(München, 29. März 2010). Das ist dem Komponisten Francis Poulenc (1899-1963) schon eindrucksvoll gelungen. Am Ende seiner Oper "Dialogues des Carmélites" schlidert er die Hinrichtung der Ordensschwestern auf der Guillotine mit akustischen Darstellung der niedersausenden Messer. Wie ein scharfer Peitschenhieb klingt das Geräusch einer kleinen Trommel, unüberhörbar. Auf vielfältige Weise sollte sich der Moment, als die Nonnen vom Karmelitinnennkloster von Compiegne durch die Schergen der franzöischen Revolution 1794 als Martyrerinnen den Tod erleiden, dem Publikum von Poulencs erster "ernster" Oper einprägen. Nur: in Dmitri Tcherniakovs Inszenierung der "Dialogues" in der Münchner Staatsoper gibt es keine Guillotine. Es gibt auch keine Nonnen. Gibt es dann auch keinen Martyrerinnen-Tod?
Das soll hier offen bleiben. Es ist spannend, wie Tcherniakov am Ende die Kurve kriegt und das Thema freiwilliger Tod gegenwärtig und doch beklemmend interpretiert. Nein, beliebig ist ihm seine Inszenierung der "Dialogues" für München nicht gelungen. Es gab wohl Stimmen während der Premieren-Pause am Sonntag Abend, dass hier doch so vieles fehle. Keine Nonnen, kein Kruzifix, kein Kloster. Keine Fantasie? Vielleicht kaum ein Bühnenbild, zunächst mal. Da ist tatsächlich nichts. Nur der leere, graue Raum, der sich scheinbar ins nichts verliert. Bühnenbildner Tcherniakov hat dem Regisseur Tcherniakov alle Möglichkeiten offen gelassen. Statt Dekor eine Szene. Bevor die Musik beginnt, hebt sich kurz der Vorhang und zeigt Chaos. Eine Menschenmenge wälzt sich über die Bühne, gekleidet wie Alltagsmenschen in einer weniger konsumorientierten Gesellschaft als der unseren. Eine Frau in beigem Mantel gehört sichtlich nicht dazu. Sie will sich von der lärmenden Menge abwenden. Aber dafür ist kein Platz. Vorhang zu.
Die Frau, das ist Susan Gritton alias Blanche de la Force. Sie wird sich in den "Dialogues" von ihrer Familie und der "Welt" tatsächlich abwenden und Zuflucht bei den Karmelitinnen des Klosters Compiegne suchen. Bei Tcherniakov kommt es, aus der Tiefe des leeren Raum, auf sie zugeschwebt. Eine Zelle. Eine Lichtgestalt in Form eines Gewächshauses. Darin eine Frauenbesatzung. Die Zelle mit ihren Insassinnen sieht aus wie eine Sozialstation für Obdachlose. Darum geht es wohl auch. Es geht nicht um Nonnen oder Klerus. Es geht um die Überzeugung, sich von der herrschenden Gesellschaft zu verabschieden und nach einem eigenen Weg zu suchen. Sicher sind heute Obdachlose mehr verbreitet als Klosterschwestern. Tcherniakov gelingt diese Überführung auf heutige Verhältnisse sehr stimmig. Dazu bleibt er sehr nahe an den Hauptfiguren dran, zeigt deutlich, was sie durchleben und erdulden. Das hat schon seine Inszenierung der "Chowanschtschina" an der Bayerischen Staatsoper ausgezeichnet.
Das Milieu nimmt der Oper nicht ihre meditative Note. Auch diese Frauen können diskutieren und erörtern, mit welchen Ängsten man es zu tun hat und wie man ihnen begegnen kann. Der Zuschauer muss, sofern er nicht gut genug Französisch spricht, ohnehin fleißig die Übertitel mitlesen, um die "Handlung" zu verstehen. Was allerdings nervt ist, dass nach jeder Szene das Licht ausgeht. Es wäre jetzt etwas platt, dass als Symbol für das Fallen der Guillotine zu verstehen, die damit die Handlung zerschneidet.
Maestro Nagano breitet dazu aus Poulencs Musik einen recht gleichmäßig gewebten Klangteppich aus. Eigentlich sollte man in dieser Oper "Business Class" sitzen und die Fußstützen weit ausfahren können. Denn die leere Szene gibt nicht nur den Leuten auf der Bühne Raum; die eigenen Gedanken bekommen auch Lust, sich auf ihre eigenen Wege zu machen. Mit mehr Impulsivität hätte Nagano dagegen etwas tun können. Er könnte die Musik durchaus entschiedener gestalten, statt eines leichten Windes einen Orkan darüber brausen lassen. Mit dem Orchester ließe sich das doch machen. Die Musikerinnen und Musiker haben jedenfalls hörbar Freundschaft mit Poulencs Partitur geschlossen. Nagano sucht mehr nach dem analytischen Weg als nach dem emotionalen. Aber diese Oper hat Emotion. Blanche muss sich so oft entscheiden. Für das Kloster. Für das Martyrium. Gegen das Drängen ihres Bruders. Für den letzten Schritt. Auf ihrem eigenen Weg wird aus der zaghaft-verschreckten die entschlossene Frau. Da könnte sich die Musik schon mehr mit-bewegen.
Sängerisch ist alles so, wie man es gerne haben möchte. Völlig zu Recht und wohlverdient holten sich am Ende Susan Gritton, Susanne Resmark (Mutter Marie) Hélène Guilmette (Constance) und Soile Isokoski (Mutter Lidoine) enthusiastischen Beifall ab. Sie zeigten immer stimmliche Stärke und Feinheit der Emotionen. Sie spielten auch stark. Wie Susan Gritton wortlos in der Schlussszene herumhuscht und ihre Aufgabe erfüllt, das ist, von Regie wie Darstellung gleichermaßen, eine grandiose Leistung. Die Männer haben hier - das liegt in der Natur des Themas - nicht so viel zu melden. Gleichwohl sind auch ihre Beiträge - Alain Vernhes als Marquis de la Force, Bernard Richter als Chevalier de la Force und die verschiedenen Herren Komissare und Offiziere - auf dem allgemein hohem Niveau. Als sich nach dem schaurigen Ende der Vorhang wieder hob, war die Zustimmung des Publikum gewiss. Daran konnten auch ein paar Buhs für das Regieteam nichts ändern. Diese "Dialoge" können sich sehen lassen.
Laszlo Molnar
Weitere Vorstellungen: 1., 8., 14., 17., 23. April, bei den Münchner Opernfestspielen am 9. und 13. Juli 2010.
zur Inhaltsangabe des Regisseurs.
Ein Porträt des Komponisten finden Sie unter:
http://www.bayerische.staatsoper.de/594--~kosmosoper~podcast.html