Klänge für die Sinne

Michael Mitterlehner und Steve Reich führen "Clapping Music" auf. Bild: Salzburg Biennale/P. Rosenlechner

Die erste "Biennale Salzburg": ein Festival, das seinesgleichen sucht. Am zweiten Wochenende stießen Steve Reich und Gamelan-Musik aus Bali auf ein begeistertes Publikum.

(Salzburg, 16. März 2009) Die Veranstalter selbst wollten ihren Augen nicht trauen. Da wälzten sich beim zweiten Wochenende der "Salzburg Biennale" die Massen durch die Foyers und Gänge. Vollbesetzte Reihen am Samstag im Großen Saal des Mozarteums beim Konzert mit Steve Reichs "Drummings" mit dem "Ictus Ensemble" aus Brüssel; kaum mehr Platz im "Republic" beim Auftritt eines balinesischen Gamelan-Orchesters aus dem Ort Tunjuk. Und wieder ausverkauft am Sonntag Vormittag, als - wieder Ortswechsel - Steve Reichs einstündige "Music for 18 Musicians" das Programm im Studio der Universität Mozarteum dominierte. Kein Zweifel daran, warum das so kleine Salzburg so viele ausgezeichnete Aufführungsorte für Musik hat. Und kein Zweifel daran, dass es eine gute Idee von Hans Landesmann war (siehe auch das KlassikInfo-Interview), das Musikverwöhnte Salzburg mit noch einem Festival zu schmücken. Seine erste "Biennale" für zeitgenössische Musik hat sich sofort nach dem Start als großer Erfolg beim Publikum entpuppt. Und als ein großer künstlerischer dazu.

Die "Salzburg Biennale" widmet sich in ihrer ersten Ausgabe unter dem Motto "Wahlverwandtschaften" der Musik zeitgenössischer "westlicher" Komponisten und der Musik aus Kulturen, von denen diese Komponisten Einflüsse übernommen haben. Beim ersten Wochenende, 5. bis 8. März, stand der schweizer Wahl-Österreicher Beat Furrer auf dem Programm und seine Wahlverwandschaft mit dem Urmodell des spanischen Flamenco, dem cante jondo. KlassikInfo konnte nicht dabei sein, aber Augen- und Ohrenzeugen jener Aufführungen gerieten in leidenschaftliches Schwärmen. Welch eine Musikalität. Welche eine Intensität des spanischen Gesangs. Gänsehaut bekam man da gleich reihenweise.

Im Großen Saal des Mozarteums spielte das Brüsseler "Ictus-Ensemble" Steve Reichs "Drummings". Bild: Sbg.-Bienn,/P. Rosenlechner

Solche Eindrücke konnte das zweite Wochenende, 12. bis 15. März, nur bestätigen. Der amerikanische Komponist Steve Reich war sein westlicher Protagonist, die Gamelan-Musik aus Bali sein geistiger Verwandter. Reich ist einer der Protagonisten der amerikanischen "Minimal-Music". Etwa zeitgleich mit Philipp Glass kreierte er seinen Stil; der New Yorker Reich ist der "Konstrukteur" unter den Minimalisten, zu denen neben Reich und Glass vor allem noch John Adams und Terry Riley gezählt werden. Er entwickelte seine Kompostionstechnik aus der Wiederholung kleiner rhythmischer Muster, die sich in mehreren Stimmen überlagern und neue Muster hervorbringen. Spätestens nach seiner Komposition "Tehilim" integrierte er auch akkordische Elemente, später auch Film ("Video-Operas") in seine Kompositionen. Wesentliche Anregungen für seinen Stil erhielt Reich aus der Musik Balis und Afrikas.

