Hommage a Eugene Ysaye. Ingolf Turban, Violine, Kolja Lessing, Klavier und Violine. Telos, 2 CDs
Herbe Eleganz, melancholischer Charme und leidenschaftliches Feuer - die Doppel-CD "Hommage à Eugène Ysaye" bietet eine breite Palette an Ausdruck und Stilvielfalt. Zum 150. Geburtstag des belgischen Virtuosen und Komponisten stellt der Geiger Ingolf Turban eine Auswahl aus 30 Jahren Kompositionsschaffen Ysayes vor. Dabei berücksichtigt er neben den bekannten sechs Solo-Sonaten für Violine auch frühere Kammermusikwerke, die bislang kaum Beachtung erfahren haben. Durch schachbrettartige Anordnung entsteht eine schöne, abwechslungsreiche Dramaturgie. Erstmals kann durch diese musikalische Zeitreise ein umfassendes Bild von Ysayes stilistischer Vielfalt gewonnen werden, in der sich Elemente der ausklingenden Romantik mit der aufkeimenden Moderne mischen. Damit erweist sich Eugène Ysaye als Grenzgänger in jeglicher Hinsicht. Er ist Romantiker und Visionär zugleich! Außerdem hat er mit Vorliebe Stile kopiert; so auch in den sechs Solosonaten, die er sechs großen Geigern seiner Zeit widmete. So geht er in der vierten Solosonate Fritz Kreislers Vorliebe für die alte Musik Bachs nach, während er in der dritten Enescus Verwendung von Vierteltönen imitiert. Ingolf Turban wird mit seiner Interpretation der facettenreichen Stilistik Ysayes in jeder Hinsicht gerecht. Sein nuancenreiches Violinspiel umfasst alle Farbschattierungen von gehauchter Tristesse, schwelgender Leidenschaft und sprudelnder Feuerwerkspracht. Mit seinem musikalischen Partner am Klavier, Kolja Lessing, präsentiert er mit viel Charme, Witz und verhaltener Expressivität das Kleinod "Lointain Passé". In eine fast schon sphärische Welt führen die beiden mit Ysayes "Poème élègiaque". Anklänge an Wagners Tristan und Ravel sind kein Zufall, sondern begründet in Ysayes Grenzgängerdasein. Mit spielerischer Leichtigkeit lässt Ingolf Turban in den "Paganini-Variationen" ein Feuerwerk an Virtuosität aufblitzen. In der Sonate für zwei Violinen greift der vielseitig begabte Kolja Lessing selbst auch zur Geige. Das Mammutwerk von fast 40 Minuten Länge stellt hohe technische Anforderungen an beide Geiger: die polyphone Struktur verleiht ihm schon fast etwas Symphonisches. Die Kunst der Polyphonie auf der Geige gehört zu den besonderen Vorlieben Ysayes, die er selbst in seinen Kompositionen bis an die Grenzen ausgereizt hat. Die Schwierigkeit, das auf der Geige umzusetzen, ist den Aufnahmen nicht anzuhören. Auch in den Solosonaten gelingt es Ingolf Turban die Mehrstimmigkeit mit der nötigen Transparenz wiederzugeben, ohne dabei den musikalischen Bogen zu vernachlässigen. Sehr gut gelingt ihm das auch in der zweiten Solosonate, wo in einer Collage das "Dies irae" - Motiv aus dem gregorianischen Choral mit Bachs dritter Partita aus der Sammlung der Solowerke für Violine kombiniert wird. Präzision, Leichtigkeit und erstaunliche Farbvielfalt zeichnen diese CD besonders aus. Mit dem abschließenden "Exil!" setzt Ingolf Turban zusammen mit seinem Streicherensemble "I Virtuosi di Paganini" dem Grenzgänger Eugène Ysaye nicht nur ein musikalisches Denkmal.
Susanna Felix