Am Sonntag war der Star des Tages Händels Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno" mit dem italienischen Ensemble "La Risonanza" in der Minoritenkirche. Dieser Aufführungsort hat seine Tücken. Der Bau ist eine weitläufige Hallenkirche mit einem entsprechend riesigen Hall. Und dennoch trägt er die Musik sehr gut, selbst wenn sie in einer so kleinen Besetzung (sechs Violinen, Bratsche, zwei Celli, Kontrabass) gespielt wird wie von "La Risonanza". Man muss sich aber einhören. Ist das erst gelungen, dann wird man belohnt mit einem ungemein weichen, schimmernden Klangbild. Das gibt es weder in anderen Konzertsälen noch daheim. Und genau dieser Klang war es auch, der seine Zuhörer in diesem 1707 von Händel in Rom komponierten Oratorium in die ewige Stadt entführte. Er beflügelte die Phantasie, in jenem Saal eines Palazzos zu sitzen, in dem der 22-jährige Händel sein erlesenes Publikum bei der Uraufführung zunächst in Erstaunen, dann in Entzücken versetzte. Mit Kompositionen wie "Il Trionfo", der dritten größeren Vokalkomposition seit seinem Eintreffen in Rom 1706, hatte sich Händel zum Star der Musikszene zunächst Roms, dann Italiens gemacht. Kein Wunder: In Windeseile hatte sich der gebürtige Sachse den ganzen melodiösen Schmelz seiner italienischen Kollegen Scarlatti und Corelli angeeignet und ihn mit der Sorgfalt des nördlichen Musizierens veredelt. In diesem frühen Stück tritt ein Genie an und ist schon der ganze spätere Händel präsent - darunter die berühmte Arie "Lascia ch'io pianga" aus "Rinaldo", die hier noch "Lascia la spina" heißt und einen Höhepunkt gegen Ende des Oratoriums markiert.
In Regensburg erfuhr es eine rundum sensationelle Aufführung, die ihr Publikum drei Stunden lang in Bann hielt. Nuria Rial (ein wunderbar koloraturfester, strahlender Sopran), Yetzabel Arias Fernandez (eine aus Cuba stammende Sopranistin mit Glut in der dunkel timbrierten Stimme), Elena Biscuola (eine Altistin, die diesen Namen auch verdient) und der polnische Tenor Krystian Adam waren die Solisten. Sollte "La Risonanza" ihre Aufführung je auf CD veröffentlichen, sollte man keine Sekunde zögern und sie kaufen.
Damit hatte der Sonntag weder begonnen noch geendet. Übervoll soll man aus Regensburg davon gehen. Daher gab es vor Händel noch Elisabethanische Musik und Atmosphäre mit dem amerikanischen Ensemble "Ex Umbris" (die eigens für dieses Konzert aus New York gekommen waren), die schöne Strenge des Heinrich Schütz mit der "Chapelle Rhénane" aus dem Elsass und, zum Tagesschluss, den mystischen Zauber der frühen Vokalpolyphonie in der geheimnisvoll beleuchteten Dominikanerkirche mit den sieben Damen von "Discantus" aus Frankreich. Momente, wie sie nur die Räume in Regensburg bieten können.
Laszlo Molnar