Über künstlerische Zusammenhänge zu theoretisieren, vielleicht sogar einen Aufsatz zu schreiben, ist das eine. Aber sie leib- und wahrhaftig zu hören, das ist ein anderes Erlebnis. Der Vollständigkeit halber hätte zu Steve Reich - der Komponist war anwesend - auch Musik aus Afrika gehört: seine Komposition "Drummings" und die "Clapping Music" für vier klatschende Hände (am Sonntag) verdankt sich afrikanischen Trommeltechniken. Aber das Klangwogen der "Music for 18 Musicians" (1976) schwingt auf einer Wellenlänge mit den rhythmischen Wechseln und den immer neuen motivischen Konstellationen, wie sie für den Gamelan kennzeichnend sind. Gänsehaut war auch hier angesagt: das "Österreichische Ensemble für Neue Musik" machte, zusammen mit der Salzburger Schlagzeugformation "Via Nova Percussion Group" und mit Sängerinnen der Londoner "Synergy Vocals", aus Reichs Wiederholungsmustern einen so pulsierenden Klangkosmos, dass man nach diesen Klängen geradezu greifen wollte. Phänomenal, für wie viel Arbeit an der Artikulation von Streicher-, Bläser- und Marimbaphon-Klängen in diesem Werk Platz ist, wie die Salzburger Musiker die Herausforderung geradezu suchten, in Reichs vermeintlich monotoner, weil von Wiederholung geprägter Musik den Pulsschlag zu finden. Eine Meisterleistung, ein Referenz-Ereignis.

Das Gamelan-Ensemble Taruna Mekar in seiner Heimat auf der Insel Bali. Bild: Salzburg-Biennale

Mehr noch als für die ästhetischen Aspekte war das Wochenende für die Selbsterkenntnis ein großer Gewinn. Denn was bewirkt solche Musik? Sie richtet den Geist neu, sie überbrückt unsere "westliche" Neigung, immer ein Ende ahnen zu wollen und deshalb in Phrasen, Abschnitten zu denken. Sie öffnet einen Raum freien Assoziierens und Meditierens und gibt Zugang zur Erkenntnis, das eben nicht alles auf der Welt nach unseren Denkmustern abläuft. Dies konnte man natürlich bei den Gamelan-Musikern aus Bali aus erster Hand erfahren. Das Ensemble, das nach Salzburg kam, ist nicht ein spezielles "Tournee"-Ensemble, das für westliche Bedürfnisse spielt. Das "Ensemble Taruna Mekar" ist ein echtes "Dorfensemble", dessen Mitglieder die Musik in ihrer Freizeit machen - und dennoch höchste Virtuosität auf ihren Schlaginstrumenten erreichen. Im "Republic" zu hören war Kunstmusik - Musik Balinesischer Komponisten, die aus der Tradition eigene neue Stücke für das ausschließlich mit Schlaginstrumenten besetzte Gamelan-Orchester geschrieben haben. Wichtiger als melodische Entwicklung ist die Variation bestimmer Motiv-Muster, aus denen ein Klang-Kontinuum entsteht. Dieses ist dann auch sehr geeignet als Begleitung zu rituellen oder neu choreographierten Tänzen, die in diesem Konzert ebenfalls zu sehen waren. Das Publikum zeigte sich rundum empfänglich für diese andere Art des Zuhörens und Hinschauens; solche Konzentration ist bei "klassischen" Konzerten nicht mehr oft zu erleben.

Gastlicher Ort: Im Foyer der Universität Mozarteum diskutieren die Besucher am Sonntag Vormittag über das gerade Gehörte. Bild: Sbg-Bienn./P. Rosenlechner

Das Schöne an diesem "Biennale"-Wochenende war zudem der entspannte, von Neugierde und Freude bestimmte Geist bei allen Beteiligten und Besuchern. Das ist auch für die kommenden Wochenenden - vom 19. bis 22. März mit Japanischer Musik rund um den Komponisten Toshio Hosokawa; vom 26. bis 29. März mit Klaus Huber und Musik aus den arabischen Ländern - zu erwarten. Wer von Ideologie freie, sich alleine am Reiz der Sache entzündende Freude an Neuer Musik erleben möchte, der sollte nicht zögern und nach Salzburg fahren. (alle Informationen dazu bei der Anzeige der Salzburg-Biennale auf unsrer Home-page und hier).

Laszlo Molnar