Klassik-Künstler werden immer weniger unterscheidbar. Viele spielen ähnlich auf höchstem Niveau. Auf CD hat der "Star" deshalb ausgedient. Sein Platz ist im Konzertsaal
Von Laszlo Molnar
Montag Morgen. Im Radio spielt David Garrett einen Satz aus einem Mozart-Violinkonzert. Wenig später ist Julia Fischer zu hören, mit etwas aberwitzig Virtuosem. Zwei Tage zuvor erhielt ich eine E-mail des Cellisten Nicolas Altstaedt. Er schrieb, er habe sich entschieden, nicht für Sony aufzunehmen und statt dessen bei dem kleinen Label zu bleiben, das ihm seine künstlerischen Freiheiten sichert.
Ich frage mich, was bringen die Neuaufnahmen sogenannter Stars, vor allem junger auf den sogenannten "major" Labels eigentlich noch? "Major" Labels - das waren einst die Giganten der Platten- und dann der CD-Industrie, EMI, Deutsche Grammophon, Philips als es sie noch gab, später Sony. An ihnen kam keiner, der Rang und Namen erwerben wollte vorbei. Und auch dann nicht, wenn Rang und Namen erworben waren. Eine Neuveröffentlichung auf einem der großen Labels wurde mit Spannung erwartet. Ja, auch die klassische Musik hatte einen Neuigkeitswert. Interpretationen hatten das Zeug, das Verständnis eines Stückes komplett umzukrempeln. Es gab nicht nur Künstler zu entdecken. Es gab, dank der künstlerischen Profile, auch Stücke (neu) zu entdecken.
An dem Morgen, als ich David Garrett Mozart spielen hörte, fragte ich mich, wer das wohl sei. Ich hatte die Ansage nicht gehört. Das Spiel hatte so einen feinen Ton, war so biegsam und geschmeidig, dass es durchaus eine Frau hätte sein können. Julia Fischer? Arabella Steinbacher? Das sind die gerade angesagten Namen. Anne-Sophie Mutter nicht - ihr Ton unterscheidet sich so deutlich von anderen, auch ihr Gestus. David Garrett war dann eine Riesen-Überraschung. Das sollte der als "Testosteron"-Geiger Gepriesene gewesen sein? Jener junge Mann, den man meist mit verwegen platzierter Kappe und bis zum Bauchnabel offenem Hemd abgebildet sieht? Ebenso wenig war Julia Fischer als Julia Fischer zu erhören. Hätte auch Frank Peter Zimmermann sein können. Alle sind sie bestens ausgebildet, spielen auf höchstem Niveau und spielen ganz ähnlich. "Stars" in bisherigen Sinn - Callas, Rostropowitsch, Rubinstein - gibt es wohl keine mehr.
Der Musikmarkt traut seinen eigenen Produkten nicht
Was kann da die Werbung noch? Was hält das Produkt? Die Musik ist gnadenlos. Sie enthüllt sofort, ob da nicht doch ein Schaf im Wolfspelz steckt. Oder andersherum - wenn ich an das sexistisch aufgemotzte Coverbild von Allison Balsoms Hummel-Haydn-CD denke. Nie würde man glauben, dass so eine auf lasziv bleichgepuderte Barockmadonna so hervorragend Trompete spielt. Die Botschaft, die bei mir ankommt, lautet: Der Markt, also der Musikmarkt, traut seinen eigenen Produkten nicht mehr. Zu was also taugen die zu vermeintlichen Stars hochstilisierten Jungmusiker? Bringen sie uns, den Zuhörern, musikalisch etwas Neues?
Als Tonkonserve kaum. Ich denke, das Problem liegt darin, dass sie es immer schwerer haben, etwas Neues zu bieten. Die Werke, die sie aufführen, sind immer dieselben. Ganz deutlich etwa bei den Cellisten, die an "großem" Repertoire nur die Konzerte von Haydn, Schumann und Dvorak haben. Schon Brahms' Doppelkonzert kommt nicht mehr so gut an. Die Geiger spielen einmal alles von Mozart bis Tschaikowsky durch, mutige packen noch Berg und Schostakowitsch dazu, und dann ist Schluss. Und alle müssen sie Bach spielen, obwohl die wenigsten ihn zu lieben scheinen. Kammermusik zählt hier nicht, denn die ist schon Nischenprogramm. Die Pianisten haben dazu im Vergleich paradiesische Verhältnisse.
Aber auch sie leiden unter einer Bürde, die alle anderen Jungmusiker von Anfang an mittragen: die immer länger werdende Geschichte der Interpretation und ihrer elektronischen Aufzeichnung. Die einstigen Referenzaufnahmen sitzen ihnen nicht mehr nur künstlerisch im Nacken. Oistrach, Rubinstein, Casals sind grandios, aber man muss Abstriche bei der Aufnahmetechnik machen. Kremer, Mutter, Argerich, Brendel, Rostropowitsch, YoYo Ma und so viele andere sind auch auf der "Hardware"-Seite auf einem so hohen Niveau, dass man schon genau überlegt, warum man Beethovens oder Mendelssohns Violinkonzert nun mit Julia Fischer oder Janine Jansen haben soll. Gut, es mag alles "frischer" sein, gegenwärtiger. Der aktuelle Stand der Dinge. Oder die CD dient als Souvenir nach einem teuer erkauften Konzertabend. Etwa mit Lang Lang. Aber der künstlerische Mehrwert? Das "Aha", etwas wirklich Neues, wenigstens Spannendes über das Stück zu erfahren? Immer öfter Fehlanzeige.
