CD: Ludwig van Beethoven
Die Sonaten für Klavier und Violine
Isabelle Faust, Violine
Alexander Melnikov, Klavier
harmonia mundi, 4 CDs inkl. DVD mit "making of"
www.harmoniamundi.com
Zwei Jahre hat es gedauert und in dieser Zeit wurde gewiss viel nachgedacht, ausprobiert, verworfen. Vor zwei jahren, 2007, erschien die Aufnahme von Beethovens "Kreutzer"-Sonate mit der Geigerin Isabelle Faust und dem Pianisten Alexander Melnikov bei "harmonia mundi". Einem Label übrigens, das sich gerade dadurch erfolgreich dem "Niedergang" der CD-Labels entgegen stemmt, indem es sich energisch der Pflege eines anspruchsvollen Repertoires und von Künstlern mit klarem Profil zugleich verschrieben hat.
Quasi nur dort konnte es also auch geschehen, dass aus dem furiosen Auftakt mit Beethoven vor zwei Jahren nun auch das Ganze geworden ist. Die Gesamtaufnahme aller zehn Sonaten für Klavier und Violine.
Für die Gegenwart bedeutet diese Produktion den "State of the Art". Es geht nämlich nicht nur um das Können zweier inspirierter Künstler, die sich bestens verstehen. Es geht auch um den Stand des Wissens um Beethoven, um seine Zeit und um die Konsequenzen für das Verständnis seiner Musik.
Hier reflektieren und präsentieren Faust und Melnikov die Essenz dessen, was Forschung und Aufführungspraxis zur Einsicht in die Musik Beethovens - und seines gesamten Umfelds - beigetragen haben. Faust spielt die Violine anders als alle anderen vor ihr. Sie entdeckt für Beethoven eine Weite des Spektrums der Klangfarben und Spielweisen, die anderen einfach unbekannt war. Während Faust die Vielfalt ihrer Artikulationsweisen einer Enzyklopädie der Musik-Sprache entnommen hat, haben sich ihre "Vorgänger" höchstens bei besseren Wörterbüchern bedient. Ausnahmen bestätigen leider die Regel: es brauchte erst das Wissen der letzten Jahrzehnte, um Beethovens Sonaten derart wortgewaltig und facettenreich zum Sprechen zu bringen wie es Faust und Melnikov hier gelingt.
Das Anhören der 3 ½ CDs - CD Nummer 4 ist auf der anderen Seite eine DVD mit Szenen aus den Aufnahmen - wird deshalb nie eintönig; nie entdeckt man eine Masche oder Manier, mit der die Musiker den Stoff abarbeiteten. Statt dessen finden sie in jedem Stück den spezifischen Ton und entspinnen damit Stück für Stück einen Dialog, dem man nur gefesselt zuhören kann.
Aber Vorsicht: Klang-Kulinariker werden womöglich enttäuscht. Faust greift auch furchtlos zu herben, dürren Tönen. Sie scheut sich nicht, die Grenzen des Geigen-Klanges auszuloten. Sie nimmt alles, was das System Bogen-Saite hergibt, um Ausdruck und Geste von Beethovens Musik zu formen. Melnikov kann auf dem Flügel nicht so weit gehen. Aber auch sein Spiel wirkt nicht "kostbar" oder "edel". Statt dessen ist es lebendig, agil, gibt Formen und Farben vor oder nimmt sie von der Geige auf.
Egal, für welche Interpretation der Beethoven-Sonaten man sich weiter interessieren wird: diese wird man immer als eine Referenz heranziehen und Entwicklungen an ihr messen können.
Laszlo Molnar