Am 22. August begann der 59. Internationale Musikwettbewerb der ARD in München mit dem ersten Durchgang im Fach Klavierduo. Klaus Kalchschmid berichtet wie in den vergangenen Jahren regelmäßig, dieses Jahr mit dem Schwerpunkt auf dem Fach Violoncello. Er wird alle Teilnehmer bis zum Finale begleiten. Dazu lesen sie Berichte von allen Semifinali (ab 30. August - mit Ausnahme von Klavierduo) und allen Finali (31. August bis 5. September) sowie von den drei Preisträgerkonzerten am 8., 9. und 10. September.
Hier zunächst die Preisträger:
Drei erste, fünf zweite und drei dritte Preise - das ist die Bilanz des 59. Internationalen Musikwettbewerbs der ARD. Darüber hinaus konnten sich die jungen Musiker über zahlreiche Sonderpreise sowie Konzerteinladungen freuen. Der Wettbewerb war für die Kategorien Violoncello, Flöte, Horn und Klavierduo ausgeschrieben.
Preisträger 2010
Violoncello
1. Preis Julian Steckel, Deutschland
2. Preis Gen Yokosaka, Japan
3. Preis Tristan Cornut, Frankriech
Flöte
1. Preis Loic Schneider, Frankeich
2. Preis Daniela Koch, Österreich
3. Preis Sooyun Kim, USA / Korea
Horn
1. Preis Premysl Vojta, Tschechien
2. Preis Daniel Ember, Ungarn Paolo Mendes, Deutschland
3. Preis wurde nicht vergeben
Klavierduo
1. Preis wurde nicht vergeben
2. Preis Remnant Piano Duo
3. Preise Susan and Sarah Wang
Sonderpreise
Publikumspreise
gestiftet von der Theodor-Rogler-Stiftung
Julian Steckel, Violoncello
Loic Schneider, Flöte
Premysl Vojta, Horn
Remnant Piano Duo, Klavierduo
Sonderpreise für die beste Interpretation der Auftragskomposition
gestiftet von der Alice Rosner Foundation
von Esa-Pekka Salonen: Tristan Cornut, Violoncello
von Bruno Mantovani: Sooyun Kim, Flöte
von Jorn Arnecke: Premysl Vojta, Horn
von Minas Borboudakis: Klavierduo Grobner - Trisko, Klavierduo
Sonderpreis BR-KLASSIK
Ivanna Ternay, Flöte
Alice-Rosner-Preis
Jakob Spahn, Violoncello, fur die Interpretation von Krzysztof Penderecki, Capriccio per Sigfried Palm
Osnabrücker Musikpreis
Loic Schneider, Flöte
Brüder-Busch-Preis
Gen Yokosaka, Violoncello
ifp-Musikpreis
Klavierduo Josiane Marfurt - Fabienne Romer
Sonderpreis der Neuen Philharmonie Westfalen
Premysl Vojta, Horn
Sonderpreis der Freunde Junger Musiker, München e. V.
Daniela Koch, Flöte
Schwarzwald Musikfestival
Tristan Cornut, Violoncello
Sonderpreis "U21" (BR-Klassik)
Luise Bruch, Horn
Bärenreiter-Urtext-Preise
Matvey Demin, Flöte
Pantxoa Urtizberea, Flöte
Sonderpreis OehmsClassics
Julian Steckel, Violoncello
Preisträgerkonzert III
Von Klaus Kalchschmid
(München, 10. September 2010) Beim dritten Preisträgerkonzert im ausverkauften Herkulessaal der Residenz trafen sich die Sieger des diesjährigen ARD-Musikwettbewerbs: Premysl Vojta (Horn), Loïc Schneider (Flöte) und Julian Steckel (Violoncello). Fast alle Rundfunkanstalten der ARD waren live dabei, das Bayerische Fernsehen zeichnete auf und über die Internetseite von Arte gab es erstmals einen kostenlosen Livestream. Die drei Musiker machte das nicht nervös, im Gegenteil, sie spielten zugleich ausgeglichener und musikalisch wagemutiger als in den jeweiligen Finali. Da herrscht denn doch allzu großer psychischer Druck und die Anstrengungen von drei Runden haben ihre Spuren hinterlassen. Ausgeruhter und gelöster klingt dann vieles, aber auch oft musikalisch wagemutiger.
Premysl Vojta etwa konnte dem zweiten Hornkonzert von Richard Strauss - eine mit 78 Jahren komponierte "Handgelenksübung", wie der Komponist selbst sagte - wieder ein facettenreiches Spektrum an Farben entlocken, spielte geschmeidig in Ton und Dynamik. Loïc Schneider gestaltete das in jeder Hinsicht langen Atem erfordernde, ungemein virtuose, aber recht redselige, ebenfalls späte "Concierto pastoral" von Joaquín Rodrigo enorm präzise und souverän.
Nicht nur das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Christoph Poppen begleitete zum Abschluß beim Cellokonzert in h-moll von Antonín Dvorák differenzierter und klanglich gestaffelter als im Finale des Wettbewerbs. Auch Julian Steckel pflegte einen trotz allen Temperaments sehr natürlichen Ton, gestaltete nicht zuletzt im langsamen Satz noch freier und sicherer als zuvor im Wettbewerb. Dass er neben dem ersten Preis auch den Publikumspreis und den für eine CD-Aufnahme beim Münchner Label Oehms classics sowie den Sonderpreis des Münchener Kammerorchesters, das ihn im Semifinale bei Haydns C-Dur-Konzert begleitete, erhielt, war nur recht und billig.
Am Sonntag, 12. September (23.35 Uhr) sendet die ARD unter dem Titel "Töne, Triumphe, Tränen" eine halbstündige Reportage über den diesjährigen Wettbewerb.
Preisträgerkonzert II
Von Klaus Kalchschmid
(München, 9. September) Lag's an den Werken oder doch auch daran, dass sich diesmal manche Preisträger beim "Schaulaufen" wohler fühlten und musikalisch mehr wagten als im Semifinale? Das zweite Preisträgerkonzert im Prinzregententheater - diesmal mit dem Münchener Kammerorchester - hinterließ jedenfalls einen durchweg positiveren Eindruck als das erste, tags zuvor.
Tristan Cornut etwa spielte jetzt das D-Dur-Konzert von Joseph Haydn, bei dem er für die Wertung allzu sehr auf Sicherheit setzte, wagemutiger: lebendiger, größer der Ton, weniger eingeebnet die Phrasen. Und auch im langsamen Satz war mehr Freiheit zu spüren, obwohl der 25-jährige Franzose hier nach wie vor einen zurückhaltenden Ton pflegt, dem das Münchener Kammerorchester unter seinem Konzertmeister Daniel Giglberger willig folgte.
