Wie der Flug des Ikarus

Rolando Villazon. Bild: DG/Felix Broede

Rolando Villazon, der Traumprinz des Tenorfachs, glänzte in letzter Zeit vor allem durch Absagen. Wieder sagte er jetzt Auftritte kurzfristig ab. Eine Chance unter anderem für Piotr Beczala an der New Yorker Met.

Was ist los mit Rolando Villazon, dem Traumtenor der ganzen Welt? Eine Absage nach der Anderen, Baden-Baden, Met, dann auch noch die weltweiten Kino-Übertragungen, für die sich die Met ordentlich bezahlen lassen wollte? Eine Stimmkrise, wie sie den Tenor im vergangenen Jahr heimsuchte, wollte man ihm ja noch verzeihen. War er doch wirklich quasi überall zu hören, auf Opernbühnen, Konzertpodien und Open-Air-Ereignissen. Nicht alleine sein strahlend-farbiger Tenor betörte das Publikum. Auch als Traumprinz des Traumpaares, das er zusammen mit Anna Netrebko bildet, wurde er zur tenoralen Identifikationsfigur schlechthin, zum Märchenprinzen, auf den eine am Prinzenglauben immer ärmere Welt sehnsüchtig gewartet hat.

Hält einen solchen Erwartungsdruck ein Mensch überhaupt aus? Villazon wollte den Eindruck vermitteln, er könne es. Seine Auftritte waren stets geladen von jugendlich-viriler Energie, seine Stimme schien jeder Hausgröße gewachsen zu sein, sein Anna zugewandtes Lächeln war von entwaffnender Natürlichkeit. Auch bei privaten Begegnungen war immer klar: "Unser" Rolando liebt dieses Leben. Er ist wirklich das Faktotum in allen Opernhäusern, als den ihn sein Publikum erleben durfte. Dazu eine gute Ehe mit einer klugen Frau und zwei Kindern. Eine Traumkarriere. Oder doch ein Albtraum? Alles ging viel zu schnell, zu leichtfüßig, zu unbekümmert. 
Denn nun kracht es in dieser Karriere - und in dieser Stimme. Villazon zahlt jetzt den Preis für seine raketenartig errungenen Erfolge; und auch den damit verbundenen Reichtum. Fast scheint es wie ein Teufelspakt wie in "Die Geschichte vom Soldaten". Nur dass Villazon als "Gegengeschäft" für den bisherigen Ruhm nicht seine Seele, sondern seine Stimme genommen wird. Villazon gleicht er auch Ikarus, der sich die Flügel verbrennt. Wäre er langsamer gestartet, wäre ihm dieser Absturz womöglich erspart geblieben.

Der Gegenentwurf zu Villazons Katapult-Karriere springt jetzt an der Met in "Lucia di Lammermoor" für ihn ein: Piotr Beczala.  Der 1969 geborene polnische Tenor ging seine Karriere wesentlich langsamer, dafür konzentrierter und zielstrebiger an als Villazon. Er ersparte sich nicht die "Galeerenjahre", in denen ein junger Sänger an einem kleineren Haus (hier Linz, von 1992 bis 1997) sich an das für ihn geeignete Repertoire in kleineren und größeren Rollen herantastet. 1997 wechselte er in das Ensemble des Opernhauses Zürich: ein kleines Haus mit präsenter Akustik und einer ambitionierten Repertoirepolitik. Zwischendurch taucht Beczala an "hot spots" wie Salzburg, Wien, London, New York, Paris, Mailand, Berlin auf und zeigte der verblüfften Kritik, was für ein Stimmformat da heranwächst. Ohne Rummel, ohne Prinzentum, ohne Mediengedröhn. Seine erste Rezital-CD "Salut!" mit Opernarien von Donizetti, Puccini, Gounod, Verdi und anderen erschien 2008 bei "Orfeo". Sein Tenor klingt nicht so verwegen frei wie Villazons in den besten Tagen - aber dafür ist er so kontrolliert, so genau geführt, dass man an seiner langfristigen Tragfähigkeit keine Zweifel bekommt. Beczala hat nun eine Lebenschance. Vielleicht werden wir uns an diesen Namen im Traumgespann mit Anna gewöhnen müssen.

Rolando Villazon aber gibt Zeichen, dass er die Zeichen erkannt hat. Die Absagen sind herb, aber sie könnten seine Rettung sein. Zu Verfeuern gibt es bei dieser Stimme wohl nichts mehr. Aber sie ist nicht völlig ruiniert - sie wirkt eher wie ein kranker Körper, der zur Heilung dringend der Ruhe bedarf. Villazon sucht sie bei Händel. Am 20. März erscheint auch für Villazon ein Erstling (bei DG): Arien aus Händel-Opern, zusammen mit einem der Spitzenensembles der Alten Musik, dem Gabrieli-Consort unter Paul McCreesh. Natürlich wird aus dem Belcantisten nicht auf einen Schlag ein Barock-Sänger. Dafür hat seine Stimme zu viel Vibrato, und auch die Portamenti kann sich Villazon nicht verkneifen. Aber man spürt wohltuend die Disziplin, die ihm diese Musik und die Original-Musiker unter der Leitung von McCreesh auferlegen. Händel wirkt für Villazon wie eine Stimmtherapie, und Händel erhält eine ungeahnte Tiefe. In den Arien aus Tamerlano, Ariodante (Scherza, infida!), Xerxes, Rodelinda und "La Resurrezione" entfacht der Sänger eine selten gehörte innere Glut. Die ist Villazon nicht verloren gegangen; seine Stimme ist immer noch ungemein modulationsfähig und hat ein Timbre, das einem die Tränen in die Augen treiben kann. Aber die Höhe kommt überraschend schwerfällig und wirkt eher melancholisch als strahlend. Ein Zeichen der inneren Verfassung? Jedenfalls hat Villazon einen so gebrochenen Helden wie Tamerlano sehr ernst genommen; sein "Scherza infida" aus Ariodante enthält so viel bittere Anklage wie keine andere Interpretation der jüngeren Zeit. Villazon ist also nach wie vor der Sänger mit ganzem Körper und ganzen Herzen - aber einer Stimme, der viel zu viel Gewalt angetan wurde.

Villazons Rückzug von den übergroßen Opernhäusern und Hinwendung zu Händel sollte seinen Freunden und Geschäftspartnern ein Hinweis sein, dass er um den Zustand seiner Stimme weiß und - vielleicht im letzten Moment - Maßnahmen ergreift, den Raubbau zu stoppen. Das darf in seinem Fall kein Marketing-Gag sein. Sonst wird seine Karriere wirklich zum Märchen. Und das beginnt meist mit "Es war einmal".

Laszlo Molnar