Am Sonntag, 11.9., endete in der Münchner Philharmonie mit dem Finale im Fach Klavier der 60. Internationale Musikwettbewerb der ARD, der in diesem Jahr in den Fächern Oboe, Trompete, Klavier und Orgel ausgetragen wurde. Insgesamt gab es drei erste, fünf zweite und fünf dritte Preise.
Der 23-jährige ukrainische Pianist Alexej Gorlatch konnte die Jury am meisten überzeugen und gewann den 1. Preis. Das Publikum stimmte mit der Jury überein und verlieh Gorlatch auch den Publikumspreis. Der 2. Preis im Fach Klavier wurde der 21-jährigen Tori Huang aus den USA zugesprochen, der Südkoreaner Da Sol Kim (22) kam auf Platz drei.
Hier geht's zu den Tagebucheinträgen der einzelnen Wettbewerbskategorien:
Beethoven brachte die Entscheidung
Beim Klavier-Finale waren sich Jury und Publikum einig
Blue Notes
Alle Finalisten im Fach Trompete erhalten Preise
Kammer-Orgel-Konzert
Der 2. Teil des Orgel-Finales mit Hindemith
Das Finale Oboe mit einem leider ungekrönten Sieger
Das Semifinale im Fach Klavier
Amadeus gegen Auerbach
Das zweigeteilte Semifinale Orgel in München und Ottobeuren
Fünf Stunden beim 2. Durchgang Klavier
Das Semifinale Oboe beim ARD-Wettbewerb
zur Homepage von www.KlassikInfo.de
Die ersten Entscheidungen beim 60. Internationalen Musikwettbewerb der ARD - der zweite Durchgang im Fach Oboe
Lächeln statt hecheln
(München, 2. September 2011) Von den 19 Teilnehmern des 2. Durchgangs Oboe haben es sechs ins Semifinale (am Sonntag, 16 Uhr mit dem Münchener Kammerorchester im Herkulessaal der Residenz) geschafft. Fünf davon konnte ich hören: Leider nicht die Deutsche Viola Wilmsen, aber die beiden Spanierinnen Miriam Olga Pastor Burgos und Christina Gómez Godoy, die Franzosen Philippe Tondre und Marc Lachat sowie Ivan Podyomov aus Russland.
Mein Favorit ist Philippe Tondre. Auch wenn das ein scheinbar äußerlich Eindruck ist: aber während er wie alle nach Einzelsätzen, in denen er kaum atmen konnte, förmlich nach Luft schnappen musste, brachte er doch seinen Begleitern - und dem Publikum - immer noch ein Lächeln entgegen, statt nur atemlos nach Luft zu hecheln. Großartig schon das erste aus François Couperins Concerts royaux - Les Goûts-réunis. Enorm fein und idiomatisch geblasen, wurden die Auszüge aus dieser Suite an der Seite von Olga Watts am Cembalo zum Ereignis. Danach Antal Doratis viertelstündiges Duo concertante für Oboe und Klavier. Es ist das perfekte Wettbewerbs-Stück, denn es bedient ekklektisch etliche Stile und ermöglicht so dem Oboisten, viele Facetten seines Könnens zu zeigen. Zwei Teile hat das Werk, wie der Widmungsträger Heinz Holliger erläutert: "Hier hat Dorati 1983 versucht, für die Oboe, die (im Gegensatz zur Klarinette) weder in der ungarischen Volksmusik noch in der Kunstmusik eine Rolle gespielt hat, eine traditionelle ungarische Rhapsodie zu schreiben, bestehend aus einem deklamatorischen, langsamen rubato-Teil (Lassú) und einem virtuosen, sich immer mehr beschleunigenden schnellen Satz (Friss). Tondre gelangen ebenso die wunderbar zart klagenden wie die lebensfroh parlierenden Passagen." Äußerst apart dann die Wahl von Bruno Madernas "Aulodia" für Oboe d'Amore und Gitarre: ein exquisites, vielgesichtiges Stück, nicht minder raffiniert gespielt.