Auch Paolo Mendes wirkte diesmal souveräner als im dritten Durchgang. Der gebürtige Hamburger, der im Herbst Solohornist des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin wird, spielte enorm geschmeidig und weich, konnte seinem Instrument schöne Farben und großartige Echoeffekte abgewinnen.
Schon mit 10 Jahren debütierte die in New York lebende Koreanerin Sooyun Kim mit Wolfgang Amadeus Mozarts D-Dur-Flötenkonzert KV 314, das er nach der Vorlage seines Oboenkonzerts komponierte. Nun, 18 Jahre später, hörte man in jedem Takt am feinen, hellen und dennoch modulationsreichen Ton die Vertrautheit mit der Musik. Das Andante ma non troppo besaß zudem wunderbaren Tiefgang und auch für die permanente Wiederkehr des Rondo-Themas hatte Kim immer wieder neue klangliche und dynamische Varianten parat.
Dass Koreanerinnen als sehr feurig gelten, stellten Hyun Joo June und Hee Jin June, einmal mehr mit ihrer Interpretation des Es-Dur-Konzerts für zwei Klaviere und Orchester unter Beweis: Noch einen Tick forscher spielte das Remnant Piano Duo diesmal, jede Wendung war dynamisch und agogisch enorm zupackend modelliert, vom perfekten Zusammenspiel der beiden untereinander und mit dem höchst aufgekratzten Münchener Kammerorchester gar nicht zu reden. So frech, so übermütig muss dieser Mozart klingen (aber bitte um kein Jota mehr!), dann verstummt alles Gerede über die Höhere-Töchter-Besetzung des Klavierduos.
Beim (ausverkauften) Konzert mit den drei ersten Preisträgern und dem Symphonieorchester des BR unter Christoph Poppen am Freitag, 10. September steht das Hornkonzert von Richard Strauss (Premysl Vojta), Joaquín Rodrigos Concierto pastoral für Flöte und Orchester (Loïc Schneider) und das Cellokonzert von Antonín Dvorák (Julian Steckel) auf dem Programm. Der Abend wird live auf BR Klassik übertragen, die TV-Aufzeichnung ist am 11.September, 21.50 Uhr, im Bayerischen Fernsehen zu erleben. Weitere Informationen unter www.br-online.de/br-klassik/ard-musikwettbewerb/
Preisträgerkonzert I
Von Klaus Kalchschmid
(München, 8. September 2010) Allzu sehr zog sich der bunte Abend im Prinzregententheater hin. Und das war nur zu einem geringen Teil dem zuverlässig, manchmal sogar mit Verve und durchaus individuell begleitenden Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Marko Letonja oder den vier Solisten geschuldet. Allesamt haben sie zweite Preise in den Fächern des diesjährigen Musikwettbewerb der ARD gewonnen: der Cellist Gen Yokosaka aus Japan, das Klavierduo Susan and Sarah Wang aus den USA, die österreichische Flötistin Daniela Koch und der Ungar Dániel Amber (Horn).
Doch sieht man von Joseph Haydns C-Dur-Konzert ab, waren es allenfalls mittelmäßige Werke, die da - wie schon in so manchem Semifinale oder Finale - zunehmend die Geduld strapazierten und von den Musikern ein Höchstmaß an Einsatz forderten: das E-Dur-Konzert des 14-jährigen Felix Mendelssohn-Bartholdy hat schöne Momente und das Finale beginnt originell, aber es gibt auch eine Menge Leerlauf. Wo etwas Mut, zupackendes, lebendiges Klavierspiel gefordert gewesen wäre, spielten Susan und Sarah Wang allzu sauber und gepflegt, klar konturiert, aber wenig plastisch.
Auch Dániel Ember, der das oft allzu banale, uninspirierte Hornkonzert B-Dur op. 91 von Reinhold Glière im Finale geadelt hatte, zeigte spürbar geringere Lust. Er war weniger konzentriert und musizierte mit geringerer Spannung als im Herkulessaal vor ein paar Tagen.
Gen Yokosaka offenbarte dagegen dieselbe solide Leistung wie beim Semifinale, konnte in den Ecksätzen seines Haydn-Konzerts mit kraftvoll leuchtendem Spiel und ebensolcher Artikulation überzeugen, bewegte sich im langsamen Satz aber jenseits einer bezwingenden musikalischen Durchdringung.
Einzig Daniela Koch spielte an ihrem 21. Geburtstag erneut das eklektische, Bartók und Brahms schamlos kopierende und zwischendurch in Impressionismus badende Flötenkonzert Jindrich Felds von 1955 in jeder Phrase mit Emphase und elegantem, lebendigem, facettenreichem Ton.
Heute, 9. September (mit dem Münchener Kammerorchester im Prinzregententheater) und morgen, 10. September (mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Christoph Poppen im Herkulessaal der Residenz) finden die letzten beiden Preisträgerkonzerte statt. Sendung der Aufzeichnung dieses Konzerts am 11. September, 21.50 Uhr, im Bayerischen Fernsehen). Liveübertragung der beiden Konzerte auf BR Klassik. Programme und weitere Informationen unter www.br-online.de/br-klassik/ard-musikwettbewerb/ Kartentelefon: 089/59 00 - 45 45 oder www.br-ticket.de
Finale Flöte
Von Klaus Kalchschmid
(5. September 2010) Sie war überragend im Semifinale mit Mozarts D-Dur-Flötenkonzert KV 314 und spielte ein traumhaftes Penderecki-Konzert im Finale. Doch am Ende war Ivanna Ternay disqualifiziert - oder, mit den Worten der Jury, "aus der Wertung" genommen. Ihr Vergehen: Sie hatte, gegen die Wettbewerbsbestimmungen verstoßend, bei einem Konzert - nicht in der Kammermusik, da ist es erlaubt - nach Noten gespielt. Natürlich darf sich niemand über eine wie auch immer sinnvolle Bedingung hinwegsetzen, aber hätte nicht als "Strafe" Punktabzug genügt? Denn die Ukrainerin beglückte zusammen mit dem inspirierenden Münchener Kammerorchester unter Konzertmeister Daniel Giglberger schon im Semifinale durch einen schönen, strahlend weich vibrierenden Ton, mit einer wunderbar modulationsreichen Kadenz im ersten Satz, großer dynamischer Bandbreite wie auch einem weiten klanglichen Spektrum zwischen feinem Nonvibrato und großem flutendem Ton.
Ganz anders musizierte Loïc Schneider dasselbe Konzert: mit viel Luft, aber auch einem plastischen, lebendigen Ton, stets hervorragend artikulierend und phrasierend. Wunderbar seine langen Kadenzen, nicht zuletzt die ausnehmend sehnsuchtsvolle im "Andante ma non troppo". Und dann im Finale Joaquín Rodrigos "Concierto pastoral" für Flöte und Orchester: Dem 29-jährigen gelang eine bezwingende Interpretation des manchmal etwas redseligen Stücks, dessen nicht enden wollendem Tanzthema er dennoch im Finale viele Facetten entlockte.
