2008 Tanz München

Panoptikum der „GegenWelten“

„Under the Skin“ von Myrna Packer Foto: Kelly Gottesman

DANCE 2008 – Das Internationale Festival des zeitgenössischen Tanzes in München vom 25. Oktober bis zum 8. November glich in seiner elften Ausgabe einem Veranstaltungsmarathon mit vielen Durchhängern und wusste doch, durch eine Hand voll „Treffer“ zu begeistern.
(München, im November 2008) Das beste Pulver verschoss Kuratorin Bettina Wagner-Bergelt gleich zu Beginn. Mit Hofesh Shechter holte sie einen Isreali in die Landeshauptstadt, der die Londoner Tanzszene schon seit einigen Jahren in Atem hält. Seine an sich ähnlich gestrickten vier Stücke überraschten durch die eigenwillig harsche Dynamik, mittels derer er unbequeme Gesellschaftsbilder, Situationen von Bedrohung, Aufbegehren, Gewalt, hilflosen Annäherungsversuchen oder (ja, auch das!) Momenten des Vergnügens kreiert: Bewegungsgeschichten, angesiedelt im Irgendwo zwischen Alltag und Krieg. „Uprising“ z. B. ist ein Stück, in dem er mit sechs Kollegen in vornehmlich gebückter Haltung und affenartiger Geschwindigkeit über die Bühne jagt. Ihre vom Haaransatz bis in die Fußsohlen agilen Körper strotzen vor Kraft und haben einen Drive wie unter Strom. In „Fragments“ lässt er eine Frau und einen Mann wie unter elektrischer Abstoßung umeinander driften. So sehr die beiden sich auch anstrengen und den eigenen Körper hin zum anderen schlängeln: die ersehnte, innige Umarmung bleibt ihnen versagt. Erneut umkreisen sie sich wie Fische in einem ausweglosen Aquarium aus diffusem Licht und schrillem Sound. Was die Musik angeht, liebt Shechter es nämlich laut, geräuschvoll und rockig. Bei DANCE 2008 ist er da nicht der Einzige, hält sich dafür aber dankenswerter Weise an noch verträgliche Pegelwerte.
Top aber Flop
Elektrisierend wirkte auch, was die drahtigen Jungs der brasilianischen Grupo de Rua de Niterói unter Bruno Beltrăo in „H3“ mit dem Ziel, Raumwahrnehmung und physische Konfrontation zu schärfen, auf die Bühne pfefferten. In verzahnten Formationen preschten und kreiselten sie übers Plateau und formten anhand des HipHop’schen Bewegungsrepertoires Duette, die ihre Energie aus Konflikten oder Komplizenschaft zogen. Wie die neun Streetdancer das machten, war beeindruckend – für eine rundum spannende Tanzperformance jedoch zu wenig. Ebenso wie das verblüffende Crossover von Live-Tanz und Video der Amerikaner Myrna Packer und Art Bridgman. Für ihre in Deutschland erstmals gezeigte „Trilogy“ verließen sie sich auf neueste Techniken. Und doch erschöpften sich trotz ungewöhnlicher Projektionsideen die frappierenden visuellen Effekte von Dopplungen, Identitätsüberblendungen und Schwebeillusionen leider allzu schnell.
Skurrile Episoden
Noch bevor das Kernprogramm am 25. Oktober startete, gastierten (neben einer hauseigenen Premiere) bereits fünf „kindgerechte“ Produktionen in der SchauBurg. „DANCE 4 kids“ nannte sich das neue Spezial, das mit zwei höchst reizvollen Vorstellungen ausklang: dem zauberhaften Zirkusduett „Edgar“ des riesenhaften Träumers Grayson Millwood und seiner zierlichen Partnerin Claudia de Serpa Soares sowie Christian Spucks bis ins letzte Detail ausgefeiltem „Don Q“. Letzterer hatte das von darstellerischer Brillanz nur so sprühende Meisterstück über einen älteren Herrn (Egon Madsen) und seinen jungen Weggefährten (Eric Gautier), die in ihrer tragisch-absurden Zweckgemeinschaft gefangen sind, 2007 in Anlehnung an Cervantes „Don Quijote“ ersonnen. Diese „nicht immer getanzte Revue über den Verlust der Wirklichkeit“ mit ihren skurrilen – mal witzigen, mal melancholischen – Episoden zählte zu den Highlights!

