CD: Joseph Haydn: Streichquartette
Op. 64,4; 74,3 und 76,5
Minetti-Quartett
Hänssler Classic CD 98.589, 1CD
Dutzende von Neuerscheinungen gibt es auf dem Klassik-CD-Markt allmonatlich nach wie vor. Aber echte Entdeckungen, Sensationen, die eine Gänsehaut auslösen und die Hörgewohnheiten neu definieren? Wenige.
Voila, hier ist nun eine. Präzise platziert zum Haydn-Jahr, ein Geschenk allerhöchster Güte für Haydn als auch für "seine" Zuhörer. Und auch ein Geschenk an die anspruchsvolle Welt des Streichquartetts, die durch die Auflösung des Alban Berg-Quartetts um eine ihrer größten Kostbarkeiten ärmer wurde.
Das junge Minetti-Quartett (es hat sich benannt nach dem Lieblingsschauspieler Thomas Bernhards, Bernhard Minetti) betritt nun die Medien-Bühne. Mit dieser CD gibt es das Versprechen ab, dass es in der Lage ist, das Erbe der Alban Berg-Musiker anzutreten. Denn ihnen war eigentlich nichts vergleichbar. Keines der neuen Quartette hat es geschafft, diese unnachahmliche Kombination von exakter Intonation, brillantem Ton, scheinbar schwereloser Bogenführung und dabei geradezu schmerzlich süßer Wärme des Timbres zu erreichen. Aber die Minettis...
Vier junge Musiker aus Österreich, Maria Ehmer, Anna Knopp, Markus Huber und Leonhard Roczek. Sie fanden sich an der Wiener Musikuniversität und erhielten dort die denkbar beste Betreuung: durch Mitglieder des Artis- und des Alban Berg-Quartetts. Geradezu unbehelligt vom Stress des Musikbetriebs zogen sie ihre Bahn von einem Preis zum nächsten: 2003 Gradus ad Parnassum Österreich, 2004 Journalistenpreis beim Kammermusikwettbewerb in Trapani, 2006 Streichquarett-Wettbewerb Graz, 2007 Preise in Florenz und Wien.
Für die Saison 2008/09 wurde das Minetti Quartett für den renommierten Konzertzyklus "Rising Stars" ausgewählt, der die Musiker in die berühmtesten Konzerthäuser der Welt führt, darunter die Kölner Philharmonie, Cité de la Musique Paris, Philharmonie Luxembourg, Concertgebouw Amsterdam, Palais des Beaux Arts Brüssel, Stockholmer Konserthuset, Birmingham Symphony Hall, Megaron Athen, Festspielhaus Baden-Baden, Stiftung Mozarteum Salzburg sowie der Wiener Musikverein.
Ich war einer der Juroren in Trapani, und der Auftritt des Minetti-Quartetts, das erst in letzter Sekunde seine Teilnahme eingereicht hatte, war eines jener Gänsehaut- und schlaflose-Nacht-Erlebnisse. Sie spielten Schubert, frei, ungezwungen, perlend, aber: ohne Scheu vor den Abgründen, vor dem Schmerz, vor der Melancholie ganz einsamer, verlassener Töne.
Das war in diesem Moment ihre große Kunst, und diese haben sie vertieft. Die Haydn-CD enthält alles davon. Die drei Quartette G-Dur, op. 64,4; g-moll, op. 74,3 und D-Dur, op. 76,5, geben ganz verschiedene Stimmungen wieder. G-Dur ist optimistisch und jubiliert; g-moll zeigt eine finstere Energie und D-Dur gibt sich zögernd heiter, als sei es von Natur aus schüchtern. Nun bringen es die Minetti-Musiker fertig, jeden dieser Charaktere auszuloten und zu spüren zu geben, ohne der Musik etwas Außermusikalisches aufzuzwingen. Vor allem auffallend ist die Leichtigkeit des Tons, seine vollkommene Selbstverständlichkeit. Es klingt, als sprächen die Musikerinnen und Musiker durch ihre Instrumente. Als Zuhörer nimmt man das als Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit wahr. Dazu kommt eine zauberhafte Sinnlichkeit des Tons, die einzig aus vollendeter Beherrschung der Instrumente stammt, vergleichbar der pianistischen Anschlagsskunst eines Alfred Brendel. Die ganze Schönheit der Töne entfalten die Minettis quasi erst im Abgang: Sie bringen ihn da nochmals zur Blüte, wo er eigentlich schon enden will. Das gibt ihnen schier endlos modulationsfähige Werkzeuge in die Hand, mit der sie jeder Stimmung einer Komposition ohne Mühe folgen können.
Beherrscht, gesteuert wird das von einer hellwachen musikalischen Intelligenz, die dem Esprit Haydns mehr als Ehre antut, und von einer fundierten Kenntnis der musikalischen Rhetorik. In den hochraffinierten Klang der Alban Berg-Schule binden die Minetti-Musiker die aufführungspraktischen Kenntnisse der Musiker des "Quatuor Mosaiques" ein, jener anderen singulären Quartettgruppe aus Österreich. So viel Aufregendes, so viel Gutes hat man schon lange nicht mehr bei einer CD-Neuerscheinung erlebt. Dieser Auftritt des Minetti-Quartetts ist eine Sensation. Und er verspricht, dass es davon bei den "Minettis" noch mehr geben wird.
Laszlo Molnar