Im Semifinale waren die Ukrainerin und der Franzose bei der Interpretation des Auftragswerks noch nahe beieinander. Die "Quatre Mélodies arméniennes" von Bruno Mantovani, ein dichtes, farbiges Werk mit einer faszinierenden, gelegentlich vierteltönig schraffierten Melodik, rhythmisch auskomponierten Tonrepetitionen und virtuosen, oft chromatischen Passagen trauten sich Ivanna Ternay und Loïc Schneider vielfach schärfer im Ton zu spielen als ihre Kolleginnen. Da durfte die Flöte auch mal fauchen und zischen, war der Ton überblasen oder die Flatterzunge kernig eingesetzt.
Daniela Koch nahm die "vier armenischen Melodien" dagegen ungemein hell flirrend, teilweise rasend schnell und ließ sie fast wie Vogelstimmen klingen. Die Österreicherin war im Mozart nahe bei Ternay und spielte im Finale Jindrich Felds stilistisch sehr unentschiedenes Konzert für Flöte und Streichorchester plus Schlagwerk aus dem Jahr 1955 inspirierter, besser und schöner als das Stück komponiert ist, kostete den dankbaren Flötenpart entsprechend aus. Dafür erhielt sie den zweiten Preis.
Sooyun Kim (USA/Korea) offenbarte bei Mozart noch einen spitzen, hellen Ton, der etwas vom Klang eines mechanischen Vogels hatte, fasste das Auftragswerk aber wild und idiomatisch im Sinne einer imaginären Volksmusik auf - dafür bekam sie den Preis für seine beste Interpretation. Zu Beginn des Finales spielte die Drittplatzierte als erste das Penderecki-Konzert von 1992. Ihre Flöte klang freilich allzu verhalten, nicht wie die einer Solistin, sondern wie ein obligates Instrument.
Genau das war bei Ivanna Ternay ganz anders. Sie vermochte den Flötenpart um genau die Millimeter nach vorne zu holen, die aus einem modernen barocken Concerto grosso ein veritables Konzert machten. Nicht nur hatte sie sich ebenfalls das komplexe, kontrapunktische Kammermusik-Meisterwerk ausgesucht, sondern vermochte es auch in jedem Takt phänomenal musikalisch sinnfällig zu spielen. Das Münchner Rundfunkorchester spielte unter Marko Letonja nicht nur hier exquisit und hochpräzise. Dass die Fleißarbeit des Auswendiglernens bei einer Fülle von zeitgenössischen Werken, die im Wettbewerb zu spielen waren, nicht rechtzeitig gelang, sollte den Rang der Ukrainerin und ihre Preiswürdigkeit nicht schmälern. Immerhin bekam sie für ihre Leistung außer Konkurrenz den BR-Klassik-Preis. Vielleicht aber überdenken die Verantwortlichen des ARD-Musikwettbewerbs ihre an dieser Stelle allzu strengen, widermusikalischen Regeln, die auch schon im letzten Jahr zu nicht geringen Irritationen geführt hatten.
Die Preisträgerkonzerte finden am 8. (mit dem Rundfunkorchester unter Marko Letonja) und 9. September (mit dem Münchener Kammerorchester) jeweils 20 Uhr im Prinzregententheater statt. Am 10. September begleitet das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Christoph Poppen im Herkulessaal der Residenz (Sendung der Aufzeichnung dieses Konzerts am 11.September, 21.50 Uhr, im Bayerischen Fernsehen). Wir berichten auch über diese drei Konzerte (Liveübertragung auf BR Klassik). Programme und weitere Informationen unter www.br-online.de/br-klassik/ard-musikwettbewerb/ Kartentelefon: 089/59 00 - 45 45 oder www.br-ticket.de
Finale Horn
Von Klaus Kalchschmid
(München, 4. September 2010) Was für ein Finale im Finale! Nachdem Premysl Vojta das zweite Hornkonzert in Es-Dur von Richard Strauss gespielt hatte, war klar - für Jury, Zuhörer im Herkulessaal und Fachpresse gleichermaßen - wer den ersten und den Publikumspreis bekommt. Wer wie der Tscheche derart geschmeidig spielt, jede Wendung im Orchester, jede Modulation mitgestaltet, perfekt ist in Ansatz und Tongebung; wer dabei aber nicht nur jedes Detail meistert, sondern weiträumig phrasieren kann, auch buchstäblich einen großen, weiten Atem besitzt, der hat den Spitzenplatz verdient. Im Andante con moto beglückte der 27-jährige Solo-Hornist beim Konzerthausorchester Berlin zudem noch mit herrlich dunklen, bronzen angehauchten Farben, unterstützt vom ausgezeichneten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Christoph Poppen, das mit Brillanz und Feuereifer bei der Sache war.
Paolo Mendes, der zuvor dasselbe Konzert spielte, konnte seinem Kollegen nicht ganz das Wasser reichen. Der 22-jährige Solo-Hornist des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin spielte zwar ebenfalls tadellos, aber es fehlte ihm noch das gewisse Quantum musikalische Reife und Selbstverständlichkeit des Ausdrucks, das seismografische Reagieren mit dem Orchester und der souveräne Blick auf das Ganze. Deshalb reichte es "nur" für einen zweiten Platz.
Einen solchen errang auch Dániel Ember mit dem B-Dur-Konzert op. 91 von Reinhold Glière. Ungemein elegant spielte der Ungar das manchmal hart am Kitsch vorbeischrammenden Konzert, das vor nicht besonders originellen Filmmusikeffekten ebenso wenig zurückschreckte wie vor einem schlich banalen Finale. Doch der 28-jährige adelte es mit jedem Ton, war enorm präzise und rhythmisch lebendig bei der Sache, phrasierte phänomenal schön und ausdrucksvoll. Kein Wunder, dass auch er schon als Solohornist des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg tätig ist. Nur schade, dass der erste Preis nicht wie der zweite oder dritte doppelt vergeben werden kann. An der Seite von Premysl Vojta hätte er ihn mit Sicherheit verdient!
