Die andere Seite des Franz Schubert

Der Pianist Gerhard Oppitz spielte im Herkulessaal der Münchner Residenz Sonaten von Schubert

(München, 28. April 2009). Gerhard Oppitz spielte am Dienstag Abend im Winderstein-Konzert ein allein Franz Schubert gewidmetes Programm. Es gefalle ihm, so sagte er im KlassikInfo-Porträt, monolitische Programme zu interpretieren. Aber er könne sich auch nicht ein ganzes Jahr nur einem Komponisten widmen. So konzentriert er zwar für den Abend das Augenmerk auf die Eigenheiten eines Komponisten, hält sich aber offen für die fruchtbaren Einflüsse, die von verschiedenen Stilen aufeinander ausgehen.

Bei Schubert dominieren für ihn die Kantabilität, bei Beethoven die Dramatik, meinte er im KI-Porträt. Und kurz vor dem Gespräch dafür war Gerhard Oppitz aus Japan zurückgekommen, wo er viel Beethoven gespielt hatte. Das hat auf seine Schubert-Auffassung nachgewirkt. Im Herkulessaal gab er einen Schubert zu hören, der andere Seiten hervorkehrte. Eben tatsächlich die des dramatisch denkenden Komponisten, der Lieder schrieb und von Opern träumte (und auch die dann schrieb).  Ob in der Sonate a-moll, D 537, der Wanderer-Fantasie D 760 oder der großen A-Dur-Sonate, D 959: Oppitz kehrte das Strukturelle hervor, schuf Spannung zwischen den Motiven und gab ihrer Durchführung große Energie und festen Ton.

Die ersten Momente ließen massiv am bekannten Schubert-Bild zweifeln. Das soll der Wiener Schubert sein, der über jedem seiner Stücke Melancholie wehen lässt, der in allem das Vergängliche und Endliche sieht? Oppitz spielt viel Brahms, und von der Robustheit des Deutschen überträgt er viel auf Schubert. Selten erschien die Wanderer-Fantasie so kompakt, in so festem Griff wie bei Oppitz, und nur selten erlebt man Schuberts Sonaten so instrumental, so strukturell gedacht.

Da trägt Oppitz Wesentliches zum Schubert-Verständnis bei, auch wenn es etwas auf Kosten des "Zaubers" und der Selbstvergessenheit der Musik, ihrer Ideen geht. Oppitz verzichtet auf Duft im Anschlag, auf das Nachspüren eines Klanges. Damit aber zeigt er den anderen Schubert, der immer wieder hinter dem Träumer und Melancholiker verschwinden muss: den hochbegabten, technisch perfekt versierten Komponisten, der mit seiner Musik ohne falsche Bescheidenheit persönliche Erfolge erringen wollte.

Laszlo Molnar