Tondres Landsmann Marc Lachat setzte Auszüge aus Couperins 14. Concert royaux an den Beginn seines Vortrags, kaum minder schön und ausdrucksvoll gespielt. Die Suite für Oboe und Klavier von Pavel Haas, dem 1944 in Auschwitz ermordeten Komponisten, verblüffte mit immer wieder neuen Volten in ihren drei Sätzen mit den Vortragsbezeichnungen Furioso, Con fuoco und Moderato. Klagender Ton und rezitativischer Duktus dominierten in diesem 1939 (damals war die Tschechoslowakei bereits von Hitler-Deutschland besetzt) komponierten Werk, das Haas - Meisterschüler Leos Janáceks - später zu einer Kantate für Tenor und Orchester hatte umarbeiten wollen. Anspielungen auf Motive des St.-Wenzel-Chorals und des Hussitenliedes "Die ihr Gottes Streiter seid" deuten jedenfalls einen von nationalem Stolz und Widerstand geprägten Inhalt an.
Auch Ivan Podyomov spielte Haas enorm lyrisch, modulationsreich und sehr elegisch - im Übrigen auswendig! Mit Luciano Berios Sequenza VII - einem virtuosen Kreisen um einen einzelnen Ton H, der leise, aber unhörbar vom Band erklingt, hatten sich Lachat wie Podyomov ein komplexes, schwieriges, aber faszinierendes 1969 komponiertes zeitgenössisches Solo-Stück ausgesucht, das sie beide viruos bewältigten als, wie Berio schreibt, "eine Art von permanentem Konflikt zwischen der extremen Geschwindigkeit der instrumentalen Artikulation und der Langsamkeit der musikalischen Prozesse, die das Voranschreiten des Werkes tragen". Auch mit Couperins 4. Der Concerts royaux vermochte der junge Russe für sich einzunehmen.
Miriam Olga Pastor Burgos wagte sich als eine der Wenigen im 2. Durchgang an Bach (g-moll-Sonate BWV 1030) und Nikos Skalkottas? Concertino für Oboe und klavier, dessen wilde finale Kaskaden sie bewundernswert meisterte. Auch Heinz Holligers vertrackter Studie Nr. 2 für Oboe solo konnte sie ein großes Farbspektrum abgewinnen.
Christina Gómez Godoy blieb zwar bei Couperin (Nr. 7) etwas blass und unidiomatisch, aber Antonio Pascullis Fantasia sull'opera "Poliuto" di Donizetti bewältigte sie auswendig, wenn auch nicht immer mit der wünschenswerten Souveränität in der Transformation des Gesangsduktus? auf die Instrumentalstimme. Ihr Weiterkommen sicherte wohl Wahl und Bewältigung von Isang Yuns "Piri", einem schier unspielbaren Stück, in dem Hörern wie Spieler vor lauter schwierigsten Blastechniken, virtuosen Arabesken, Glissandi und Trillern geradezu schwindlig wird.
Am Sonntag, 4. September (16 Uhr) spielen im Herkulessaal der Residenz alle sechs Semifinalisten das Oboenkonzert C-Dur KV 314 von Mozart, dazu jeweils die Uraufführung des Auftragswerks von Liza Lim mit dem Titel "Gyfu".
Auf KlassikInfo lesen sie demnächst über einen Nachmittag beim zweiten Durchgang Trompete sowie über das zweigeteilte Semifinale im Fach Orgel (Musikhochschule und Ottobeuren), über einen Nachmittag des zweiten Durchgangs bei den Pianisten, über das Finale Oboe, sowie über Semifinale und Finale Klavier. Und dazwischen bekommen Sie noch einen kleinen Einblick vom Finale Trompete!
Klaus Kalchschmid
zur Homepage von www.KlassikInfo.de