2009 Philis Thielemann Franzosen

Rauschmittel Musik

Das erste Konzert der Münchner Philharmoniker im neuen Jahr brachte die Zuhörer in der Philharmonie im Gasteig zur inneren Einkehr

(München, 10. Januar 2009) Leicht, ohne Schwere nahm Christian Thielemann „seine“ Münchner Philharmoniker und sein Publikum in der Philharmonie im Gasteig mit in das Neue Jahr. Beim ersten Philharmonischen Abonnementskonzert im Neuen Jahr (9., 10. und 11. Januar) gab es Musik der französischen Spätromantik und – mit der Carmen-Fantasie des polnisch-amerikanischen Komponisten Franz Waxman – sogar ein Stück veritable Filmmusik. Was den Verdacht endlich einmal näher legte, bei vielem von Fauré, Chausson und Debussy handle es sich eigentlich um Filmmusik, nur eben noch ohne Film.
Aber die Zeit um die Jahrhundertwende war schon die Zeit eines sich grundlegend verändernden Bewusstseins. Das Bewusste wurde mit dem Unbewussten konfrontiert und an der Frage gerätselt, was es nun eigentlich ist, das der Mensch wahrnimmt. Maurice Maeterlincks Theaterstück „Pelleas et Melisande“ von 1893 war paradigmatisch für diese innere Suche nach Orientierung des damals modernen Menschen.
Am bekanntesten machte Claude Debussy (1862-1918) das Stück durch seine Oper gleichen Titels. Gabriel Fauré (1845-1924) schrieb eine Bühnenmusik dazu, aus der er später die 1901 uraufgeführte Suite machte, die Thielemann in diesem Konzert präsentierte. Darauf folgte, mit Vadim Repin als Solisten, das „Poème“ für Violine und Orchester von Ernest Chausson. Chausson hatte es für den Geigenvirtuosen und Komponisten Eugene Ysaye geschrieben. Dieser hatte sich ein ganzes Violinkonzert gewünscht, aber Chausson war der Meinung, ein einziger Satz sei besser. Dann spielten die Philharmoniker Waxmans Filmmusik „Carmen-Fantasie“, in der Repin alle Tricks aus der Kiste des großen Virtuosen herausholen konnte. Und wie gelassen, souverän er das tat. Ein unaufgeregter Star, der seine Wurzeln in der Ruhe und Weite Sibiriens nicht vergessen hat. Nach der Pause dann Debussys „Images“ für Orchester, zu denen das bekannte „Iberia“ gehört.
Das kann man alles schnell zusammenfassen. Denn bis auf Waxmans ungestüme und fetzige Fantasie ist das alles Musik, welche die Hörer auf sich selbst zurückwirft, quasi hinein in ihr Inneres, und dann passiert es: Dort lässt sie sie den passenden Film zur Musik aussuchen. Also doch Filmmusik – nur keine, die Bilder begleitet, sondern eine, die die Bilder erzeugt. Die französischen Komponisten haben eben nicht nur das Unbewusste zum Thema gemacht. Sie haben es angesprochen, es mit ihrer Musik stimuliert. Klingendes Opium, Musik als Rauschmittel, das die Phantasie in schönsten Farben blühen lässt. Lang vergessene Erinnerungen wieder lebendig macht. Thielemann und die formidabel schwebend spielenden Musiker zwangen ihrem  Publikum nichts auf. Sie ließen dieses süße Gift der Klänge sich im Saal verströmen und dort die Sinne benebeln. Man sitzt bequem in der Philharmonie, man entspannt sich, die Musik dringt ein und lässt tiefe Regionen der Erinnerung anspringen. „Images“, ja, Bilder – Debussys Titel sind nur Anregungen, Assoziationen, Ton gewordene Früchte der Psychoanalyse. Die Inhalte findet der Zuhörer selbst.
Ein schöner musikalischer Auftakt in das Jahr. Inmitten unnachgiebiger Krisen sollte der Mensch sich tatsächlich auf das besinnen, was tief in ihm steckt.
Laszlo Molnar

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