Händel spricht durch Mendelssohn

Felix Mendelssohn-Bartholdy/Georg Friedrich Händel: Acis und Galatea.
Kleiter, Pregardien, Slattery, Friedrich, NDR-Chor, Festspiel-Orchester Göttingen; Leitung: Nicholas McGegan. Carus-Verlag, 1 SACD

Felix Mendelssohn-Bartholdy schöpfte einen großen Teil seiner kompositorischen Kraft aus dem Studium der "alten" Meister. Sein Lehrer Karl-Friedrich Zelter, der Leiter der Berliner Singakademi, hatte ihn mit der Orgelmusik Bachs bekanntgemacht. Und als Mitglied dieser Akademie begegnete Mendelssohn dann der Musik Händels, die er später für von ihm geleitete Aufführungen einrichtete.
Das Einrichten vorhandener Kompositionen hatte viele praktische Gründe: etliche der Instrumente aus der Zeit verstorbener Komponisten waren nicht mehr in Gebrauch: etwa die Blockflöte; die Konzerträume waren deutlich größer, auch die Zahl der mitwirkenden Musiker. Seine Bearbeitung der schon zu Händels Zeiten höchst beliebten "Masque" "Acis and Galatea" markiert, zusammen mit dem "Dettinger Te Deum", den Beginn von Mendelssohns Beschäftigung mit Händels Musik. Für eine Aufführung in der Berliner Singakademie arrangierte er 1828/29 "Acis und Galatea" für eine größere und stärkere Orchesterbesetzung. Er ergänzte an ausgewählten Stellen die fehlende Bratschen-Stimme (für die Uraufführung 1718 auf dem Landsitz Cannons des Earl of Chandos ließ Händel die Bratschen aus, weil sie im dortigen Orchester fehlten) und reicherte den Satz in den Bläsern deutlich an: mit zwei Klarinetten, zwei Flöten und zwei Hörnern (hier übernahm Mendelssohns Mozarts Bearbeitung von "Acis" aus dem Jahr 1788), mit zwei weiteren Flöten, Trompeten und Pauken. Die deutsche Textfassung des englischen Originals stammt von Fanny Hensel, Mendelssohns Schwester. Mendelssohn griff auch in die Faktur ein: etliche Da-Capi ließ er aus, für die Rezitative schrieb er eine Streicherbegleitung.

Unwiderstehlich charmant und farbig

Diese Ersteinspielung der Mendelssohn-Fassung von Händels so unwiderstehlich charmanter und bildkräftiger "Masque" stammt von den Göttinger Händel-Festspielen 2008. Im Chor singen 50 Damen und Herren, das Orchester, auf Originalinstrumenten, besteht aus 38 Musikerinnen und Musikern. Es entsteht ein ungemein farbiger, käftiger, festlicher Klang, und trotzdem bleibt er duftig, transparent und durchhörbar. Händel bleibt Händel; seine Musik spricht die selbe Sprache, aber in einem anderen Dialekt. Mendelssohns Zufügungen sind jederzeit in Musik und Text begründbar; etwa der Paukenwirbel, als der Riese Polyphem den Schäfer Acis erschlägt. Die milde Intensität der von Händel hier großzügig eingesetzten Blockflöte wird durch das zarte Wehen der alten Querflöten sinnvoll ersetzt. Vielleicht noch mehr als auf die Bearbeitungspraxis zu Mendelssohns Zeit wirft diese exzellente, musikalisch voll engagierte und spannungsvolle Aufführung ein Licht auf die Aufführungspraxis bei Mendelssohn: Artikulation und Klangfarben der "romantischen" Mittel verbinden sich nahtlos mit der barocken Musik. Sie geben ihr, anstatt sie zu verdicken oder sie aufzublasen, Tiefe und Raum. Es ist mehr als plausibel, dass Mendelssohn auch für seine eigenen Werke einen solchen Klang gewünscht und geplant haben muss. So gesehen, ist "Acis und Galatea" auch für Mendelssohns Musik eine große, wichtige Entdeckung.
Im Solistenquartett brilliert Julia Kleiter mit ihrem runden, strahlenden, bombenfest intonierenden Sopran - kein Wunder, sie ist längst der neue Star der Opernbühnen. Die Herren Christoph Pregardien, Michael Slattery und Wolf Matthias Friedrich machen ihre Sache sehr anständig, aber nicht ganz auf dem Niveau ihrer Kollegin. Toll der großbesetzte NDR-Chor, und das Orchester wurde ja schon hinlänglich gelobt. Eine Bereicherung für den Händel-Fan, eine faszinierende Entdeckung für den Mendelssohn-Freund.

Laszlo Molnar

 

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