Die Preisträgerkonzerte finden am 8. (mit dem Rundfunkorchester) und 9. September (mit dem Münchener Kammerorchester) jeweils 20 Uhr im Prinzregententheater statt. Am 10. September begleitet das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Christoph Poppen im Herkulessaal der Residenz (Sendung der Aufzeichnung dieses Konzerts am 11.September, 21.50 Uhr, im Bayerischen Fernsehen). Wir berichten auch über diese drei Konzerte (Liveübertragung auf BR Klassik). Programme und weitere Informationen unter http://www.br-online.de/br-klassik/ard-musikwettbewerb/ Kartentelefon: 089/59 00 - 45 45 oder www.br-ticket.de
Semifinale Flöte
Von Klaus Kalchschmid
(München, 3. September 2010) Auch wenn es geflunkert war, als Mozart schrieb, er sei "stuff (=störrisch), wenn ich für ein Instrument, das ich nicht leiden kann, schreiben soll", so fiel doch im Semifinale Flöte im Carl-Orff-Saal auf, dass im originalen G-Dur-Konzert KV 313 weit weniger tiefe, zwingende Musik zu hören war als im ursprünglich als Oboenkonzert komponierten D-Dur-Konzert KV 314. Drei Flötistinnen und ein Flötist spielten es hintereinander - und kamen damit alle ins Finale.
Schon Ivanna Ternay legte die Latte sehr hoch, denn im Gegensatz zu ihren ungarischen Kolleginnen Lívia Duleba und Timea Acsai, die es mit dem G-Dur-Konzert nicht ins Finale schafften, verblüffte und beglückte die Ukrainerin zusammen mit dem sehr zuverlässigen und inspirierenden Münchener Kammerorchester unter Konzertmeister Daniel Giglberger durch einen schönen, strahlend weich vibrierenden Ton, mit einer wunderbar modulationsreichen Kadenz im ersten Satz und - nicht zuletzt im langsamen Satz - mit einer großen dynamischen Bandbreite wie auch einem weiten klanglichen Spektrum zwischen feinem Nonvibrato und großem flutendem Ton. Ähnlich in der Haltung, stilistisch vergleichbar und ebenfalls sehr schön, wenn auch nicht ganz mit der bezwingenden Musikalität und Selbstverständlichkeit der Gestaltung spielte danach die Österreicherin Daniela Koch.
Ganz anders musizierte Loïc Schneider. Der Franzose spielte mit sehr viel Luft, aber auch einem herrlich plastischen, lebendigen Ton, stets hervorragend artikuliert und phrasiert. Wunderbar seine langen Kadenzen, nicht zuletzt die ausnehmend sehnsuchtsvolle im Andante ma non troppo. Wiederum im perfekten Kontrast dazu präsentierte Sooyun Kim (USA/Korea) einen spitzen, hellen, etwas kalten Ton, der etwas vom Klang eines mechanischen Vogels hatte.
Jeder der sechs Semifinalisten musste - oder durfte - die Uraufführung des Auftragswerks von Bruno Mantovani spielen. "Quatre Mélodies arméniennes" ist ein großartiges, dichtes und farbiges Werk für Flöte solo, das sich mit seiner eigentümlichen, auch vierteltönig schraffierten Melodik, den rhythmisch auskomponierten Tonrepetitionen und virtuosen, lebendig organisch klingenden, oft chromatischen Passagen als perfekte Etüde (Lívia Duleba) spielen lässt oder als ein Stück vielschichtiger musikalischer Charaktere (Timea Acsai). Ivanna Ternay traute sich dann wie Loïc Schneider vielfach schärfer im Ton zu spielen, auch mal die Flöte fauchen und zischen zu lassen, zu überblasen oder die Flatterzunge kernig einzusetzen. Daniela Koch spielte die "vier armenischen Melodien" ungemein hell flirrend, teilweise rasend schnell und fast wie Vogelstimmen, während Sooyun Kim das Werk wilder und idiomatischer im Sinne einer imaginären Volksmusik präsentierte.
Das Finale im Fach Flöte findet am Sonntag (16 Uhr) im Herkulessaal der Residenz statt. Damit enden die einzelnen Durchgänge in den Fächern Klavierduo, Violoncello, Horn und Flöte. Die Preisträgerkonzerte finden dann am 8. (mit dem Rundfunkorchester) und 9. (mit dem Münchener Kammerorchester) im Prinzregententheater statt. Am 10. September begleitet das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zum Abschluss im Herkulessaal der Residenz. Wir berichten auch darüber. Programme und weitere Informationen unter www.br-online.de/br-klassik/ard-musikwettbewerb/ Kartentelefon: 089/59 00 - 45 45 oder www.br-ticket.de
Finale Violoncello
Von Klaus Kalchschmid
(München, 2. September 2010) Ende gut alles gut? Nach der Pause saßen noch einmal alle Zuhörer auf der Stuhlkante ihrer Plätze im ausverkauften Herkulessaal der Residenz. Dabei hatten sie schon zweimal das Konzert in h-moll op. 104 von Antonín Dvorák erlebt. Alle Finalisten beim ARD-Musikwettbewerb im Fach Cello hatten es sich ausgesucht und spielten es denkbar unterschiedlich. Als letztem gelang dem 24-jährigen Japaner Gen Yokosaka die beste Darbietung: eine aufregende, mutige, ja fast übermütig spannungsgeladene Interpretation. Er musizierte lebendig in jeder Phrase, immer plastisch durchgeformt in höchst flexibler Tongebung, vielleicht manchmal über das Ziel hinausschießend. Dafür erhielt er jedoch "nur" den zweiten Preis.
Dagegen war zu Beginn Tristan Cornut allzu brav und zurückhaltend. Lediglich den langsamen Satz spielte der 25-jährige Franzose überzeugend schlicht, mit feiner Tongebung und noblem Ausdruck. In den schnellen Sätzen aber fehlte ihm Feuer und ein schöner, großer, raumgreifender Ton. Deshalb verlieh ihm die Jury nur einen dritten Platz, aber auch den Preis für die beste Interpretation des Auftragswerks von Esa-Pekka Salonen, das er im Semifinale sehr gut - und auswendig spielte! Noch reifer und musikalischer deutete es freilich der Deutsch-Kanadier David Eggert, den die Jury leider zugunsten von Cornut auch nicht zum Finale zuließ.
Den ersten und den Publikumspreis errang Julian Steckel. Sein temperamentvoller Ton, sein technisch und musikalisch souveränes Spiel, seine Leidenschaft und die nicht nachlassende Spannung für das Finale machten großen Eindruck. Dass der 28-jährige Deutsche das Adagio ma non troppo mit viel Vibrato und allzu süffig spielte, konnte das Urteil der Jury und der Mehrheit des Publikums nicht trüben. Wie seine beiden Kollegen musste er sich allerdings nicht nur individuelle Tempi von Christoph Poppen und dem oft undifferenziert brachial spielenden Symphonieorchester des BR geradezu ertrotzen. Auch in ihrer jeweils eigenen Interpretation wurden sie vom Dirigenten kaum unterstützt, der immerhin sehr verdienstvoll den Wettbewerb als Künstlerischer Leiter von 2001 bis 2005 geprägt hatte.
