Engelsgesänge aus New York

"Angels in America" in Frankfurt, Bild: Oper Frankfurt/Rittershaus

Die Frankfurter Oper zeigt die Aids-Oper "Angels in America" von Tony Kushner und Peter Eötvös

(Frankfurt, 21. März 2009). "Angels in America" - bekannt geworden als zweiteiliges Schauspiel, Fernsehserie und Musical über Aids und die Folgen, nicht nur unter der Hauptbetroffenengruppe der Schwulen - erlebte 2004 in Paris als Musiktheater von Peter Eötvös seine Uraufführung. Ein Jahr später wurde die zweieinhalb-stündige Oper erstmals in Hamburg gezeigt und in Amsterdam, Boston und im texanischen Fort Worth nachgespielt. Jetzt zeigten sich bei der exzellenten Frankfurter Erstaufführung im Bockenheimer Depot in jeder Sekunde die Qualitäten dieses ebenso eindringlichen wie subtil bühnenwirksamen Musikdramas augen- und ohrenfällig.

Konzentrierter als die Vorlage Kushners, widmet sich die Oper in der Libretto-Fassung von Mari Mezei mit einer oft wie eine Gloriole um die Protagonisten schimmernde Musik dem Thema als im New York der 80er Jahre spielendes Stationen- und Episodendrama, das geschickt verschiedene Erzählstränge verknüpft: Hauptfigur ist Prior Walter, der seinem Freund Louis Ironson bei der Beerdigung von dessen Großmutter offenbart, dass er an Aids erkrankt ist. Allmähliche Entfremdung und schließlich die Trennung des Paars ist die Folge. Im Krankenhaus erlebt Prior Halluzinationen, die sich in der immer präsenteren Erscheinung von Engeln manifestieren. Parallel dazu wird die Geschichte des versteckt schwulen, aber homophoben und ebenfalls an Aids erkrankten Rechtsanwalts Roy Cohn und sein Sterben erzählt, das Coming Out des jungen Mormonen Joe und die Geschichte seiner ebenfalls im Drogenrausch fantasierenden Frau Harper. Abgesehen vom Darsteller des Prior stellen alle Sänger verschiedene reale wie irreale Rollen dar.

Michael McCowns als Prior. Bild: Oper Frankfurt/Rittershaus

Bühnen- und Kostümbildnerin Stefanie Pasterkamp hat für die präzise, schnörkellose, aber teilweise minutiös choreographierte Inszenierung von Johannes Erath eine wie grauer Beton wirkende abschüssige Fläche um die Stahlträger des alten Tramdepots gegossen. In der Mitte klafft ein Spalt in Form weißer Stufen, die im leeren Raum enden, als himmlische Jakobsleiter und irdische Showtreppe oder beides zugleich benutzbar. Dieser Raum lässt sich wunderbar als Simultanbühne verwenden, vor der das relativ kleine Orchester platziert ist: 19 Streicher, sparsame Bläserbesetzung, aber je zwei Keyboard-Spieler, Gitarristen, Saxophonisten und vier Schlagzeuger, oft an Melodieinstrumenten wie Marimbaphonen. Schon daran lässt sich ablesen, wie irisierend das Klangbild dieser Oper sein darf, wie zart gesponnen meist die musikalischen Kokons um die Figuren sind, wie fein die Musical-Allusionen. Nur selten bricht dieser ebenso dichte wie durchsichtige Klangvorhang auf, faltet er sich für Momente dramatisch. Der junge Erik Nielsen dirigiert die exquisite Partitur mit ebenso viel Feingefühl wie Eleganz. Und das Frankfurter Museumsorchester musiziert samt Gästen mit eminenter Sensibilität, Klarheit und Klangsinnlichkeit.

Auch im exzellenten Sängerensemble, das mit Mikroports ausgestattet ist, gibt es keinen Ausfall, dafür viele beglückende Einzelleistungen: etwa Peter Marsh mit schönem, hell und weich timbriertem Tenor als Louis (und Angel Oceania) und der nicht minder intensiv agierende, wenn auch am Ende leicht heiser gesungene Tenor Michael McCowns als Prior. Irisierend und phänomenal genau in seinen tänzerischen Bewegungen: der männliche Sopran Jeffrey Kim (Mr. Lies/Belize/Woman/Angel Africani). Die finnische Mezzosopranistin Jenny Carlstedt singt und spielt Harper/Ethel Rosenberg/Angel Antarctica mit bewundernswerter Charakterisierungskunst; auch ihre Fachkollegin Christine-Marie Hill war in jeder ihrer Rollen (Rabbi/Hannah/Henry/Angel Asiatica) perfekt. Last but not least gab Dietrich Volle dem Macho-Kotzbrocken Roy Cohn eindringliches Profil.

Klaus Kalchschmid

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