Schwierige Fragen ans Leben

Joseph Kaiser (Septimius), Christine Schäfer (Theodora), Salzburger Bachchor Foto: Monika Rittershaus

Mit einer musikalisch überragenden Aufführung von Händels "Theordora" eröffnen die Salzburger Festspiele

(Salzburg, 25. Juli 2009) Nicht nur in Bayreuth, auch in Salzburg hat der Festspielsommer begonnen. Einige Wolken trübten den schönen Tag, und auch die Festspielfreude ist ja keine ungebrochene. Der vor kurzem bekannt gegebene Abgang von Konzertchef Markus Hinterhäuser gibt zu Spekulationen Anlass, wie es nach 2011 wohl mit dem Konzertsektor beim elitärsten Musikfestival der Welt weiter gehen wird und auch darüber, wie hier Personalpolitik betrieben wird. Hinterhäuser äußerte sich jedenfalls in verschiedenen Interviews kritisch darüber, dass der Verantwortliche für das Konzertwesen kein Mitglied des Direktoriums sei und damit dort auch keine Entscheidungskompetenzen habe. Aber genau das mag ja dann bei Jürgen Flimms Nachfolger Alexander Pereira anders werden: Als Intendant wird er sich voraussichtlich sowohl um die Oper als auch um das Konzert selbst kümmern. Denn als ehemaliger Leiter des Wiener Konzerthauses kennt er sich auf diesem Gebiet ja auch bestens aus.

Der noch amtierende und doch schon scheidende Intendant Jürgen Flimm hat sich für den Beginn seiner vorletzten Saison ein starkes Zeichen ausgedacht. Nicht mit der Neu-Inszenierung einer Oper Mozarts oder eines anderen Flaggschiffs des Repertoires hat er die Festspiele 2009 beginnen lassen. Nicht mit den Wiener Philharmonikern im Graben unter der Leitung eines der weltweiten Stardirigenten. Statt dessen wurde die Riesenbühne des Großen Festspielhauses einem der Jahresregenten der Musik überlassen: Georg Friedrich Händel. Mit einem Orchester auf historischen Instrumente, einem der besten weit und breit: dem Freiburger Barockorchester mit Ivor Bolton als Dirigenten. Mussten die Eröffnungs-Premieren-Gäste damit schon auf etliche der spezifisch Salzburger heiligen Kühe verzichten, erhielten sie zu allem Überfluss nicht einmal eine "richtige" Oper. 

Denn von Händel gab es nicht eine seiner Opern, sondern eines seiner englischen Oratorien, die Händel nach Ende seiner Opernkarriere (Deidamia, 1741) komponiert hatte. Und auch von denen war es nicht eines der großen episch-dramatischen Feststücke wie Saul oder Belshazzar, sondern das eher introvertierte, vorwiegend in Moll gefärbte Oratorium "Theodora". Darin geht es um die jungfräuliche Christin Theodora, die im römischen Reich ihrem Glauben abschwören oder die grausamsten Strafen erwarten soll. In dem Offizier Didymus, der sie liebt, findet sie schließlich einen Verbündeten, der sich auch zum Christentum bekennt und mit ihr zusammen in den Tod geht, der über die beiden von Valens, dem Statthalter des Kaisers Diokletian verhängt wird.

In Händels vorletztem, 1749 komponiertem Oratorium, gibt es keine prunkenden Schlachtenszenen, keine festlichen Trompetenarien und auch keine Chorfugen, die sich schier unerschöpflich ins musikalische Licht emporschrauben. Es dominieren leise Arien, in denen die Akteure über Daseinsfragen, Motivationen und die Werte des Lebens reflektieren. Die Römer stehen für das irdische, körperliche Dasein. Das Christentum steht für die Werte des Menschen, die Menschenrechte gewissermaßen. Ehe sich Theodora - und dann auch Didymus - der physischen Ausbeutung durch die Römer ergeben, wählen sie den Tod und damit eine höhere Erfüllung des Lebens.

Für die Salzburger Festspiele wurde das Werk Christoph Loy zur Inszenierung übergeben. Ob das von Händel so gedacht war, darüber gibt es nach wie vor Diskussionen. Es soll aber schon unter Händel selbst Inszenierungen seiner Oratorien gegeben haben. Was Loy, der in München mit "Saul" viele Punkte gesammelt hat, aus der Aufgabe in Salzburg gemacht hat, das lenkte das Augenmerk zunächst einmal auf die Musik und ihre exzellenten Ausführenden.

Musikalisch ist die Aufführung eine der großen Sternstunden. Bolton versenkt sich und seine Musiker und Solisten ganz in die Innensicht. Er gewährt Zeit und Klarheit, damit die Zuhörer die Details und Verläufe genau wahrnehmen und sich mit ihnen befassen können. Die Aufführung dauert, mit den zwei Pausen, vier Stunden. Harnoncourt brauchte in seiner konzertanten Aufführung 1990 etwas mehr als zwei Stunden für die Musik. In Salzburg wird im dritten Akt noch das Orgelkonzert g-moll aus op. 7 gegeben und von Loy szenisch umgesetzt. Man hört großartige Händel-Sängerinnen und -Sänger: Christine Schäfer als Theodora, Bernarda Fink als ihre Vertraute Irene, den Countertenor Bejun Mehta als Didymus, Joseph Kaiser als Septimius (derselbe Kaiser, der 2007 als Lenski ein fulminantes Salzburg-Debut hinlegte), Johannes Martin Kränzle als Valens und Tenor-Senior Ryland Davies in der Rolle des Boten. Hinreißen gut auch der groß besetzte Salzburger Bachchor. Trotz aller Aktionen, die er durchzuführen hat, erzeugt er einen herrlich luftigen, konturscharfen und kraftvollen Klang voller Beweglichkeit und Schmelz. Christine Schäfer singt ihre Rolle erstaunlich verhalten, fast, als wolle sie gar nicht richtig gehört haben. Bejun Mehta ist eine Sensation; kann es so einen präsenten, virilen Counter mit solch einer fast nahtlos, in jedem Register von Kraft erfüllten geführten Stimme wirklich geben? Bernarda Fink gefällt als unprätentiöse Altistin, die den Wert jeder Note ihrer Partie genau auslotet und kennt. Joseph Kaiser hat genau die richtige Mischung von Helligkeit und Schmelz in seiner Stimme, mit der eine Barock-Partie Kontur und Emotion erhält. Und der Bassist Kränzle gibt einen Valens, den der Rausch der Macht längst an den Rand des Wahnsinns getrieben hat.

