiedliche Weise spannend, aufregend und bewegend Musik gemacht. Wann ergibt es sich außerdem beim ARD-Wettbewerb, dass man sechs verschiedene Mozart-Quartette (darunter die drei "Preußischen") auf ganz unterschiedliche Art und Weise innerhalb eines großen Konzerts erleben kann. Dazu mussten alle das zweite Streichquartett von Erkki-Sven Tüür als Uraufführung spielen sowie Schuberts Quartettsatz c-moll oder die fünf Stücke op. 5 von Anton Webern.

Leider hat es das zu Recht als Favorit gehandelte Acies-Quartett aus Österreich trotz eines wunderbar natürlichen und sanften Mozart (KV 421) und eines enorm durchsichtig und präzise gespielten Auftragswerks nicht ins Finale geschafft, während das allzu monochrom und neutral auf ihren dunkel bronzefarbenen Instrumenten musizierende Novus String Quartet aus Südkorea ins Finale einzog.

Dass das aus vier jungen Damen bestehende Quatuor Zaïde, Calidore String Quartet aus Kanada und den USA sowie das Armida Quartett aus Deutschland sich beim Finale im Prinzregententheater mit Beethoven oder Schubert und Bartók präsentieren dürfen, ist allerdings nur gerecht: Schuberts c-moll-Quartett-Satz war beim Zaïde-Quartett zum einen wunderbar nervös gespielt, aber auch enorm seelenvoll, ähnlich der Interpretation des Calidore String Quartet, das allerdings zudem immer wieder das typische Schubertsche halbbewußte Schlendern musikalisch hörbar werden ließ.
Statt Schubert hatte das Armida Quartett die fünf Sätze für Streichquartett von Anton Webern gewählt und spielte sie nach dem Wunsch des Komponisten - wie Chopin! Also mit wunderbar differenziertem Ausdruck, enorm präziser Intonation der 12-Ton-sturkturen und einem Facettenreichtum, der die die Pianissimo-Ertüftelungen des ausgeschiedenen Quartet Berlin Tokyo in den Schatten stellte.

Auch "Lost Prayers", das beeindruckende Auftragswerk von Erkki-Sven Tüür des diesjährigen ARD-Wettbewerbs, spielte das Armida Quartett höchst souverän. Schon die Einleitung, in der sich mehrfach Fortefortissimo-Akkorde in zartes Flageolett auflösen, wirkte wie aus einem Guss. Wie sich dann eine identische, sequenzierte Sechzehntel-Figur immer mehr erweiterte, die Richtung wechselte und schließlich in einen gewaltigen Höhepunkt mündete, hatte enorme Spannkraft. Nicht minder überzeugend der zart schraffierte Mittelteil voller Springbogen-, Flageolett- und Tremolo-Effekten. Daraus schälte sich eine zunächst kanonartige, archaische Zweistimmigkeit, die schließlich an melodiöser und klanglicher Fülle und Dringlichkeit immer mehr zunahm. Ähnlich fesselnd im detailgenauen, durchsichtigen Spiel und dem dramatischen Zug, in den das alles eingebettet war, klang das Tüür-Quartett beim Quatuor Zaïde.
Die vier Französinnen, die in besonderer Sitzordnung - mit dem Cello am Platz der zweiten Geige - antraten, spielten Mozarts letztes Quartett sehr energetisch und schlank, mit Binnenspannung und mutigem Zugriff in den polyphonen Verschlingungen des Finales. Das Calidore String Quartett musizierte das C-Dur-Quartett KV 465 in wunderbar natürlich homogenem Duktus, bei dem - auch in der ersten Geige - nichts herausstach, aber auch nichts unterbelichtet blieb. Ähnlich beglückte ganz zum Schluss das B-Dur-Quartett KV 589 mit dem Armida Quartett. Einem ungemein facettenreich singenden und enorm flexiblen Cello standen hier drei sich in Klang und Phrasierung perfekt ergänzende Oberstimmen entgegen: traumhaft der langsame Satz, voller Volten das Menuett und ein Finale mit mehr als einer Spur Beethoven und Bartók, den die vier Deutschen dann auch mit opus 132 und der Nummer 4 im Finale am Samstag (16 Uhr) präsentieren werden.