Semifinale Horn
Von Klaus Kalchschmid
(München, 1. September 2010) Ach was wäre das schön gewesen! Hätte man die originale Handschrift der Partitur vor sich liegen gehabt! Mit blauer, roter und grüner Tinte markierte Wolfgang Amdadeus Mozart da im Juni 1786 beim Mittelsatz seines Hornkonzerts in Es-Dur (KV 495) dynamische Steigerungswellen oder wichtige Verläufe, damit sie sich vom herkömmlichen Schwarz abheben. Ein bisschen Farbe hätte man da wenigstens im Carl-Orff-Saal des Gasteig zu bestaunen gehabt.
So aber hörte man viermal hintereinander dieses Konzert, ohne wirklich glücklich zu werden. Sehr ähnlich, risikolos und erstaunlich farblos spielten einige Semifinalisten gerade diese "Romanza". Rühmliche Ausnahme war Paolo Mendes, bei dem sie wunderbar zu schweben schien. Auch Luise Bruch - beide aus Deutschland - war hier sehr konzentriert bei der Sache und wagte überdies ein schnelles, mit wunderbarer Natürlichkeit geblasenes Finale, das ein paar Ungenauigkeiten vergessen ließ. Der Tscheche Premysl Vojta demonstrierte dagegen, wie gemütlich Hornspiel klingen kann und auch der Ungar Dániel Ember führte im Finale des Konzerts KV 417 aus dem Jahr 1783 vor, wie wenig aufregend eine auskomponierte Jagdmusik klingen kann.
Als Vorspeise zum Mozart-Konzert gab es dazu noch sechsmal ein "Bamberger Hörnchen", serviert von Jörn Arnecke. So genannt, weil er das obligatorische Auftragswerk in Bamberg bei einem Studienaufenthalt in der Villa Concordia komponiert hatte. Es wird wohl nach dem Wettbewerb in der Versenkung verschwinden, denn so belanglos wie sein Titel ist auch das 13-minütige Stück. Selbst jeglicher Witz ging ihm ab, den man beim Titel hätte vermuten können. Nur die gelegentliche Zweistimmigkeit aus Gesungenem und Geblasenem - die allerdings kaum hörbar war - vermochte ein wenig zu interessieren. Dabei ist Arnecke wahrlich kein schlechter Komponist - vor allem für das Musiktheater. Doch hier konnte man keinem der sechs Semifinalisten vorwerfen, dass er aus diesen Noten keine Musik gemacht hat. Immerhin war spannend zu verfolgen, wie präzise - oder auch nicht - die um einen Ton kreisende Vierteltönigkeit zwischen uninspirierten Läufen oder harmonisch faden gebrochenen Akkorden gemeistert war. Aber ausgerechnet Lin Jiang aus Australien und der Chinese Cong Gu, die darin sehr gut waren, kamen als Einzige nicht ins Finale.
Am Samstag, 4. September (16 Uhr) werden im Herkulessaal zusammen mit dem Symphonieorchester des BR unter Christoph Poppen dann je zweimal das op. 91 von Reinhold Glière und das zweite Hornkonzert von Richard Strauss zu hören sein.
Tags zuvor, am 3. September (16 Uhr), findet das Semifinale Flöte im Carl-Orff-Saal des Gasteig mit dem Münchener Kammerorchester statt.
Die vollständige Liste der Teilnehmer, Zeitpläne und Programme unter http://www.br-online.de/br-klassik/a(16 Uhr)rd-musikwettbewerb/
Finale Klavierduo
Von Klaus Kalchschmid
(München, 31. August 2010) Nein, so muss man Mozart wirklich nicht säuseln: Josiane Marfurt und Fabienne Romer (Schweiz) schafften es zu Beginn des Finales im Fach Klavierduo doch tatsächlich, das Es-Dur-Konzert für zwei Klaviere und Orchester KV 365 von Anfang bis Ende derart brav und gleichförmig zu spielen, dass jeder Impuls des Symphonieorchesters des BR unter Christoph Poppen ins Leere lief und alles auskomponierte Dialogisieren seltsam aufgehoben wurde.
Wie anders klang das schon bei Johanna Gröbner und Veronika Trisko. Mit einem Male war lebendiges, plastisches Spiel zu hören, präzise gesetzte Akzente, bezwingende Phrasierungen, kluge Gestaltung im Kleinen und im Großen. Das Andante spielten die beiden Österreicherinnen das entscheidende Quantum schneller. Und mit einem Mal begann die Musik lebhaft und innig zu "sprechen".
Ganz am Ende konnte das Remnant Piano Duo aus Korea diese Leistung noch toppen und erhielt dafür den 2. Preis (ein erster wurde nicht vergeben!) und den Publikumspreis. Jetzt wurde noch mehr deutlich, dass Mozart musikalische Charaktere auf eine imaginäre Bühne schickt, dass man seine Musik ebenso zupackend wie mit feiner Grazie spielen muss, auch mit frischem Mut, damit sie ihren ganzen Zauber entfalten kann.
Einen dritten Platz bekam das Klavierduo Susan & Sarah Wang aus den USA zugesprochen. Sie hatten sich an Felix Mendelssohns Konzert für zwei Klaviere und Orchester E-Dur gewagt. Den ebenso romantischen wie klassizistischen Impetus des Werks trafen sie gut, waren aber wohl etwas nervös. Das hatte leichte Flüchtigkeitsfehler zur Folge, aber auch so manche kleine Unstimmigkeit mit dem Orchester.
Finale Violoncello am 2. September (18 Uhr) im Herkulessaal der Residenz mit dem Symphonieorchester des BR unter Christoph Poppen (nur noch wenige Restkarten an der Abendkasse)
Semifinale Flöte am 3. September (16 Uhr) im Carl-Orff-Saal des Gasteig mit dem Münchener Kammerorchester
Finale Horn am 4. September (16 Uhr) im Herkulessaal der Residenz mit dem Symphonieorchester des BR unter Christoph Poppen
Die vollständige Liste der Teilnehmer, Zeitpläne und Programme unter http://www.br-online.de/br-klassik/ard-musikwettbewerb/
Semifinale Violoncello
Von Klaus Kalchschmid
(München, 30. August 2010) Was war bloß los beim Semifinale im Fach Cello? Ist ein Haydn-Konzert wirklich so schwer zu spielen, dass es kaum einer ohne etliche Intonationstrübungen schaffte, von freier, bezwingender musikalischer Gestaltung ganz abgesehen?