Bei solcher musikalischer Erlesenheit - braucht es da noch eine Szene? Ginge das ganze denn nicht konzertant? Bliebe da nicht viel mehr Raum für die Wirkung der Musik und die eigenen Assoziationen zum Stoff? Christoph Loys Inszenierung - oder besser, das, was er da auf der Bühne passieren lässt - fordert zu solchen Fragen heraus. Denn die "Inszenierung" gibt sich für den Zuschauer höchst befremdlich. "Es ist eigentlich besser, gar nicht hinzusehen", sagte ein geschätzter Kollege in der zweiten Pause. Was geht da vor?

Jedenfalls kaum etwas, was einer "Handlung" nahe käme. Auch ist kein Ort erkennbar: leere Bühne, schwarz, abgeschlossen von einem gewaltigen geschwärzten Orgelprospekt wie aus einer Phantasy-Vision. Solisten und Chor sind alle in schwar gekleidet, Herren im Anzug, Damen im kurzen Kleid. Nur Theodora bekennt Farbe: weiß im ersten Akt, rot in den zwei Akten danach. Einziges Requisit sind Stühle, die oft mit viel Geräusch herumgeschoben oder auch mal geworfen werden. Der Chor bewegt sich wie chaotisch auf der Bühne, erstarrt dann wieder, gruppiert sich neu, setzt sich auf den Stühlen an die Rampe. Die Protagonisten setzen sich in Bezug zueinander und streben dann wieder davon. Theodora, Irene, Didymus, Septimius: sie singen auch ganz alleine auf der Bühne. Christine Schäfer bewegt sich wie in Trance, als sie gar nicht wach, sie krümmt sich zusammen, sie scheut ihre Kollegen. Das Hinschauen ist oft genug anstrengend, es tut fast weh, man kann sich kaum einen Reim darauf machen.

Es wir im Verlauf der vier Stunden nicht leichter. Da wird kein Faden gesponnen, an dem man entlang schauen könnte. Da kommt nichts in Gang. Es gibt nur Posen und Gesten. Auch zu tiefst berührende: als Didymus seine Kleider auszieht, um sie mit Theodora zu tauschen und diese, ganz scheu, dieses Angebot zu ihrer Errettung aus dem römischen Kerker annimmt. Als Theodora und Didymus gestorben sind, sitzen sie mit dem Rücken zum Publikum. Der Welt abgewandt. Allerspätestens, zu den feinen Klängen des Chores "O love divine, thou source of fame", dämmert einem, wie es gemeint war: Loy schildert in seinen Bildern, die er selbst "performance" nennt, die Zustände der Gestalten. Das Taumeln des Valens ist der Wahnsinn des Machtbesessenen, die Scheu der Theodora offenbart auch ihre Einsamkeit unter den Römern. Die Glaubenden sind einsam; Irene sinkt in ihrem Gebet am Beginn des dritten Aktes unbeholfen auf die Knie: keine Kirche, keine Bank, nur der nackte Boden und der Versuch, für das Gebet auch eine Haltung zu finden. Loy hat extrem reduziertes, post-dramatisches Theater aus Theodora gemacht; vollkommen konzentriert auf den Zustand des Menschen, auf das Verhältnis von Leib und Seele. Seine Antwort auf dieses theologisch-philosophische Problem: Leib und Seele sind im Menschen eines. Wer im Leib nicht seiner Seele folgt, der ist nicht bei sich. Wie Valens, der nur noch taumeln kann.

Loys Theodora ist so anstrengend, auch unbefriedigend und ärgerlich zunächst, weil sie scheinbar nichts zu bieten hat.  Und trotzdem gestattet sie weder bequemes Wegschauen noch Weghören! Was soll das bloß? Hat man aber ein Weile nicht hingeschaut, dann bemerkt man doch etwas: Musik und Szene sind eins. Mit der Musik wandeln sich die Konstellationen, obwohl sich das Bühnenbild nicht verändert. Anders als bei einer konzertanten Aufführung gibt es keinen puren Genuss der Musik: das Bild zwingt in seiner Reduktion, in seiner Isolierung, dazu, genau hinzuhören, um seine Bedeutung zu entschlüsseln. Eine radikale, höchst verstörende, schließlich und nachhaltig: faszinierende Lösung. Denn nun sind die Bilder eingebrannt, der Text verstanden, die Musik über ihre ästhetische Erscheinung hinaus dekodiert: Theodora hört sich nach dieser "Reinigung" ganz neu, viel klarer, transparenter, geschärfter.  Das muss man alles erst einmal durchstehen. Aber keiner hat je gesagt, Theater müsse immer ein lockerer Abendspaziergang sein.

Laszlo Molnar