Klaus Kalchschmid

Alle Semifinali, Finali und die drei Preisträgerkonzerte am 19., 20. und 21. September sind via kostenlosem Livestream (letztere auch in BR-Klassik) zu verfolgen über www.ard-musikwettbewerb.de

Streichquartett, zweite Runde
Nach zwei anstrengenden Aufführungstagen im zweiten Durchgang steht nun fest, wer im Halbfinale spielen wird.

(München, 11.9.2012) Sechs der insgesamt zehn Quartette haben den zweiten Durchgang überstanden und haben nun die Möglichkeit, sich im Halbfinale zu beweisen. Das deutsche Armida Quartett überzeugte vor allem mit den "Metamorphoses nocturnes", dem ersten Streichquartetts Ligetis. Ein Stück, das dem Ensemble bereits im letzten Jahr zum Erfolg verholfen hat; so erhielte das Armida-Quartett beim 66. "Concours de Geneve"- neben dem 1. und dem Publikumspreis - den "Dr. Glatt" Sonderpreis für seine Interpretation des Ligeti-Quartetts. Die jungen Musiker gründeten ihr Ensemble 2006 in Berlin, wo sie derzeit an der Universität der Künste in der Kammermusikklasse des Artemis Quartetts studieren.

Wie erwartet, überwanden die jungen Männer vom Acies Quartett ebenfalls die zweite Hürde. Mit ihrer wunderbaren Interpretation des ersten Brahms-Quartett in c-Moll, op. 51 no. 1, begeisterten sie das Publikum so sehr, dass die Musiker am Ende ihrer Vorstellung noch dreimal hinausgehen mussten, um den Beifall zu beschwichtigen. Besonders beim Allegretto molto moderato e comodo zeigte das Ensemble, über welche dynamischen und klanglichen Fähigkeiten die Musiker verfügen. Mit den vier Österreichern wird man bis zum Schluss rechnen müssen.

Mit dabei ist auch das kanadisch-amerikanische Quartett Calidore aus Los Angeles. Besonders der Ganzköpereinsatz ihres ersten Violinisten, Jeffrey Meyers, beeindruckte das Publikum. Obwohl das Ensemble noch nicht lange besteht - 2010 gaben sie ihr Konzertdebüt an der Broad Stage in Santa Monica -, kann es in den USA schon einige Erfolge für sich verbuchen. 2011 gewannen das Quartett den Grand Price der Fisher National Chamber Music Competition und in diesem Jahr ebenfalls den ersten Preis bei der Coleman and Chesapeake International Chamber Music Competition. Im Frühling dieses Jahres waren sie Gast beim Laguna Beach Chamber Music Festival, wo sie mit Joshua Bell zusammenarbeiteten. Vielleicht bietet ihnen der ARD Wettbewerb das nötige Sprungbrett, um auch in Europa Fuß zu fassen.

Ein wenig überraschend erscheint die Entscheidung der Jury, das Gagliano Quartett nicht am Semifinale teilnehmen zu lassen. Besonders die Darbietung von Min Hee Lee war erneut ein Erlebnis. Ebenfalls ausgeschieden sind das Anima Quartet, das Jana Quartet und das Quatuor Varèse. Die Anforderungen an die Kandidaten steigen, ebenso die Erwartungen.

Philip Brückner

Streichquartett, erste Runde

Die erste Runde des ARD-Musikwettbewerbs in der Kategorie Streichquartett ist mit einigen Highlights beendet; alle Teilnehmer sind noch im Rennen.

(München, 9.9.2012) Das österreichische Acies Quartett begann am zweiten Aufführungstag mit dem Streichquartett op. 76 No. 4 von Joseph Haydn und dem ersten Streichquartett von Leos Janácêk. Das 2000 am Kärtner Landeskonservatorium gegründete Ensemble gehört zu den erfahreneren Quartetten des Wettbewerbs. So kann es bereits auf einige bedeutende Erfolge zurückblicken: 2006 gewannen Benjamin Ziervogel (1. Violine), Raphael Kasprian (2. Violine), Manfred Plessl (Viola)  und Thomas Wiesflecker (Cello) den ersten Preis in der Kategorie Streichquartett beim "gradus ad parnassum" - Wettbewerb in Wien. 2007 erhielten sie den "Artist oft he Year" - Preis der Bank Austria und die Auszeichnung als "Künstler des Jahres 2007" des  Rundfunksenders Ö1. Vor einiger Zeit begannen sie damit, ihr breites Repertoire auf CD einzuspielen,  so zum Beispiel nahmen sie in diesem Jahr Schostakowitschs drittes und fünftes Streichquartett auf. Seit 2008 studiert das Ensemble bei Günter Pichler - dem ehemaligen Primarius des Alban Berg Quartetts - am Instituto Internacional de Musica de Caméra in Madrid.