Zum ersten Mal überhaupt war das Auftragswerk des ARD-Wettbewerbs, Esa-Pekka Salonens "knock, breath, shine" zu hören - von allen sechs Semifinalisten in zwei Dreiergruppen am Anfang und nach der Pause hintereinander präsentiert. Ein großartiges, sehr musikantisches, aber durchaus avanciertes dreiteiliges Stück mit einem ruhigen, lyrischen Mittelteil und einem rasanten Finale. Einer der sechs Semifinalisten spielte es mit Abstand am Besten (auswendig!) und machte daraus wirklich Musik, jazzte im ersten Satz sogar und spielte den Mittelsatz als veritable Klage. Aber ausgerechnet er kommt nicht ins Finale: David Eggert überzeugte bisher in allen Durchgängen mit eminenter, ganz nach innen gerichteter Musikalität und einem wunderbar sonoren, edlen Celloton. Sei es bei Bach, Mendelssohn oder Britten. Er hatte das D-Dur-Konzert von Haydn gewählt und wieder beglückte er mit schönen Passsagen - vor allem im Adagio - verstand sich als primus inter pares, verstörte aber auch mit Unsicherheiten, seltsamen Unkonzentriertheiten. Man hatte den Eindruck, dem technisch perfekt funktionierenden Cellospieler steht der begnadete Musiker, der sich nicht beirren lässt, im Weg. Schon wegen dieser kompromisslosen Musikalität hätte er es mehr verdient gehabt als Tristan Cornut, ins Finale zu kommen. Der Franzose hatte Salonen sehr genau gespielt - und auswendig! - und sich ebenfalls das D-Dur-Konzert ausgesucht. Aber er musizierte es dermaßen getragen, langweilig, spannungslos und ohne tragfähiges Piano, dass man - wüsste man es nicht besser - an der Qualität der Musik hätte zweifeln müssen.
Jakob Spahn spielte als einziger Carl Philipp Emanuel Bachs heikles Cellokonzert A-Dur (Wq 171), kämpfte aber nicht selten mit der orginellen, aber oft sperrigen Komposition. Einem schönen, expressiv gespielten Satz standen am Ende zunehmende Ungenauigkeiten entgegen. Da Spahn auch das Auftragswerk mit allzu undifferenzierter Emphase spielte, reichte es nicht fürs Finale im Gegensatz zu Gen Yokosaka, der das passabelste Haydn-Konzert (C-Dur) spielte: mit Schwung, großem, flexiblem, straffem Ton. Auch das Finale gestaltete er mit Verve und hinreichend sicher. Zusammen mit einem adäquat gespielten und gedeuteten Auftragswerk reichte das für's Finale.
Bei Julian Steckel war es wohl das Adagio aus diesem Konzert, das den Ausschlag gab für sein Weiterkommen. Denn hier spielte er mit natürlicher Ausdruckskraft ohne zu forcieren. Im Kopfsatz dagegen standen feine Passagen mit lebendiger Artikulation Stellen, in denen er unsauber über die Saiten bügelte, entgegen. Im durchaus flott gespielten Finale konnte er dann wieder Terrain gutmachen. Alexandre Castro-Balbi schoss dann allerdings als letzter Kandidat den Vogel ab. Zuerst ließ er Salonen manchmal wie eine Etüde klingen, spröde und uninspiriert, dann rannte er (nicht nur) im Finale mit einem Tempo voran, dass ihm sogar das exzellente, hellwache Münchner Kammerorchester unter Konzertmeister Daniel Giglberger kaum folgen konnte oder wollte! Vor allem weil sich die falschen Töne proportional zur Beschleunigung des Tempos vermehrten. Das war nun wirklich keine finalwürdige Leistung mehr, auch wenn man sein zartes Alter von 19 Jahren in Betracht zieht.
Violoncello 2. Durchgang
Von Klaus Kalchschmid
(München, 27. und 28. August 2010) Die Jury hatte es beim zweiten Durchgang Cello nicht leicht: Aus 16 Teilnehmern konnte und musste sie nur sechs für's Semifinale auswählen. Trotzdem ist es schade, dass der feinsinnige, hochmusikalische Benedict Kloeckner und Norbert Anger - beide Deutsche - es nicht schafften, auch der Weissrusse Georgi Anichenko nicht, der Beethovens op. 69 mit sehr straffem, aber flexiblem und auch im Piano tragfähigen Ton spielte, Dutilleux ungemein differenziert und die virtuose "Ungarische Rhapsodie" von David Popper mit der genau passenden Prise Salonmusik à la ungarese spielte. Überraschenderweise aber schaffte es Alexandre Castro-Balbi, der alles mit viel Dramatik, oft Dauerforte, enormem Espressivo, ja einer gewissen Verbissenheit präsentierte.
Oft war es ein Stück des 20. Jahrhunderts, mit dem die Kandidaten jetzt am meisten überzeugen konnten - und ins Semifinale kamen: Tristan Cornut (Frankreich) etwa meisterte die "Trois strophes sur le nom de Sacher" in ihren Kontrasten fulminant, spielte einen sehr energetischen Beethoven (op. 69) und erspürte in Gregor Piatigorskys Paganini-Variationen die scharfen Gegensätze zwischen sehr elegischen Teilen und überbordender Virtuosität - ein meisterhafter Grenzgang.
Der Japaner Gen Yokosaka war der erste, der die "Ungarische Rhapsodie" des österreichischen Cellisten David Popper (1843 - 1913) endlich mit Pfeffer und Schmalz, geläufig, gewitzt und herrlich ungarisch darbot. Eine besondere Leistung bot er aber auch in Krzysztof Pendereckis "Capriccio per Siegfried Palm" (1968), ein wahrhaft launiges Stück der übermütigsten Effekte - Springbogen, Tremoli, aberwitzige Pizzicati, gläsern-scharfe Flageolett-Wirkungen, Schlagen auf dem Holz des Cello-Körpers und vieles andere mehr.
Jakob Spahn traute es sich noch mehr, in diesem Stück all die extremen Klangeffekte auszuloten, aber auch immer wieder geradezu Häßliches, Knorziges und Kauziges zuzulassen. Eine kaum zu überbietende Performance. Dagegen enttäuschte der 27-jährige Deutsche bei Brahms - wie einige seiner Kollegen - mit allzu ungestümer, nivellierender Emphase. Mit der auch im Klavierpart spätromantisch üppig ausufernden Sonate Nr. 1 von Nikolai Roslawz hatte er sich außerdem ein Stück ausgesucht, bei dem ohne klare Strukturierung des Geigers seine Stimme allzu amorph in alles fortspülenden Klangmassen ertrinkt.
