Disco Queen im Ehekrach

Foto: Bayer. Theaterakademie

Purcells "The Fairy Queen" als grelles Gegenwartsstück bei der Bayerischen Theaterakademie im Prinzregententheater

(München, 11. Februar 2009)  Die Bayerische Theaterakademie schreckt wirklich vor nichts zurück. In ihren Produktionen aus Schauspiel, Musical, Tanz und Musiktheater schickt sie nicht das allerorten bewährte Programm auf die Bühne, sondern sie traut sich was. Musicals von Steven Sondheim und John la Chiusa, Barockoper von Reinhard Keiser, Musiktheater zu Einar Schleef. Neueste Produktion aus der Kategorie "wenig gespielt": Henry Purcells "semi opera" "The Fairy Queen". Die Kombination aus Schauspiel, Tanz und Musiknummern hatte am Mittwoch im Prinzregententheater Premiere. Mitwirkende sind - in der musikalisch von Christoph Hammer geleiteten Produktion - Studierende der verschiedenen Studiengänge der Bayerischen Theaterakademie und die Neue Hofkapelle München. Sie hinterließ den stärksten Eindruck des Abends.

Auf der Bühne kann bei einem Musiktheater viel passieren. Wenn aber der musikalische Teil nicht stimmt, dann leidet das Ganze. In "The Fairy Queen" im Prinzregententheater ist die Musik ausgezeichnet und trägt dadurch den Abend. Mag es oben noch so ruppig und ungestüm zugehen - stets versöhnen die samtigen Klänge der Originalinstrumente, die aus dem Orchestergraben emporsteigen und die Ohren umschmeicheln. Orchesterleister Christoph Hammer hat sich ganz entschieden den sinnlichen Qualitäten der Partitur gewidmet und seine Musikerinnen und Musiker zu einem ungemein geschmeidigen, pulsierenden Spiel animiert. So gut, so homogen, so stilistisch ganz auf einer Linie kann die Hofkapelle sein. In so einer Verfassung ist sie ein Schmuckstück der Münchner Orchesterszene. Unter den Beiträgen der Sängerinnen und Sänger muss man sich schon wieder auf Kompromisse einlassen. Wirklich überzeugen können die Sopranistinnen Myong-Joo Lee und Sybille Diethelm.

Aber, wie der Name schon sagt, ist eine "Semi-Opera" nur zur Hälfte eine Oper. Die andere besteht aus Schauspiel und Tanz. Im England zu Purcells Zeiten (1659-1695) kannte man die voll entwickelte Oper noch nicht. Die musikalische Vergnügung bestand aus einer Kombination der szenischen Künste. Lieder, Arien und Chöre illustrierten den Fortgang des Schauspiels. Purcell bediente weitgehend diese Konvention - aber bereits 1689 ging er mit seiner einzigen "ganzen" Oper, Dido und Aeneas, eigene Wege. "The Fairy Queen" kam vier Jahre danach.

Die Münchner Aufführung entstand in Koproduktion mit dem Theater Freiburg. Der Regisseur Thomas Krupa war lange Jahre Oberspielleiter und Hausregisseur in Freiburg. Die Vorgänge in Purcells "Halb-Oper" über den Shakespeareschen "Sommernachtstraum" hat er radikal in unsere Zeit verlegt. Dadurch werden sie weder durchsichtiger noch verständlicher - was soll?s, fragt man sich lange Zeit. Nun sind es junge Menschen aus unserer Zeit, die eine große Party feiern und Beziehungskrisen ausleben. Das Paar Titania Oberon kämpft seinen Ehestreit mit den Mitteln der Daily Soap. Der Mann brüllt, die Frau wird auf den Boden geworfen. Im Hintergrund schwenkt die übermütige Partymeute ihre Alkopop-Flaschen und führt zur Chaconne von Purcell Disco-Tänze auf (Choreographie: Ramses Siegl). Puck versprüht Trockeneisnebel als Traumdroge. Die Szenerie ist grellbunt vor finsterem Hintergrund, sie wirkt lärmend und ungehobelt. "Sex" heißt die "Liebe" in unseren Zeiten, da wird nicht lange geschmachtet und geworben, da kommt man zur Sache. In der Übersetzung und dichterischen Nachformung von Durs Grünbein enthüllt Shakespeares Text deutlich handfestere Aspekte als bei Schlegel-Tieck. Schon im Original zeigt Shakespeare, dass er genau wusste, was sich die Menschen zu seiner Zeit zu sagen hatten?

Der Sommernachtstraum war schon immer etwas rätselhaft, als "Fairy Queen" ist er es nicht weniger und auch nicht als die "Disco Queen" im Prinzregententheater. Das Plus der Theaterakademie: hier kann sie in einem Stück mit Riesenbesetzung zeigen, was sie in allen Sparten an Können zu bieten hat.

Laszlo Molnar

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