Die jungen Musiker brillierten (in europäischer Sitzordnung) mit ihrer Haydn - Interpretation; besonders im zweiten Satz halten sie die Balance zwischen den einzelnen Instrumenten eindrucksvoll aufrecht. Wunderbar auch ihre klangfarbenreiche Darstellung des ersten Streichquartetts von Janácêk, das bisher am häufigsten gespielte Stück.

Eine ebenfalls sehr eindrucksvolle Darstellung lieferte das kosmopolitische Gagliano Quartett, das 2006 an der Universität der Künste Berlin entstand. Besonders beeindruckend war Min Hee Lee (1.Violine), die - mit scheinbar unbegrenzten virtuosen Fähigkeiten ausgestattet - die Schwierigkeiten des Quartetts op. 19 no. 1 von Beethoven problemlos meisterte. Derzeit ist sie Akademistin am Deutschen Symphonie Orchester Berlin; zusammen mit Tal Riva Theodorou (Viola) gehört sie zum Kernbestand des Quartetts (Johannes Köthke und Sebastian Caspar kamen später hinzu). Die israelische Bratschistin ist neben ihrer Tätigkeit im Gagliano Quartett seit acht Jahren Mitglied im West Eastern Divan Orchestra, wo sie an mehren internationalen Auftritten und CD - Einspielungen, wie dem "Beehtoven for all" -  Projekt, beteiligt war. Zusammen mit dem Cellisten Johannes Köhtke - seit 2009 Stipendiat der Yehudi Menuhin - Stiftung "Live Music Now" - und Sebastian Caspar  (2. Violine) - mit 24 Jahren einer der jüngeren Teilnehmer in der Kategorie Streichquartett - entsteht ein wunderbar ausgewogener Klang, in dem jeder zeigt, was er kann, ohne den anderen zurückzudrängen.

Das Quartett "Berlin Tokyo" beendete den letzten Aufführungstag des ersten Durchgangs. Die vier Musiker bewiesen ihre Affinität zu zeitgenössischer Musik, indem sie das modernere Stück ("fünf Stücke für zwei Violinen, Viola und Violoncello", op. 14, von Erwin Schulhoff) als einzige vor dem klassischen spielten. Der charismatische Primarius Tsuyoshi Moti - der 2004 den zweiten Platz beim 73. Musikwettbewerb in Tokyo erhielt - brillierte durch seine beeindruckende Virtuosität, ohne jedoch seine Ensemble-Mitglieder Moti Pavlov (2.Violine), Eri Sugita (Viola) und Ruiko Matsumoto (Cello) dabei an die Wand zu drängen. Das Ensemble studiert derzeit an der Universität der Künste Berlin und sorgte beim internationalen Musikfestival in Japan 2004 für Aufsehen.

Es bleibt also spannend und man darf gespannt sein, wer es ins Halbfinale schafft.

Philip Brückner

Lesermeinungen:

Andreas Preisser aus Brandenburg schreibt uns am 26.9.2012
"Die Meinung von Herrn Offermann zum Calidore String Quartett kann ich in keiner Weise teilen.Ich fand das Mozart Dissonanzenquartett im Semifinale bemerkenswert,ebenso das Bartok Quartett im Finale, sie haben sich den Preis mit Ihrer Hingabe an die Musik mehr als verdient."

U. Offermann aus München schreibt uns am 15.9.2012
"Ihre Euphorie hinsichtlich des Calidore String Quartets beim ARD-Wettbewerb kann ich, unmittelbar vor dem Finale, nicht teilen. Nicht nur für mich, sondern auch für eine Menge anderer Besucher des Wettbewerbs ist nicht nachvollziehbar, warum dieses Quartett überhaupt ins Semifinale eingezogen ist, vom Einzug ins Finale ganz zu schweigen.
Mit freundlichen Grüßen! U. Offermann"