Der 25-jährige Deutsch-Kanadier David Eggert zählt, wie Benedict Kloeckner, zu den Introvertierten des Wettbewerbs. Er hatte sich ebenfalls die späte, nach innen gekehrte Sonate Benjamin Brittens ausgesucht. Er spielte sie nicht minder faszinierend als sein vier Jahre jüngerer Landsmann. Er war einer von wenigen, der, statt Beethoven oder Brahms, Mendelssohn gewählt hatte: dessen zweite Sonate opus 58, aus der er wegen Zeitgründen wie alle Teilnehmer nur Auszüge spielen durfte. Wunderbar warm fließend gelang ihm der Kopfsatz, beinahe liedhaft das folgende Scherzo.
Auch an der F-Sur-Sonate op. 99 von Johannes Brahms konnte man das künsterlische Temperament der Teilnehmer und die Genauigkeit hören, mit der ein Notentext durchleuchtet war. Julian Steckel spielte die ersten beiden Sätze differenziert, fein abgetönt und ließ sich nie zum allzu großem Nachdruck verführen, der Castro-Balbis und Jakob Spahns Interpretationen gleichmaßen belastete, während Nobert Anger die gleichwohl stets vorhandene Intensität nie übersteuerte und das Cello immer rund klingen ließ.
Montag, 30. August (16 Uhr) findet das Semifinale Violoncello im Carl-Orff-Saal des Gasteig statt. Die Veranstaltung ist ausverkauft, kurz vor Beginn gehen jedoch die wenigen nicht abgeholten Ehrenkarten (beim provisorischen München-Ticket-Schalter vor der Glashalle des Gasteig) in den freien Verkauf.
Die vollständige Liste der Teilnehmer, Zeitpläne und Programme unter http://www.br-online.de/br-klassik/ard-musikwettbewerb/
Violoncello 1. Durchgang/2. Teil
Von Klaus Kalchschmid
(München, 26. und 27. August) Der dritte Tag des 1. Durchgangs im Fach Violoncello begann mit sechs Deutschen (und dawischen einem Letten)! Einer davon, der 21-jährige Benedict Kloeckner, stellte auf einem wunderbaren alten Cello, das perfekt zu ihm passte, alle in den Schatten, auch den Favoriten und mehrfach preisgekrönten Gabriel Adriano Schwabe.
Aber der Reihe nach: Tobias Bäz gestaltete zwar das Prélude aus Bachs C-Dur-Suite originell und modellierte die rein melodischen Teile der Sarabande enorm tiefsinnig, aber das Virtuosenstück von Karl Davidow geriet ihm zunehmend weniger präzise und inspiriert, was wohl auch den Ausschlag dafür gab, dass er es nicht in die zweite Runde schaffte.
Gabriel Adriano Schwabe spielte ein enorm energisches, bezwingendes Bach-Prélude und lud jeden Ton der Sarabande mit Bedeutung auf, aber ein leichter Schmiss zu Beginn des Schumannschen Adagios + Allegro erzeugte leider eine seltsame Verkrampfung, die noch bis in Davidows "Springbrunnen" hineinstrahlte, so dass er unter seinen Möglichkeiten blieb.
Benedict Kloeckner dagegen verblüffte mit schönen, wunderbar stimmigen, "richtigen" Phrasierungen und Echoeffekten beim BWV 1012. Eric Tanguys "Invocation" aus dem Jahr 2009, ein intensives, dichtes, farbiges, leidenschaftliches Werk fand bei Kloeckner einen idealen Interpreten. Endlich auch spielte ein Cellist das Schummannsche Adagio einmal schlank, weich und zart, sowie das Allegro ohne allzu großen Nachdruck, sondern klar strukturiert und doch mit der gebührenden Emphase! Dagegen war Norbert Anger gerade bei diesem Bach ungeheuer mutig und zupackend. Janina Ruh ging ihn ebenfalls energisch und kernig an. Sie verblüffte darüber hinaus mit einem ungestüm, aber ennoch enorm differenziert gespielten Schumann-Allegro, vor allem in den Tempo-Kontrasten. Und Pendereckis "Divertimento" meisterte sie ebenso temperamentvoll wie virtuos und effektvoll.
Dann war da noch ein Pole, Adam Krzeszowiec, der im Mittelteil des Bach-Prélude eine fantastische Beschleunigung und in der Sarabande eigenwillige Arpeggien der gebrochenen Akkorde wagte. Bei Pendereckis "Per Slava" gelang ihm eine irre chromatische Zweistimmigkeit und Schumann spielte er mit viel Ton und Vibrato im Adagio und einem Höchstmaß an Emphase in jedem Ton des Allegro. Dennoch schied er ebenso wie Janina Ruh aus.
Der letzte Tag der ersten Runde war insgesamt der vielversprechendste. Leider kamen von den ersten neun nur die beiden Deutschen David Eggert und Julian Steckel weiter - und darüber hinaus die letzten drei: Jakob Spahn, Bartholomew La Folette und Jakob Koranyi (Diesen Amerikaner sowie den Schweden mit ungarischen Wurzeln konnte ich leider nicht hören). David Eggert spielte vielleicht den überhaupt schönsten Bach. Prélude und Sarabande aus der Es-Dur-Suite waren als großartige Meditation erlebbar. Kein Gedanke an irgendwelche technischen Schwierigkeiten blitze auch nur für einen Moment auf. An die wie ein Charakterstück gespielte Sarabande fügte sich das Schumann-Adagio nahtlos an, von kaum jemandem so innig gespielt. Und mit der Piatti-Caprice konnte Eggert dann auch zeigen, wie elegant ein ausnehmend virtuoses Stück klingen kann.
Julian Steckel hinterließ dagegen etwas gemischte Gefühle. Denn Bach - ebenfalls die Es-Dur-Suite - klang flüchtiger, eindimensionaler als bei Eggert, sehr frei, aber darin fast beliebig. Die Sacher-Variationen von Witold Lutoslawski gelangen ihm jedoch mit einem Mal prägnant und präzise, während er Schumann fast spröde (Adagio) oder geradezu kampferpobt (Allegro) spielte.
Jakob Spahn legte in der C-Dur-Suite ein enormes Tempo vor und präsentierte einen sehnigen, lebendigen Ton, spielte auch die Sarabande enorm farbig und klar strukturiert, ebenso Isang Yuns "Glissés" effektvoll. Leider ging bei Schumann dann das jugendliche Ungestüm mit ihm durch, versehrte er auch das Adagio mit zuviel Vibrato und Süße im Ton.
Schade, dass weder die Cellistin Jee Hye Bae, ein koreanischer Feuerkopf, die mit Emphase und dennoch hoher Präzision Bach ebenso wie Schumann spielte und das op. 25/12 von Piatti geradezu urwüchsig wild meisterte, weiterkam noch ihr absoluter Gegenpol, der ganz in sich ruhende Tscheche Vaclav Petr. Er spielte Piatti warm und volltönend, gestaltete den Bach (BWV 1012) sonor und elegant und fand bei Schumann zu einem großartigen Sehnsuchtston (Adagio) und balancierte das Allegro perfekt aus. Sehr schlank und wohltuend unaufgeregt meisterte auch der Chinese Shengzhi Guo diesen Satz, überzeugte mit sehr sauberem Bach und Volker David Kirchners düster raunendem "Und Salomo sprach". Auch er wurde leider nicht zur zweiten Runde zugelassen.
