Stückls grelle Kirchenrevue

Christopher Ventris und Christus. Bild: Bayer. Staatsoper/Wilfried Hösl

Hans Pfitzners Oper "Palestrina" an der Bayerischen Staatsoper in München

(München, 19. Januar 2009). Nun ist es vollbracht, das große Werk: Die Bayerische Staatsoper hat eine der aufwändigsten Premieren gestemmt, die im Opernbetrieb denkbar ist. Am vergangenen Montag Abend ging Hans Pfitzners (1869-1949) "Musikalische Legende" "Palestrina" über die Bühne des Nationaltheaters. Die Regie der Produktion hatte Christian Stückl, Spielleiter der Passionsspiele in Oberammergau und Intendant des Münchner Volkstheaters; die musikalische Leitung liegt bei Simone Young, einer der ganz wenigen Dirigentinnen im Geschäft.

Die dreiaktige Oper wird selten gespielt, und das hat seinen Grund weniger in der Schwierigkeit der Musik als in der anspruchsvollen Besetzung. Der zweite Akt, in dem es um das Tridentiner Konzil (1545 bis 1563) geht, verlangt nach dreizehn Männersolisten, die charakterstark besetzt werden müssen. Kaum ein Opernhaus kann es sich leisten, so viele Solisten dazu zu engagieren. Als problematisch wird das Werk auch wegen der politischen Haltung seines Komponisten und Librettisten - Pfitzner in Personalunion - angesehen, der aus seiner deutschtümelnd-antisemitischen Haltung kein Geheimnis machte. Daher ist "Palestrina" auch für viele Opernkenner eher ein Mythos als eine real erlebte Oper. Die Münchner Premiere hat einiges dazu beigetragen, den Mythos zu entzaubern.

Worum es geht, in aller Kürze: im Zentrum des Konzils von Trient stand auch die Frage, ob Musik in der katholischen Kirche noch einen Platz haben könne. Die alte Vokalpolyphonie galt als zu kompliziert und zu wenig verständlich. Der in Rom wirkende Kirchenmusiker Pierluigi da Palestrina (ca. 1520-1594) wurde die zentrale Figur der Musik-Diskussion. Es gelang ihm, Kompositionen zu schaffen, die die Anforderung an Kunstfertigkeit, Einfachheit und Verständlichkeit erfüllten. Er wurde zum Komponisten der päpstlichen Kapelle ernannt. Die "Musikalische Legende" schildert, wie Palestrina um den neuen Stil ringt, wie das Konzil sich in Machtfragen verstrickt und wie Palestrina seine Anerkennung erhält. Nach Pfitzners Vorstellung soll es um das Ringen des Künstlers um sein Werk und um dessen Freiheit gehen.

Die Regie zeigt vor allem Bilder

Das gibt es im Nationaltheater auch zu sehen: der Komponist am Schreibtisch, bedrängt und bedroht vom Kardinal Borromeo. Das turbulente Gewühl von Kardinälen und Bischöfen in Trient. Der Triumph Palestrinas vor dem Papst. Stückl zeigt, er interpretiert nicht. Zusammen mit Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier entwarf er eine grell überzeichnete und überzogene Kirchengesellschaft, die sich in steifem Gehabe ergeht und den Popanz heraushängen lässt. Einzig Palestrina zeigt er als Menschen - unserer Zeit - im schlichten Anzug, ungeschminkt. Alle anderen verstecken ihre wahren Gesichter hinter mit dickem Schwarz überzeichneten Fratzen. Und während diese sich in formelhaften Bewegungen ergehen, bewegen sich Palestrina und die Seinen ganz normal. Grellbunte Engelserscheinungen zeigen allerdings auch in der "normalen" Welt, dass es mit dieser Kirche etwas ganz Besonderes auf sich hat.

Viele Details sind nicht stimmig: Einer der Bischöfe schleckt beim Konzil ein Eis; die obersten Chefs kommen in endlos langen Stretch-Limousinen an; am Beginn des dritten Aktes bügelt Palestrinas Sohn Ighino des Vaters Kleider; Palestrinas tote Frau Lukrezia trägt ebenso einen überdimensionalen Pappkopf wie der lebende Papst Pius IV. . Stückl scheut sich nicht vor Stilbrüchen, aber sie sind unmotiviert und liefern keine Erkenntnis. Allerdings brechen sie das letztlich doch geschlossene Bild einer streng graphisch abstrakten Welt, mit der Hageneier den Bühnenraum schön gegliedert hat. Der zweite Akt, das Konzil, wirkt wie ein bizarrer Tanz in einer anti-klerikalen Hauptstadtrevue. Diesen Akt kann man überhaupt nicht ernst nehmen, er könnte auch wegbleiben. Da hat Pfitzner auch psychologisch ambitionierteren Regisseuren als Stückl keine brauchbare Vorlage gegeben. Ob man es, wie hier, als Karikatur zeigt, oder es "ernst" nähme - es ist und bleibt pure Geschwätzigkeit.

Die Musik trägt den Abend mit starken Klangfarben

Was diesen Abend - und jede Aufführung von "Palestrina" - trägt, das ist die Musik. Sie wird vom Bayerischen Staatsorchester unter Simone Young eher analytisch nüchtern als aufbrausend ekstatisch vorgeführt. Das schränkt auf die Dauer der dreieinhalb Stunden ihre Ausdrucksfähigkeit doch ein. Young traut sich nicht zur großen Geste, zum Überschwang, der doch in der weiträumigen Partitur angelegt ist. Aber sie arbeitet gründlich an den Klangfarben, die die Musiker des Orchesters prächtig und mit starker Kontur zur Geltung bringen. Immer wieder gibt es ausgesprochen schöne, zum Genießen einladende Momente. Gesungen wird durchweg ausgezeichnet und lustvoll. Der aus London stammende Tenor Christopher Ventris in der Titelrolle ist in jeder Hinsicht präsent, einen Schuss mehr heldentenoralen Glanzes würde man seiner Darbietung schon wünschen. Mit Falk Struckmann (Borromeo), Roland Bracht (Kardinal Madruscht), Michale Volle (Giovanni Morone) sind auch weitere Rollen luxuriös, oder, wie im Falle von Christiane Karg (Palestrinas Sohn Inghino) und Gabriela Scherer (sein Schüler Silla), treffend besetzt.

Was ist also herausgekommen bei dem Wagnis? Szenisch starke Bilder aber keine Erkenntnis, musikalisch eine solide Arbeit mit sehr schönen Momenten und insgesamt ein gar nicht langweiliger Opernabend.

Laszlo Molnar

Weitere Aufführungen am Fr 23. , Mi 28. Januar, So 1. und So 8. Februar 2009. Weitere Information