Am Württembergischen Staatstheater treffen Bartók und Schönberg auf Heiner Müller
(Stuttgart, 20. Februar 2009) Acht Posaunen und Trompeten schallen im Verein mit dem vollen Orchester, dessen Klang der Dirigent Marc Piollet immer wieder dramatisch zuspitzte, aus dem Graben unisono und in gleißendem C-Dur von der Bühne der Stuttgarter Oper. Davor Blaubart, der mit erhobenen Armen symbolisch auf seine imaginären "weiten Lande" zeigt, während Judit, die gerade die fünfte Tür in Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" geöffnet hat, nur unbegleitet stottern kann. Dieser musikalische Orgasmus und das ebenso schlichte wie beeindruckende Bild gehörten zu den wenigen großen Momenten dieses dreiteiligen pausenlosen Abends, bei dem vor Schönbergs "Erwartung" überflüssigerweise noch eine komprimierte Fassung von Heiner Müllers "Quartett" eingeschoben war. Regisseur Thomas Bischoff nennt das Hineintreiben dieses Keils zwischen die beiden musikdramatischen Einakter eine "intellektuelle Gemeinheit". Sofern er damit nicht den brillanten zynischen Schlagabtausch zweier Adliger über Liebe, Macht, Sex und den Austausch von Körperflüssigkeiten nach Choderlos Laclos' berühmtem Briefroman "Gefährliche Liebschaften" meinte, desavouiert er schon vorab im Programmheft die eigene Arbeit.
"Blaubart" war der erste, längste und beeindruckendste Teil des Abends. Die Bühne: ein Rondell mit klassischem Tapetenmuster auf transparenten Wänden um eine immer wieder benutzte Hotelzimmer-Tür mit Nummer 1026, nach oben abgeschlossen durch eine siebenteilige (!) Hochglanzwerbung mit einer launigen, von Frauen dominierten Partygesellschaft (Bühne und Kostüme: Uta Kala). Statt Schlüssel für die sieben (!) Kammern seiner Burg kredenzt Blaubart der Frau, die sein Inneres erforschen will, Handküsse. Mühsam ist das, weil er ihr jedes Mal zuvor einen roten Handschuh abstreifen muss, den sie gleich wieder anzieht.
Der Koreaner Tito You ist ein großartiger Blaubart, denn er singt mit prächtigem, farbenreichem Bariton enorm differenziert, ausdrucksvoll und in perfekter deutscher Diktion. Mimisch, gestisch und in der Körperspannung stellt er einen Mann in den besten Jahren dar, der mit sich nicht im Reinen ist und zwischen erotischer Anziehungskraft, Zuneigung und virilem Machtanspruch schwankt.
Falsch besetzte Frauenrollen
Leider konnte die ursprünglich vorgesehene Christiane Iven wegen lang anhaltender Krankheit in der bereits verschobenen Premiere weder Judit noch die "Frau" in "Erwartung" singen. So trat der seltsame Fall ein, dass in "Blaubart" eine Ungarin - Andrea Meláth - ungarischen Originaltext deutsch singen musste und in "Erwartung" Elena Nebera die "Frau" sang. Die fehlende Personalunion stellte sich der szenischen Beglaubigung der Einheit der beiden Einakter in den Weg. Andrea Meláth musste mit eindimensional metallischem Organ eine vermeintlich emanzipierte, kalt berechnende Frau darstellen, was die Partie schlicht uninteressant machte. Noch mehr fehlbesetzt war Elena Nebera als "Frau". Wie notengetreu sie Schönbergs komplexe atonale Partitur gesungen hat oder auch nicht, sei dahingestellt, aber derart kehlig-gaumig, in der Tiefe fast ins Sprechen verfallend und so unbedarft im Spiel darf der allmähliche Wahnsinn einer Frau, die den vermeintlich von ihr getöteten Geliebten im nächtlichen Park sucht, nicht sein.
Regisseur Thomas Bischoff war zu diesem Stück allerdings auch nichts eingefallen, außer dass er die Tötung Blaubarts durch Judit - was nicht im Text steht - auf den vermeintlichen Mord der "Frau" an ihrem Geliebten bezieht. Wo im "Blaubart" auf die variablen Wände desselben Rundbaus noch magisch die freischwimmenden Requisiten der Waffen- und Schatzkammern Blaubarts oder seines "Tränensees" projiziert waren, flimmerte nun eine halbe Stunde lang zittriges Rot. Am besten konzentrierte man sich auf die fast durchweg präzise gespielten, ebenso schillernden wie knappen musikalischen Gesten, Farbtupfer und plötzlichen Stimmungswechsel im Orchester, die mehr vom Psychogramm der "Frau" erzählten, als man auf der Bühne und gesungen erfahren durfte.
Und "Quartett"? Wäre da nicht die grandiose Anke Hartwig gewesen, die Merteuil spielte, und die zierliche, jüngere Catherine Janke, die absurderweise die Männerrolle des Valmont darzustellen hatte, die Schrei-Orgie des Mittelteils wäre unerträglich gewesen. Denn während vorne die beiden Frauen, ebenfalls mit schwarzem Mantel und mit roten Handschuhen gekleidet, sich verbal zerfleischen, tänzelt hinten ein grauhaariger Altrocker namens FM Einheit von seinem Mischpult um große Stahlspiralen herum und traktiert sie mit Bohrmaschine und Metallteilen. Was nun der Text von "Quartett" wie die elektronisch verstärkte Geräuschkulisse, die sich in die Ohren bohrt, mit den beiden sonst zu recht oft gekoppelten musikalischen Einaktern zu tun haben, blieb offen, auch wenn das lauthals in die Stille vor dem Applaus hineingebrüllte "Scheiße!" den Tatbestand nicht ganz treffend wiedergab.
Klaus Kalchschmid
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