360 Grad

Marathon-Dirigent und Marathon-Publikum

Valery Gergiev Foto: Alberto Venzago

Valery Gergiev dirigierte in München an zwei Tagen alle sieben Prokofjew-Symphonien
Von Robert Jungwirth
(München, 13. November 2016) Die tun was, könnte man einen Werbespruch zitieren, wenn man das Programm der Münchner Philharmoniker bei ihrem MPHIL 360°-Festival betrachtet. Alle sieben Prokofjew-Symphonien, die fünf Mozart-Violinkonzerte und dazu noch den dritten Akt „Parsifal“ – das alles an zwei Tagen mit zwei Orchestern (neben den Münchnern ist auch das Petersburger Mariiinsky Orchester beteiligt) und mit einem Dirigenten: Valery Gergiev, der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und vielfach erprobte und immer wieder staunenswerte Marathon-Mann. Gergiev und der Intendant des Orchesters Paul Müller haben diesen Orchestermarathon ausgeheckt, um mit einem spektakulären Event neues Publikum jenseits der Aboreihen anzusprechen.
Am vergangenen Wochenende fand das Minifestival zum zweiten Mal statt – mit dem symphonischen Werk Prokofjews als Zentrum. Eine außergewöhnliche Idee und eine herausragende Leistung aller Beteiligten, zumal außer den Symphonien eins und fünf von Prokofjew alle anderen kaum aufgeführt werden und auch für viele Musiker eher unbekannt gewesen sein dürften.
Und doch klang etwa die heterogen-komplexe Dritte, mit der der Konzertsonntag um 11 Uhr begann, in der Wiedergabe durch die Münchner Philharmoniker so geschliffen akkurat, so klanglich und agogisch gestaltet wie man es sich nur wünschen kann und auch die Fünfte geriet beeindruckend virtuos – wenngleich man sich wundert, dass gerade diese vergleichsweise harmlose Symphonie so erfolgreich wurde. Dazwischen wisperte Vilde Frang Mozarts B-Dur-Konzert im Elfenton – dabei mit wunderbar fein ziselierten Akzentuierungen. Auch keine kleine Herausforderung fürs Orchester, vom Breitwandsound in die Kammermusikanmutung hinüber zu schwenken.
Die wirklich harten Brocken hatten freilich die russischen Kollegen zu bewältigen. Prokofjews zweite Symphonie, entstanden zu Beginn der 20er Jahre, könnte auch den Beinamen Apokalypse tragen, so martialisch-brutal, so unversöhnlich düster und niederschmetternd kommt dieses Werk daher. Das ist kein wirklicher Spaß zum Hören und zum Spielen noch viel weniger. Großes Lob für die tapferen Musiker aus St. Petersburg. Das nachfolgende Mozartkonzert in D-Dur klang danach tatsächlich wie aus einer anderen Welt, auch wenn der 22-jährige Yu-Chien Tseng aus Taipeh noch ein wenig farb- und gestaltlos blieb…
Leider hatte ich nicht die Zeit, mir alle Prokofjew-Symphonien anzuhören. Wer dies wollte, mußte am Sonntag drei ausgewachsene Symphoniekonzertprogramme absolvieren (um 11, 14 und 17 Uhr) – auch eine gewisse Herausforderung. Dabei wäre es dem Festivalgedanken und den Hörern vielleicht zuträglicher, wenn man die einzelnen Konzerte etwas knapper gestalten würde, z.B. auf eine gute Stunde ohne Pause, statt gut 2 Stunden mit Pause. Dann hätte man auch vielleicht mehr Lust, sich mehrere Konzerte anzuhören, vorausgesetzt die Pausen dazwischen sind lang genug…Wir werden sehen, wie sich das MPHIL 360°-Festival weiterentwickeln wird.



Münchner Philharmoniker


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