Eric Gautier und Egon Madsen in „Don Q.“ Foto: Regina Brocke

Aktionen und Reaktionen
Vergleichbar stark in seiner grotesken Wechselwirkung von gegenseitiger Manipulation und Passivität präsentierte sich im i-camp die Uraufführung „Hotel Hassler“. Das Trio des Berliner Duos „Wilhelm Groener“ (bestehend aus Günther Wilhelm und der bildenden Künstlerin Mariola Groener) punktete zudem mit wahnwitzigen Bewegungsverkettungen seiner drei Darsteller, die wie ferngesteuerte Marionetten die Skala zwischen Empathie und Grausamkeit ausloteten. Entscheidend dabei: das perfekte Timing – eine Qualität die auch Wim Vandekeybus und sein hitzig-aktionistisches Ensemble Ultima Vez seit mehr als 20 Jahren auszeichnet.
In „Spiegel“, gezimmert aus Bruchteilen von sechs seiner wichtigsten Werke aus den Jahren 1987 bis 2000, reflektiert der Belgier den eigenen Werdegang. Wuchtig und sanft, wie ein stets zum Angriff bereiter Tiger. Weder die gehechteten Sprünge noch das furiose Schleudern von Ziegelsteinen, die nur so durch die Luft fliegen, haben an Kraft verloren! Ganz zu schweigen von Vandekeybus‘ leiseren Passagen (wie dem kokett-ehrgeizigen Federpusten), die neben Akrobatik, Schnelligkeit und vollem Körpereinsatz das schauspielerische Können aus seinen Interpreten kitzeln. In Simone Sandronis fetzig-rebellischem und aggressionsgeladenem Frauenstück „A Glimpse of Hope“ der italienischen Kompanie Déjà Donné konnte man am Ende des mehr als zweiwöchigen Festivals erleben, wie sehr sein Stil manch jüngeren Kollegen geprägt hat.
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Mit der eigenen Geschichte beschäftigte sich ebenso Rosemary Butcher, renommierte Vertreterin des amerikanischen Post Modern Dance. Von Radikalität war auf der antiseptisch wirkenden, von zwei Leinwänden flankierten Tanzfläche bei der Uraufführung von „Episodes of Flight“ jedoch rein gar nichts zu spüren. Ohne erkennbaren Zusammenhang zu den linearen und geometrischen Projektionen (Sinn und Inhalt ließen sich, falls überhaupt, nur aus dem Programmzettel erschließen) schob und zog Elena Giannotti ihren biegsamen Körper durch den Raum. Das sparsame Vokabular war dazu angetan, den Zuschauer mittels einer meditativen Endlosschleife aus Robben, Kriechen, Rutschen, Rollen und bodennahem Vorwärtstasten einzulullen.
Außer ihr hatte Bettina Wagner-Bergelt – schon 1987 und 1989 mit der Leitung der zwei ersten DANCE-Ausgaben betraut – deren New Yorker Kollegin Deborah Hay eingeladen. Sie brachte ihre im letzten Jahr im Auftrag von William Forsythe entstandene, emotionsgeschürte und exzentrische Persiflage auf die Unwegsamkeiten des Menschseins „If I Sing To You“ mit.
Reizüberflutung
Terror herrschte in VA Wölfls Stück „12/… im linken Rückspiegel auf dem Parkplatz von Woolworth“. Hier wurden Geigen zertrümmert, Papier geschreddert und Tanz ausdruckslos konform ritualisiert. Die von einem Augenzwinkern begleitete Demontierung von Hochkultur einerseits und der Unterhaltungsindustrie andererseits stand im Zentrum der 15 Akteure. Mittel zum Zweck waren ohrenbetäubender Lärm und selbstgesungene, auf volle Lautstärke hochgetunte Popsongs: Reizüberflutung, die, gekoppelt mit den präzise durchstrukturierten Körperaktionen, im Verlauf der 90-minütigen Performance widersinniger Weise zu faszinieren begann.
Im Gegensatz dazu fiel „Apertae“, die Kreation des Franzosen Bernardo Montet, blass aus. Abgesehen von einigen gelungenen Momenten blieb das Stück konfus. Noch mehr enttäuschte Chris Zieglers interaktive Installation „forest 2 – another midsummer“. Viel Computerlogistik wurde hier aufgewendet für einen langweilig-wirren Mix aus Projektionen, Klängen und Worteinspielungen. Einzig Puck (Friederike Plafki) huschte als lebendiges Wesen inmitten eines sterilen Waldes voll hängender Leuchtstäbe zwischen den ratlos herumirrenden Besuchern hin- und her.
Wechselbad statt Gegenwelten
Geradezu phantasievoll und sogar unterhaltsam gelang es dagegen Wendy Houston in ihrer mit trockenem Humor unterfütterten One-Woman-Show „Desert Island Dances“, das Publikum auf eine imaginäre Reise aus Erinnerungen, Träumen und kodierten Bewegungen mitzunehmen. Weniger erfolgreich war da die Niederländerin Ivana Müller. Der Clou ihrer sprechlastigen Show „While We Were Holding It Together“ lag in der Verweigerung jeglicher Bewegung. Was nicht heißt, dass das Ausharren der drei Männer und zwei Frauen in ein- und derselben Pose bis fast zum Schluss keine eindrückliche Wirkung erzeugt hätte. Rückblickend konnten das fast alle der insgesamt über 20 Produktionen. Was aber noch kein Garant für Qualität ist. So ging Stefan Dreher seinen Beitrag „Ausgenommen die Hunde“ richtig vielversprechend an. Mit originellen Kopfmasken, Krücken und einer frechen tierischen Allüre ließ er seine sechs Performer auftreten. Höllisch gute Hunde, die sich bald zu streitbaren Tänzern wandelten und in Fremdsprachen, Aussprachevarianten und Assoziationen eine Wortschlacht rund um den Begriff „Dog“ lieferten. Trotz der verbindenden Texte von Ruth Geiersberger verpuffte der Reiz an Imagination. Ein Phänomen, quasi symptomatisch für ein Festival, dass bei aller Abwechslung zwischen Bewegung und Reglosigkeit, Stille und Lärm, Realität und Irrealität, Konkretem und Abstraktion, Besinnlichkeit und Schockerei, Geschichtsbewusstsein und zeitgenössischen Tendenzen gegen Ende hin einfach ausfranste.

Vesna Mlakar

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