Am Pfingstsonntag vor 200 Jahren starb Joseph Haydn. Einige Bücher-Neuerscheinungen helfen, sein Werk richtig zu bewerten.
Das Klischee vom "Papa Haydn" hält sich hartnäckig. Und es ist leider immer noch zutreffend, dass Joseph Haydn nach wie vor im Schatten eines Beethoven oder Mozart steht. Dabei hatte der Älteste der Wiener Klassiker mit Symphonie und Streichquartett nicht nur zwei musikalische Gattungen geradezu begründet, sondern über Jahrzehnte in ihnen eine originelles Meisterwerk nach dem anderen geschaffen. Der Witz und das Raffinement, mit dem Haydn die Erwartungshaltung des Hörers immer wieder täuscht und dann doch durch die Hintertür befriedigt, ist eine einzigartige Qualität des Komponisten, die jedes Opus zu einer Schatztruhe macht, deren Inhalt sich beim wiederholten Hören und in exzellenten Interpretationen erst ganz erschließt.
Auch in der Vokalmusik entstand so Großartiges und Originäres wie die Oratorien "Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten" oder die sechs späten Messen. Schon letztere sind jedoch nicht allzu bekannt. Aber wer mag behaupten, auch nur eine von Haydns erhaltenen elf Opern je auf der Bühne gesehen zu haben oder sie überhaupt zu kennen. Ganz zu schweigen von den 126 (!) Baryton-Trios, den Klaviertrios oder den wunderbaren Bearbeitungen von an die 300 (!) vornehmlich schottischer Melodien für Stimme und Geige mit Generalbass oder Klaviertrio.
Über das Leben Haydn ist relativ wenig bekannt und jede Monographie muss sich diesem Faktum stellen. Entsprechend konzentriert sich Ludwig Finschers informative, vielfach ins Detail gehende, aber auch klug bündelnde 500 Seiten starke Monographie (Laaber 2000, 39.90 Euro) auf die Musik, nicht ohne überlieferte biographische Bezüge geschickt einzubeziehen. Die historischen Querverweise der umfangreichen tabellarischen "Chronik" auf gut 70 Seiten sind in diesem Zusammenhang äußerst lehrreich. Ebenso verschränkt Finscher in den ersten Kapiteln musikologische Deutungen mit biographischen Hintergründen. Später widmet er den einzelnen Gattungen umfangreiche Kapitel. Ein spannender Exkurs erörtert die Problematik und den Reiz der verschiedenen Fassungen der "Sieben letzten Worte Jesu am Kreuz" (Orchester, Streichquartett, Oratorium). In "Musikalische Logik" sowie "Logik, Witz und Humor" wird in profunder Kenntnis des Gesamtwerks gattungsübergreifend Haydns Komponieren und seine Ästhetik vor dem Hintergrund zahlreicher Quellen erhellt.
Gerade weil der Metzler-Verlag seine Reihe mit gewichtigen Handbüchern (Mozart, Schubert, Schumann, Verdi) zwar um Beethoven und Brahms erweitern wird, Haydn aber auf absehbare Zeit außen vor lässt, ist Finschers Buch als umfassendes Standardwerk unverzichtbar.
Die sonst so verdienstreiche Reihe der kleinen, aber feinen Komponisten-Monographien bei C.H. Beck's Wissen (zuletzt Mendelssohn und Händel) erfährt bei Arnold Werner-Jensen leider keine Fortsetzung. Denn nicht nur der betuliche Stil des 68-jährigen, renommierten Musikwissenschaftlers und -publizisten sowie sein penetrantes "Wir" stören von der ersten bis zur letzten Seite. Auch die Substanz des Bändchens bleibt dürftig, von wenigen Kapiteln abgesehen. Mögen die fünf Seiten zum Streichquartett informativ, prägnant und präzise sein, die ebenfalls fünf Seiten zu den Opern sind schlicht ein Ärgernis: Sie heben einerseits Qualitäten des Opernkomponisten hervor, kritisieren aber immer wieder ebenso pauschal wie unbegründet und strotzen vor Widersprüchlichkeiten, ja falschen Fakten. Etwa dass Haydns letzte Oper "L'anima del filosofo", dessen Schluss nicht überliefert ist, "nur sehr unvollständig erhalten und deshalb auch kaum für die Bühne geeignet" sei. Die Rettung in Zitate aus Ludwig Finschers Buch macht die Sache nicht besser und offenbart die Unsicherheit des Autors nicht nur auf diesem Gebiet.
Lesenswerter sind in der gleichen Reihe die Bändchen zu Streichquartett (Georg Feder), Symphonien (Michael Walter) und - neu - zu den Oratorien (Gottfried Scholz). Nur schade, dass hier die bedeutenden Messen lediglich gestreift werden und es (noch) keine Publikation in dieser Reihe zu den Opern gibt.
Klaus Kalchschmid