"Under construction" hieß eine Reihe der ersten Opernfestspiele der Bayerischen Staatsoper unter Nikolaus Bachler. Das Festival erwies sich als wohl gebaut und abwechlungsreich.
(München, 31. Juli 2009) Am Ende der ersten Opernfestspiele unter Intendant Nikolaus Bachler in München stand nicht - wie traditionell - "Die Meistersinger von Nürnberg", sondern "Falstaff" in festspielwürdiger Besetzung, darunter Ambrogio Maestri, Anja Harteros, Michael Volle, die erzkomische Marie-Nicole Lemieux (Mrs Quickly) und die gerade berückend fein singende Elena Tsallagova (Nanetta). Ein umfangreicher Verdi-Schwerpunkt, der auch Bachlers erste Produktion, Martin Kusejs umstrittene "Macbeth"-Inszenierung vom Herbst letzten Jahres, noch einmal präsentierte, fand so einen schönen Abschluss.
Zu etwas Besonderem wurden die diesjährigen Festspiele nicht nur durch hochkarätige Opern-Aufführungen im "Ozeandampfer Nationaltheater" (Bachler), sondern durch die zahlreichen Aktivitäten, die rund um das "Under construction"-Zelt auf dem Marstallplatz stattfanden. Das begann mit den Lohengrin-Piraten, die die Übertragung der Premiere auf den Max-Joseph-Platz im Zelt audiovisuell verfremden durften und das sehr originell, vor allem aber sehr witzig taten. Es ging weiter mit einem gelungenen Konzert des Mahler Chamber Orchestra, das Anaïk Morel bei den Wesendonk-Liedern begleitete und dazu noch eine Reihe Johann-Strauß-Walzern in Arragements von Anton Webern, Arnold Schönberg und Alban Berg spielte. Dann gab es noch eine Libretto-Werkstatt, die einmal den Blick auf den Text einer Oper focussierte - mit exzellenter Lesung von Libretti aus der Feder von Tieck und Grillparzer sowie Diskussion mit den Komponisten Peter Ruzicka, Jay Schwartz und Miroslav Srnka sowie dem Librettoforscher Christian Geltinger.
"Kaminski on Air" nannte sich das Gastspiel des Deutschen Theaters mit Stefan Kaminski, der an vier Abenden Wagners Ring-Tetralogie als Live-Hörspiel in den Marstall brachte. Zusammen mit Hella von Ploetz (Glasharfe) und Sebastian Hilken (Kontrabass, Percussion) war das etwa beim "Rheingold" ein wilder Mix aus Wagners Text, neu erfundener Musik und Geräuschen, teils urkomisch, teils hochspannend, manchmal aber auch in der Travestie, mit der Kaminski weibliche Stimmen imitierte, nervend. Auch die virtuose "Irmingard" von Mnozil Brass - sieben Blechbläser auf der Suche nach der ultimativen Oper - war ein höchst schräges, parodistisches Vergnügen auf der leeren Bühne des ausverkauften (!) Nationaltheater.
Besonders originell war die Idee, 12 Intimkonzerte zu veranstalten, bei denen man in einem schwarz ausgeschlagenen Container für eine Viertelstunde allein auf einen Sänger (nebst Pianisten) traf, mit dem man reden konnte, der einem vorsang, den man kritisieren oder loben durfte. Laura Nicorescu war eine zauberhafte Susanna und Pamina, Charles Maxwell konnte man mit "Ombra mai fu" und einem Spiritual erleben und Christian van Horn ließ sich bei der Einstudierung von Mozarts Figaro-Graf über die Schulter blicken.
Schorsch Kamerun, Sänger der "Goldenen Zitronen", inszenierte im Rokoko-Schmuckkästchen des Cuvilliés-Theaters seine erste Oper: Leonard Bernsteins herrlich satirische Ehekomödie "Trouble in Tahiti" wurde bei ihm zum aufwändigen und prallen Theater mit (allzu) viel Bühnenzauber, der die Protagonisten Beth Clayton und Rod Gilfry, aber auch die von Kent Nagano dirigierte Musik fast in den Hintergrund rückte. Die Uraufführung von Jay Schwartz' "Narcissus und Echo" bestach in der Allerheiligen Hofkirche vor allem durch einen enorm sinnlich singenden schwarzen Counter-Tenor (Charles Maxwell) in der Rolle des in sein Spiegelbild verliebten Jünglings, während auch hier die Inszenierung (Christiane Pohle) ein wenig am Stück vorbeiging und den intimen musikalischen Dialog von Bratsche, Stimme, Schlagzeug und Orgel durch Nebenhandlungen nicht steigerte, sondern eher von ihm ablenkte.
Klaus Kalchschmid