2009 Münchner Philharmoniker Thielemann Bruckner Dritte

Kantiger Koloss unter der Lupe

Die Münchner Philharmoniker spielten Bruckners dritte Sinfonie in ihrer Erstfassung. Davor Mozarts Violinkonzert A-Dur mit Gil Shaham.
(München, 26. April 2009) Bei Bruckner sind die Münchner Philharmoniker gewissermaßen in ihrem Element. Sergiu Celibidache hatte sie auf Bruckners Sinfonik eingeschworen. Der Ruf des besonderen Bruckner-Klanges eilt ihnen bis heute voraus. Mit Christian Thielemann haben sie auch einen Chefdirigenten, der dies zu schätzen weiß und daher regelmäßig am Glanz dieses Rufs weiter arbeitet.
Vergangenes Wochenende, von Donnerstag bis zur Matinee am Sonntag, mit Bruckners dritter Sinfonie, d-moll, in der ersten Fassung von 1872/73. Eines von Bruckners großen Leidensstücken – keine andere Sinfonie arbeitete er so oft um und mit keiner befasste er sich über solch einen großen Zeitraum. Mehr als zwanzig Jahre nagte das Werk in ihm. Seine Mitmenschen wollten sie verändert haben und er folgte dem Rat zwei Mal.
Bevor das Münchner Publikum in der Philharmonie im Gasteig diese erst 1946 in Dresden uraufgeführte „Dritte“ zu hören bekam, spielte das Orchester mit dem Solisten Gil Shaham Mozarts „fünftes“ Violinkonzert, das in A-Dur, KV 219. Dafür trat das Orchester in kleiner Besetzung an. Die Balance zwischen Orchester und Solist stimmte, Shaham fügte sich gleichsam unter die Streicher ein und machte Kammermusik mit ihnen. Christian Thielemann auf dem Dirigentenpodest musste seine Autorität gegen diese musikantische Verbrüderung durchsetzen, stellte sich ihr aber nicht in den Weg. Dennoch blieb klar, dass dies ein Mozart durchaus in sinfonischem Geist sein sollte, in sicherem Abstand zu den Klangvorstellungen der „historisch informierten“ Musiker.  Dieses Konzept können die Münchner Philharmoniker souverän vertreten. Gil Shaham steuerte einen satten, sehr modulationsfähigen und strahlenden Ton bei und phrasierte genau und spielerisch. Sein Spiel hat Energie und Charakter. Mozart in bestem Sinne aus heutigem Geist.
Welch ein Luxus der Musikgeschichte, natürlich, dann so leicht und unvermittelt über hundert Jahre weiter zu Bruckner springen zu können. Bruckners Dritte, seine Richard Wagner gewidmete Sinfonie, in ihrer ersten Fassung zu hören, das ist schon eine Herausforderung. In den jeweils fast 800 Takten des ersten und vierten Satzes breitet Bruckner sein Material nicht nur in aller Weite aus. Er präsentiert es auch zerklüftet, fast zufallsartig. Unzählige der berühmt-berüchtigten Generalpausen schneiden die Riesenblöcke in Teile, bremsen den Fluss ab, um Kraft für das nächste Motiv zu geben. Bruckners Kritiker hatten schon recht: In dieser Sinfonie muss der Zuhörer sehr viel Zuhör-Arbeit leisten, um den Überblick zu behalten und sich der Zusammenhänge zu erinnern. So eigenwillig, sprunghaft und auf sich gestellt präsentieren sich die Ideen. Thielemann gestattete keine versöhnlichen Gesten, verschleierte nichts. Kantig meldete sich das Werk zu Gehör. Die  genau herausgearbeiteten Orchesterfarben verstärkten die Kontraste, die harten Brüche. Das war schon bemerkenswert: Hatte Thielemann bei Mozart deutlich auf einen homogenen, eher nicht transparenten Orchesterklang hin gearbeitet, schärfte er bei Bruckner geradezu gnadenlos den Blick auf das Detail. Gerade von ihm hätte man Bruckner nicht so herb, so hart erwartet. Das war die größere Überraschung als das Monsterwerk selbst, das es immer wieder in dieser Version zu hören gibt.
Das Bruckner-erfahrene Publikum in der Philharmonie jedenfalls war es sehr zufrieden. Nach dem in aller Pracht strahlenden Schlussakkord gab es zunächst konzentriertes Schweigen und dann lebhaften Beifall. Bruckner hatte eine Art Wiederauferstehung erlebt.
Laszlo Molnar

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