Samstag, den 28. August wird der zweite Durchgang, der Freitag begann, von 11.30 Uhr bis 13 Uhr, 15.30 Uhr bis 17 Uhr, 17.30 Uhr bis 18.30 Uhr und 19 bis 20 Uhr fortgesetzt. Die vollständige Liste der Teilnehmer, Zeitpläne und Programme unter http://www.br-online.de/br-klassik/ard-musikwettbewerb/
Violoncello 1. Durchgang/1. Teil
Von Klaus Kalchschmid
(München, 24. August 2010) Die ersten 23 Cellisten sind angetreten beim ARD-Wettbewerb und haben sehr gemischte Eindrücke hinterlassen. Bei vielen war klar, dass sie wohl kaum in die zweite Runde weiterkommen würden, bei anderen überzeugten einzelne Stücke, einzelne Ideen. Auch der Jury fiel es nach den ersten beiden Tagen so schwer, sich festzulegen, dass sie ungewöhnlicherweise nicht nach der Halbzeit des ersten Durchgangs, sondern erst nach dem dritten Tag eine Entscheidung über das Weiterkommen der ersten 35 Teilnehmer treffen. Dabei sein müssten der Franzose Tristan Cornut, der Serbe Nikola Jovanovic, der Pole Tomasz Daroch, die Israelin Michal Korman und der Belgier Thibault Lavrenov vom ersten Tag, dazu vielleicht Mischa Meyer aus Deutschland, der Japaner Rei Tsujimoto, Eun-Sun Hong aus Korea und Sol Daniel Kim vom zweiten Tag.
Das bisher am häufigsten zu hörende Stück war an diesen beiden Tagen Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70, das fast alle spielten. An zweiter Stelle folgte Karl Davidows "Am Springbrunnen" op. 20/2. Da Bach zum absoluten Pflichtprogramm zählte, waren Prèlude und Sarabande aus Bachs Cellosolo-Suite BWV 1009 allein elfmal zu erleben, gefolgt von BWV 1012 (neunmal) und BWV 1010 (dreimal). Warum letztere so selten, die beiden Tänze aus der C-Dur-Suite aber so häufig zu hören waren, mag daran liegen, dass bei der Es-Dur-Suite die Tonart weniger gut liegt und neben den großen Arpeggien auch schnelle chromatische Läufe gefordert sind. Spannend allemal, egal wie gut gespielt, war die Begegnung mit durchaus entlegener zeitgenössischer Literatur (komponiert nach 1970). Zu Auswahl standen 39 Stücke. Davon wurden bisher Werke von Berio, Ginastera, Kurtág, Lason, Lutoslawski, Stroppa, Xenakis oder Yun gespielt.
Doch nun zu den vielversprechenden Teilnehmern in der Reihenfolge ihres Auftretens: Der Belgier Thibault Lavrenov überzeugte vor allem in Alexandre Larsons "Deciso e Affettuoso" aus dem Jahr 2007, einem vielgestaltigem Stück voller Glissandi, weiter Sprünge und Glissandi, aber auch mit einem souveränen Schumann und flüssigem, schnörkellosem Bach (C-Dur-Suite).
Ob wohl bei Tomasz Daroch das fulminant und wunderbar launig hingelegte Virtuosenstück von Karl Davidow reichte, um in die zweite Runde zu kommen? Denn in dieser Art gesteigertem Hummelflug mit zwei lyrisch-leidenschaftlichen Einschüben kann in wenigen Minuten ein Cellist alles zeigen: Emphase und großen Ton, vor allem aber Präzision im irrwitzig schnell zu spielenden Detail - und nicht zuletzt den großen gestaltenden Bogen über allem.
Die Israelin Michal Korman präsentierte als eine der Wenigen Schumanns Adagio und Allegro mit großer Farbigkeit und Eloquenz, darin nur noch übertroffen von Eun-Sun Hong, die im Gegensatz zu allen anderen ein wunderbar feines, zartes, verhaltenes Adagio hören ließ und das Allegro sehnig gespannt und ohne den sonst oft zu hörenden Überdruck spielte. Auch Alfred Schnittkes "Improvisation" (1993) musizierte sie sehr treffend mit all der auskomponierten Emphase. Das lässt vergessen, dass sie nur das Prélude aus der D-Dur-Suite wirklich gut spielte, bei der Sarabande aber etwas nachließ.
Tristan Cornut aus Frankreich begann fulminant mit György Kurtágs "Zeichen, Spiele, Botschaften", die er enorm plastisch, eloquent und sinnfällig musizierte, war bei Bach (BWV 1012) dann zwar nicht ganz so überzeugend, spielte aber Davidow herrlich sprechend, nicht nur in den virtuosen Stellen, sondern vor allem in den lyrisch tiefsinnigen Passagen.
Der Serbe Nikola Jovanovic begann mit wunderbar farbigem, männlich kraftvollem Bach (BWV 1009), bei dem die klangvollen, runden und gleichmäßigen gebrochenen Akkorde besonders überzeugten, aber auch Giovanni Sollimas "Alone" mit seinen geheimnisvollen Anklängen an jiddische und Country Music. Dazu nicht Schumann, sondern Davidows "Springbrunnen". Auch hier spielte einer nicht nur Cello, sondern ließ den Zuhörer sehen und hören, dass das auch ein Liebesakt sein könnte.
Mischa Meyer aus Deutschland gelang die Melodie der Sarabande (BWV 1010) über den gebrochenen Akkorden sehr legato singend und er rockte bei Ginastera ("Puena" op. 45/2 aus dem Jahr 1976) fast wie auf einer E-Gitarre.
Der Japaner Rei Tsujimoto spielte wunderbar klangvollen, plastischen Bach (BWV 1009) - vor allem eine enorm expressive Sarabande. Leider ging ihm bei Schumann die Luft aus, setzte am Ende des kräftezehrenden Allegros eine Verkrampfung ein, die auch die Intonation in Mitleidenschaft zog.
Sol Daniel Kim zeigte mehr Selbstbewußtsein als Gestaltungskraft bei Bach (BWV 1009), spielte auch die Sarabande kraftvoll und mit viel Ton, präsentierte aber vor allem mit "Glissés" von Isang Yun ein am Ende faszinierend schillerndes Pizzicato-Feuerwerk.
Dieser Artikel ist kostenlos für Sie, er ist aber nicht ohne Kosten entstanden.