Eine Academie mit Haydn

Bei "Mittwochs um halb acht" befasste sich das Rundfunkorchester München im Prinzregententheater mit Haydn und seinem Arbeitgeber, den Fürsten Esterházy.

(München, 15. Oktober 2009) Haydn und den Esterházys konnte man am Mittwoch un halb acht im Prinzregententheater in München begegnen. Beides war wörtlich zu nehmen: Das Münchner Rundfunkorchester spielte unter der Leitung von Frans Brüggen Stücke aus Sinfonien und Opern Haydns und der Hörfunkdirektor des BR, Johannes Grotzky, sprach mit einem Nachfahren von Haydns einstmaligem Arbeitgeber, dem Fürstenhaus Eszterházy. Franz Graf Esterházy de Galántha arbeitet für einen Münchner Filmproduzenten und hatte einiges aus der Geschichte seiner Familie, deren Schlösser und  Kunstleidenschaft zu berichten.

Das Münchner Rundfunkorchester mit seine 57 Planstellen hat genau die richtige Größe, um Haydns Sinfonik klangstark und detailgenau zugleich zum Klingen zu bringen. Frans Brüggen, einst ein Pionier des Blockflötenspiels und danach, als Dirigent, der historischen Aufführungspraxis, ist schon ein gebrechlicher Herr. Aber aus seinen sparsamen Gesten spricht jede Menge Energie, die das Orchester in ein differenziertes, lebendiges Spiel umsetzte. Dies ist sicher auch Konzertmeister Alexander Janiczek zu verdanken. Er war lange Jahre Konzertmeister der Camerata Salzburg unter Sándor Végh, einem ganz besonderen Könner kammermusikalischer Orchesterarbeit. So erwies sich das Rundfunkorchester in den Sätzen aus Haydn-Sinfonien aus verschiedenen Schaffensperioden des Meisters als sehr anpassungsfähig. Die Meriten der historisch informierten Aufführungspraxis waren doch unüberhörbar.

Das Konzert war aufgebaut wie einer jener "Academien", in denen Komponisten der Klassik Höhepunkte aus ihrem Schaffen dem Publikum vorstellten. Dort gab es meist auch nur Sätze aus einzelnen Werken zu hören und eine Komposition ganz: hier war es die Sinfonie Nr 47, G-Dur, ein frisches, humoriges Werk, das den Haydn der Esterházys bei bester Laune zeigt. Haydn arbeitete über 30 Jahre in den Diensten der Fürsten. Er schätzte die Abgeschiedenheit der Schlösser in Eisenstadt und am Neusiedler See. Dort konnte er in aller Ruhe mit einen ausgezeichneten Orchester an seinen Sinfonien tüfteln, Experimente damit wagen und an seinem späteren internationalen Ruhm arbeiten.

Simone Kermes, eine Primadonna?

Sogar ein Opernhaus gab es auf Schloss Eszterháza am Neusiedler See. Dafür schrieb Haydn auch eigene Werke. Daraus sang im Prinzregententheater die Sopranistin Simone Kermes virtuose Arien. Haydn bediente in seinen Opern vorwiegend den Zeitgeschmack, der nach starken Stimmungen und bravourösen Arien verlangte. Simone Kermes wird derzeit sehr gepuscht und als "primadonna assoluta" des Barockgesangs vermarktet. In ihrer schier unerschütterlichen Koloraturfestigkeit  mag das seine Begründung haben. Sie trifft wirklich genau jeden Ton, macht ihm im Verlauf der Koloratur auch klar hörbar und landet punktgenau. Aber jenseits des Töne-Wirbels bereitet ihre Stimme nur wenig Freude. Sie klingt eng, gepresst, rau, ohne spezifisches Timbre, sie verbindet die Register nicht gut und wirkt rundum inhomogen. Ihr Forte ist vordergründig laut, die Piani wirken erzwungen und tragen kaum. Dazu artikuliert Kermes Italienisch, als wolle sie bewusst zeigen, wie der deutsche Akzent klingen muss. Nein, wer Kermes als "primadonna" bezeichnen will, sollte zuerst einmal anhören, wie Julia Kleiter, Genia Kühmeier, Natalie Dessay oder Patricia Petibon Barockmusik singen.

Aber es war ein rundum vergnüglicher Abend. Gut geplant, gut gelungen. Johannes Grotzky stellte präzis gefasste Fragen, auf die Graf Esterházy konzentriert-informative Antworten gab. Nicht nur die Bandbreite von Haydns Musik kam gut und stilistisch kompetent zum Tragen -  auch sein Leben erhielt eine kräftige Farbe.

Laszlo Molnar

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Dienstag, 27-10-09 22:29

Gabi Pedretzki aus München

Ach Gott, warum schreibt einer, der keine Ahnung von Stimmen zu haben scheint, über eine Sängerin wie Simone Kermes? "...eng, gepresst, rau, ohne spezifisches Timbre..." - man stelle sich genau das Gegenteil vor, will man in etwa eine Vorstellung von der musikalischen Physiognomie dieser aussergewöhnlichen Künstlerin bekommen. Nein, hier scheint der Wind aus einer anderen Richtung zu blasen. Das verräterische Wort steht in Zeile 7 des zweitletzten Abschnitts. Das verräterische Wort heisst "vermarkten". Wer vermarktet wird, sich selbst vermarktet, sich vermarkten lässt, sprich: sich also (und auch noch erfolgreich!) auf einem Markt präsentiert, der kann ja nicht gut sein. Der/die ist verdächtig. Der/die hat einen Dämpfer verdient. Den/die schreiben wir jetzt mal nieder. Kunst hat gefälligst erfolglos, sprich VERMARKTUNGSFREI zu sein! Zumal wenn es sich um Barockmusik handelt. Auch wenn sie von Haydn ist. Der hat zwar nicht im Barock gelebt, aber das merkt ja eh keiner...

 

Freitag, 16-10-09 14:04

Christoph Dedring aus München

Guten Tag,
selten habe ich eine so schlecht geschriebene Kritik wie die zum Kozert des Münchener Rundfunkorchesters gelesen. Und zwar bin ich mit Ihrer Kritik zu Simone Kermes ganz und gar nicht einverstanden. Wenn sie so gesungen hätte, wie sie es beschrieben haben (eng, gepresst, rau, inhomogen) hätte sie sicherlich nicht, wie geschehen, den größten Applaus von allen Beteiligten erhalten. Außerdem ging es ja gar nicht um Barockmusik (was bitte schön hat Haydn damit zu tun??), also können Sie auch gar nicht sagen, dass man die von ihnen genannten Sängerinnen mit Barockmusik zuerst hören solle. Es ging ja um Haydn. Und wenn Sie schreiben, dass Simone Kermes kein spezielles Timbre hätte, haben Sie wahrscheinlich noch kein Solokonzert von ihr gesehen, wo sie Händel oder die Neapolitaner oder Purcell singt. Mir jedenfalls (und da bin ich ja nicht der einzige) hat Sie gerade in Livekonzerten schon oft eine Gänsehaut gemacht.
Beim Münchner Rundfunkorchester hatte ich am Mittwoch oft den Eindruck, dass es die Ausschnitte aus den Hayd-. Sinfonien ehher routiniert heruntergespielt haben, wobei mir die schnelleren Sätze besser gefallen haben als die langsameren.

Christoph Dedring