Die Finanzkrise verschont die Künste nicht. Selbst das private und wohldotierte Glyndebourne Opera Festival bekommt die Folgen zu spüren - die Qualität sinkt hörbar.
(Glyndebourne, im Juli 2009) Sie sind immer noch da, die Schafe. Wie vor 75 Jahren, als zum ersten Mal britischer Adel und Großbourgeoisie aus London und der Umgebung in die Villa kamen. Schafe empfangen auch heute noch die gutbetuchten Opernfreunde, die inzwischen aus aller Welt nach Glyndebourne pilgern und in vielen Fällen schon vor den Aufführungen picknicken.
Da sieht man Herren rigosos in "black tie", in Smoking, und Frauen in eleganten Abendroben, die mit Tellern und Gläsern hantieren, die Klapptische und ?stühle aufbauen oder schon beim Champagnertrinken und Pastetenvernaschen sind.
Glyndebourne ist Oper und Picnick zugleich. Und das schon seit 75 Jahren. Ein elegantes, schickes Festival, das mehr als zwei Monate dauert, sechs Opern bietet und sich musikalisch treu bleibt.
"Die zentralen Ziele dieses Festivals sind immer noch die gleichen", erklärt David Pickard, Direktor des Festivals Glyndebourne. "Darunter vor allem zwei: erstens werden hier ausschließlich Opern auf die Bühne gebracht, von höchster musikalischer Qualität, und zweitens unterstützen wir junge Künstler". In Glyndebourne, so Pickard, "wurden ja viele spätere Stars entdeckt". Zum Beispiel Dame Janet Baker in vergangenen Zeiten und Danielle De Niese vor erst wenigen Jahren.
De Niese tanzt halbnackt mit voller Kraft
Die junge und recht attraktive Australierin De Niese singt in diesem Jahr in Händels "Giulio Cesare". Eine Wiederaufnahme einer Inszenierung, die vor einigen Jahren Premiere hatte und ein enormer Erfolg wurde.
David McVicar bietet eine recht erotisch angehauchte Regie. Am Pult steht Händelexperte Laurence Cummings und es spielt das Orchestra of the Age of Enlightenment. De Niese tanzt und singt so voller Kraft, und dabei halbnackt, dass sie das Publikum, bei jedem ihrer Auftritte mit Applaus und begeisterten Pfiffen bedachte. Dies vor allem nach der Pause, dem traditionellen "Long Interval" von rund eineinhalb Stunden, in denen die Gäste picnicken und dabei auch kräftig trinken. Der Alkohol wirkt sich aus ? aber auch das gehört zum Festival Glyndebourne.
Ein Festival, das, von Anfang an, komplett privat finanziert wird, mit den Mitteln eines eigenen Trusts und tausender prominenter und weniger bekannter Mäzene. Eine ganz bewusste Entscheidung, denn man will nicht in die Fänge staatlicher Abhängigkeiten und nur einiger weniger Sponsoren geraten.
Glyndebourne finanziert sich zu 70 Prozent selbst
"Wir finanzieren uns zu einem guten Teil aus dem Verkauf der Eintrittskarten, die rund 60 bis 70 Prozent der Ausgaben wettmachen", so David Pickard. "Der Rest kommt aus Schenkungen und Geldern, die die Mitglieder des Glyndebourne-Freundeskreises aufbringen". Und dann sind da noch die Einnahmen aus dem festivaleigenen Shop, mit DVDs und CDs und viel Nippes.
Das Festival kostet jährlich rund 16 Millionen Euro. Damit werden nicht nur die Sänger, Regisseure etc. bezahlt, sondern auch ein fester Mitarbeiterstab von 100 und ein saisonaler von 400 Personen.
Doch auch in Glyndebourne, das 1934 von dem Opernfreund John Christie und mit Hilfe der deutschen Emigrantenkünstler Fritz Busch und Carl Ebert gegründet wurde, leidet unter den Folgen der aktuellen Weltwirtschaftskrise. Dazu: "Die Krise trifft uns heftig, denn als Privatfestival bekommen wir das ja als erste zu spüren. Wir sind total unabhängig vom Staat", erklärt der russische Dirigent Vladimir Jurowski, seit acht Jahren musikalischer
Direktor des Festivals. "In den früheren Jahren", sagt er, "lag die normale Auslastung in Glyndbourne bei 98 Prozent".
In diesem Jahr sind es nur rund 70 Prozent. Wenn, wie jetzt, der Trust Gelder hinzuschießen muss, muss gleichzeitig bei Inszenierungen und Besetzungen gespart werden. Und das bekommt man zu sehen und zu hören. Die Zeiten mutiger und provozierender Inszenierungen, die sich nicht nur in erotisch-schlüpfrigen Interpretationen ergehen, sind vorbei. Ein Peter Sellars, der die "Zauberflöte" im Sektenmilieu ansiedelt, ist heute undenkbar. Man muß verstärkt auf den ästhetischen Horizont der wichtigsten privaten Sponsoren Rücksicht nehmen.
Gespart wird leider auch bei den Stimmen. Sarah Conolly zum Beispiel. Sie ist sicherlich ein ausgezeichneter Giulio Cesare, aber ihre Stimme ist zu klein für ein Theater. Ähnliches muss man auch von anderen Sängern sagen. Wirklich höchste Qualität, wie in früheren
Zeiten, wird, leider, nicht mehr unbedingt geboten.
Thomas Migge
Glyndebourne Festival Opera
21. Mai bis 30. August 2009
Falstaff von Giuseppe Verdi
Giulio Cesare von Georg Friedrich Händel
The Fairy Queen von Henry Purcell
Rusalka von Antonin Dvorak
L'Elisir d'Amore von Gaetano Donizetti
Tristan und Isole von Richard Wagner