Die Künstler sind unverzichtbar - als lebende Interpreten
Die Absage des Cellisten Nicolas Altstaedts - einer der wichtigsten, zukunftsversprechendsten jungen Cellisten - an Sony ist ein deutliches Zeichen: Für einen Künstler, der ernst genommen werden will, ist da nicht mehr viel Spielraum. Natürlich sind es nicht die Künstler, oder "Stars", die man nicht mehr braucht. Es sind die Massenproduzenten des ewig Gleichen und immer weniger Unverwechselbaren, die man nicht mehr braucht. Die Künstler sind, auch mit Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Schumann, unverzichtbar - und zwar als lebende Geschöpfe. Sie sind es, die die große klassische Musik am Klingen erhalten. Sie sind es, die die Musik erst hörbar machen. Denn in der klassischen Musik gibt es nichts anderes als "live". Die Konserve ist nur ein Abbild davon. Sie ist, anders als in der Pop-Musik, kein autonomes Kunstwerk. Sie kann sich auch nicht mehr erneuern. Sie kann nur noch immer wieder wiedergegeben werden.
Mehr denn je wird aber auch klar, dass die Künstler nicht viel mehr tun als das: Musik wiedergeben. "Interpretation" ist nur noch die Variation des Bekannten, auch vom Künstler auf Medien schon dutzend Mal Gehörten. In der ewigen Wiederholung des Immergleichen ist über (fast) alle Werke der "Klassik" (fast) alles gesagt worden. Besonders von denen, die sich nicht um die historisch informierte Aufführungspraxis kümmern. Die Erforschung der Musikgeschichte mag noch nicht am Ende sein. Die Interpretationsgeschichte, jedenfalls der klassischen Musik, möglicher Weise schon.
Im Konzert geht es um die Wahrnehmung des Kunstwerks
Im Konzert dagegen geht es um etwas anderes. Es geht um die Wahrnehmung des Kunstwerks an sich. Und es geht um die Wahrnehmung der Atmosphäre einer Aufführung. Das Konzert ist in erster Linie ein gesellschaftliches Ereignis. Deshalb ist es auch so beliebt. Es hinterlässt den wohligen "Ich war auch dabei"-Effekt. Das Konzert ist für die Musik, was die Vernissage für die Bildende Kunst ist. Es geht um das Hier und Jetzt; darum dass der Augenblick gelinge und zwar zum Verweilen schön. Ohne eine Aufführung gibt es die Musik nicht und auch nicht das Gesellschaftsereignis. Um diesen Rahmen zu stecken, braucht es sie - die Meister, bei denen jeder Griff sitzt und kein Ton verschenkt wird. Und deshalb interessiert es nicht so sehr, wie Garrett das Mozart-Konzert spielt. Es interessiert nur, dass er es spielt.
Seit etlichen Jahren schwenkt das in Sachen Popularität große Vorbild der Klassik, die Pop-Musik, auf diesen Kurs ein. Was zählt, und zwar vor allem finanziell, ist der live-Auftritt. Damit werden mittlerweilen die Millionen umgesetzt. Die aktuelle "360°"-Welttournee von U2 soll 750 Millionen Dollar Gesamterlös bringen. Eine Karte kostet bis zu 400 Euro. CD-Verkäufe spielen da keine Rolle mehr - und sie finden auch so gut wie nicht mehr statt, allenfalls als Mittel für die Promotion. Madonna hat sich 2007 von ihrer Plattenfirma "Warner Music" getrennt und sich dem in Los Angeles beheimateten Mega-Veranstalter "Live Nation" überschrieben, der ihr vor allem Auftritte verschafft und ihr dafür eine Gage von 120 Millionen Dollar für zehn Jahre anbot. "Live sells" heißt es nun in der Pop-Branche. Und das trifft auch für die Klassik zu.
Klassik soll auch als "Pop" durchgehen können
Firmen wie Künstler haben erkannt, das in der Klassik interpretatorisch nichts mehr passiert. Entweder stellen Sie deswegen die Person der Künstlerin oder des Künstlers in den Vordergrund. Oder sie mischen Programme zusammen, die, vielleicht mit etwas Verstärkung, auch als "Pop" durchgehen können. Zum Beispiel die neue CD der Gruppe "L'Arpeggiata", "Via Crucis". Die Stücke von Monteverdi, Biber, Legrenzi, Merula und etlichen "Anonymi" kann man als Kunstwerk hören. Aber man kann sie auch als Sakro-Folk verstehen, der Mystik ferner Zeiten mit erstaunlicher Tanzbarkeit verbindet. Nichts dagegen. Es war wohl ein Irrtum der (Groß-)bürgerlichen Epoche, dass Musik ein zu verehrendes, unantastbares, allenfalls zu analysierendes "Kulturgut" sei. Musik soll Spaß machen, sie soll überraschen. Punkt. Deshalb sind die Leute zu Zeiten Mozarts, Beethovens oder Paganinis in die Veranstaltungen ihrer "Helden" gelaufen. Da war was los im Saal. Und so ist es auch heute.
Dass David Garrett im Radio nicht als solcher erkennbar ist, sollte ihn also nicht grämen. Es geht sowieso nicht um ihn, es geht in diesem Fall um Mozart. Garretts Stunde, und die der Zuhörer, schlägt aber dann, wenn er leibhaftig auf das Podium eines vollbesetzten Konzertsaales tritt.
Information zu Live Nation:
http://de.wikipedia.org/wiki/Live_Nation