Manfred Honeck erschlägt in Stuttgart "Lohengrin" mit dem Lautstärke-Hammer, die Regie lässt die Oper zum Oratorium erstarren
(Stuttgart, 29. März 2009) Am Ende holte der Regisseur (in Personalunion mit Bühnen- und Kostümbildner) den Chor doch noch von seinen vier gestaffelten Emporen auf den Bühnen-Boden herunter - und das Publikum nahm mit Erstaunen wahr, dass die von Kopf bis Fuß geweisselten Männer - und auch die Frauen - einen Brustpanzer mit stilisiertem Sixpack tragen. Oder hat das doch einer der beiden Spielleiter veranlasst bzw. gar der Dirigent, nachdem vor gut einer Woche Differenzen über die Choraufstellung und ihre akustischen Konsequenzen zwischen GMD Manfred Honeck und Stanislas Nordey dazu führten, dass dieser seine Regie niederlegte. Wenn es allerdings ein akustisches Problem jemals gegeben haben sollte, dann heißt dieses Problem Manfred Honeck. Nach dessen teilweise in den Ohren geradezu klirrender und geradezu schmerzender Interpretation - nicht nur, wenn Chor, Orchester und die Bühnentrompeten aufeinander trafen - mutet es geradezu grotesk an, dass in einer Presseinformation darauf hingewiesen wird, dass der musikalische Leiter "vor allem auf das Lyrische, Filigrane und Transparente dieser Partitur setzt." Irgendwo muss sich da jemand verhört oder vertippt haben.
Dass aber nicht nur der GMD, sondern offensichtlich auch der sonst darstellerisch wie sängerisch phänomenale Stuttgarter Chor sich Nordeys Konzept der oratorischen Reduktion verweigerten, ja es boykottierten, wird schon daran ersichtlich, dass immer nur etwa Dreiviertel des Kollektivs die synchronen Gesten ohne erhebliche Zeitverzögerung hinbekamen. Das sah aus wie schlechtes Stadttheater und hat die wie auch immer gelungene Stilisierung mutwillig torpediert.
Die Solisten machten diesbezüglich das Beste aus der Situation, dass ihnen psychologisch motivierte Gesten verweigert und stattdessen Armbewegungen und eine Gestik abverlangt wurden, die doch arg an das Rampen, Steh- und Händering-Theater früherer Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte erinnerte. Und ein jeweils halbstündiger Regen weißer (1. Akt) und roter Papierschnipsel (2. Akt) samt ebensolcher Rosen macht auch noch keine Lohengrin-Deutung aus, sondern ist derart schal dekorativ, dass es noch nicht einmal die koproduzierende Nikikai Opera Foundation Tokyo erfreuen dürfte, zumal natürlich weder Schwan, noch Münster noch Brautbett auch nur in Andeutung zu erahnen sind.
Nur Wolfgang Koch gelang auf nachtschwarzer, leerer Bühne als Telramund die Quadratur des Kreises, noch die simpel immer wieder gen Himmel gereckten Arme mit Spannung aufzuladen und einen gefährlich cholerischen Charakter zu formen. Seinen intensiven, virilen Heldenbariton setzte er mit kluger Stimmtechnik und enormer Bühnenpräsenz ein, während Barbara Schneider-Hofstetter als Ortrud allzu sehr in ihre mit voller Kraft herausgeschleuderte Attacke verliebt war. Trotzdem wurde die Szene der beiden zu Beginn des zweiten Akts zum dramatischen Höhepunkt des Abends. Bei der Elsa von Mary Mills war unüberhörbar, dass sie sich von leichten, lyrischen Partien zu dieser jugendlich-dramatischen hochgearbeitet hat. Das machte sich in einer manchmal etwas spitzen Höhe und wenig strahlendem Schmelz in der Stimme bemerkbar. Leider war sie auch optisch das Abziehbild des braven, blondgelockten Hollywood-Girls der 50er Jahre. Scott MacAllister kann man nach nur wenigen Tagen Proben die szenische Unbeholfenheit nicht vorwerfen. Und überraschenderweise ließ er im ersten Akt eine schöne, wunderbar jungheldische Stimme hören, was sich in den beiden folgenden Akten leider etwas verflüchtigte. Solide präsentierte sich Attila Jun als stimmgewaltiger König Heinrich und Adam Kim als respektabler Heerrufer.
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen am 2., 8., 13., 19., 25. April und 3. Mai 2009
www.staatstheater-stuttgart.de