Händel und seine Zeitgenossen. Eine biographische Enzyklopädie
Von Hans Joachim Marx 2 Bände mit zus. 1.125 Seiten und 217, größtenteils farbigen Abb. Geb. 178 Euro.
Georg Friedrich Händel, dessen 250. Todestag die Musikwelt in diesem Jahr gedenkt, war eine schillernde Persönlichkeit. Anfangs ein Kosmopolit, der sich die Herzen der führenden Schichten Italiens und Englands eroberte, verbrachte er doch fünfzig Jahre seines Lebens ortsfest in seiner Wahlheimat London. Er war zu seiner Zeit der gefeiertste Komponist Englands, mischte sich aber kaum in das Gesellschaftsleben. Er war ein Komponist von außerordentlichem Geschmack und einzigartiger Geläufigkeit und zugleich ein hartgesottener Geschäftsmann, der viele Mittel kannte, seine Konkurrenz in Schach zu halten und seinen Wohlstand zu mehren. Das alles mag mit die gewisse Grandezza erklären, die jeder seiner Kompositionen innewohnt, dieses etwas Hochfliegende und Pompöse, das seine Musik von der seines bedeutendsten Zeitgenossen, Johann Sebastian Bachs, unterscheidet.
Mehr als Bach ist Händel auch ein Rätsel. Er lebte alleine und ganz seiner Arbeit verpflichtet. Es gibt daher nur wenige schriftliche Dokumente, die über sein Leben und seine Arbeit Auskunft geben würden. Das meiste seiner Lebensgeschichte muss aus Mitteilungen von Menschen erschlossen werden, die Händel kannten, ihm begegnet sind oder die zumindest mit Leuten zu tun hatten, die Händel kannten. Folgerichtig widmen sich die ersten beiden Bände eines sechsbändigen Händel-Handbuchs beim Laaber-Verlag den Personen, die mit Händel zu tun hatten. "Händel und seine Zeitgenossen" von Hans Joachim Marx heißt im Untertitel "Eine biographische Enzyklopädie". In der 75-seitigen Einleitung zu den insgesamt 1125 Seiten der beiden Bände gibt Marx einen ebenso fundierten wie pointierten Abriss von Händels Leben und begründet mit dem Mangel an Dokumenten aus Händels eigener Hand seine Vorgehensweise. Mit Hilfe der Lebensgeschichten von Händels Mitmenschen kreist er gewissermaßen den Lebenslauf des Komponisten ein. Was Händel nicht einer Erwähnung wert war, das erschließt sich aus den Anmerkungen, Berichten und Erlebnissen seiner Zeitgenossen. Zum Beispiel beschreibt Marx im Kapitel über J.S. Bach, warum es nie ein Treffen zwischen Bach und Händel gegeben hat, obwohl beider Herkunft geographisch nicht weit voneinander entfernt war. Bach wollte Händel treffen. Eine Reise nach London wurde aber wohl nie erwogen. 1719 brachte Bach in Erfahrung, dass Händel auf Besuch bei seinen Eltern in Halle war und rüstete sofort zum Aufbruch. Am Tag als er dort eintraf, war Händel gerade abgereist. Ein weiterer Versuch zwischen 1730 und 1740 scheiterte an einer Erkrankung Bachs. Marx gelingt es in jedem Eintrag, Einzelheiten aus Händels Leben, Aspekte seiner Persönlichkeit herauszuarbeiten. Bei über 680 biographischen Artikeln ist das wirklich eine gigantische Leistung - nicht nur mussten die Personen gefunden werden, die in irgendeiner Beziehung zu Händel standen, es musste auch deren Leben genau beleuchtet und auf die Händel-relevanten Aspekte verdichtet werden.
Im Wesentlichen wird sich das Werk an die Wissenschaft wenden. Der eher allgemein an Händel Interessierte muss doch sehr viel Energie aufbringen, sich aus der Lektüre der Zeitgenossen ein Händel-Bild zu formen. Wer allerdings etwa die Monographie von Paul Henry Lang gelesen hat oder mit der Kürze des Bandes aus Groves Dictionary nicht zufrieden ist, der findet hier eine reiche Quelle für Information über Händels Leben aus den verschiedensten Blickwinkeln. Ein Langzeitprojekt, sowohl in seiner Entstehung als auch in seinem Nutzwert. Ein gewichtiger und höchst origineller Auftakt zum Händel-Jahr 2009.
Laszlo Molnar